Lokale Kultur

Rastloser Posaunist, "Mondscheinbauer" und unkonventioneller Überflieger

KIRCHHEIM Was lesen eigentlich Kommunalpolitiker, wenn sie nicht gerade bis über beide Ohren mit Sitzungsvorlagen zugedeckt sind, die bis zu den alles entscheidenden Beratungen der jeweils zuständigen Ausschüsse, des Ältestenrats oder des Gesamtgremiums gewissenhaft durchgeackert sein müssen? Stellvertretend für alle im Kirchheimer Ratsgremium vertretenen Mitglieder befragten wir im Rahmen einer kleinen Serie die vier Vorsitzenden der im Kirchheimer Ratsgremium vertretenen Gemeinderatsfraktionen.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Trotz modernster Solar-Reflektoren und gravierender Eingriffe in die einstige Gebäudesubstanz ist der landwirtschaftliche Charakter des Heimes von Helmut Kapp erhalten geblieben. Ein großes Scheunentor zur Straße hin gibt es genauso wie eine großzügig verglaste "Rückseite" mit Wintergarten und großartigem Blick zur Teck. Besucher werden schon im Treppenhaus von vielen Büchern, Bildern und Mitbringseln von unterschiedlichen Reisen empfangen.

Mitten im offenen Wohn- und Essbereich steht ein weißes Klavier, dessen Gebrauch derzeit wohl eher eingeschränkt ist. Eine den Deckel fixierende Schnur soll offensichtlich verhindern, dass sich die Enkelkinder bei ihren Besuchen zu intensiv für experimentelle Musik begeistern können. Helmut Kapps Leidenschaft für das facettenreiche Thema Kultur hat eine klare Priorität und basiert eindeutig auf der Vorsilbe "Agri . . ." Seine berufsbegleitenden landwirtschaftlichen Leidenschaften haben dem Vorsitzenden der CDU-Gemeinderatsfraktion schon längst den Spitznamen "Mondscheinbauer" eingebracht. Wer tagsüber nie Zeit hat und am Spätnachmittag und frühen Abend auch nicht, weil dann viele der Besprechungen und Sitzungen beginnen, die einen Großteil von Helmut Kapps "Freizeit" ausmachen, kann als leidenschaftlicher Nebenerwerbslandwirt seine Ländereien nun einmal nur im Schutz der Dunkelheit umtreiben.

Damit ist allerdings endgültig Schluss und auch die trügerische Ruhe, mit der das Gespräch begonnen hat, ist rasch vorbei. Helmut Kapp hat eigentlich "alle Zeit der Welt", doch schon das erste Klingeln des Handys mit dem seine Frau dann ins Nebenzimmer verschwindet, um nicht mehr zurückzukehren deutet unmissverständlich auf eine Parallelveranstaltung hin.

Helmut Kapp hat seine vielen landwirtschaftlichen Geräte zum Verkauf ausgeschrieben. Der nach langjährigem "Mondscheinbau" endgültig vollzogene Schnitt bedeutet: keine Landwirtschaft mehr "nebenher". Nachdem die Grundstücke verpachtet sind, melden sich nun die ersten Interessenten für die zum Verkauf angebotenen landwirtschaftlichen Geräte.

Alles wird aber nicht verschleudert. Traktor und Hänger bleiben auf jeden Fall im Haus. Schließlich gilt es ja auch weiterhin, einen Hektar Wald zu bearbeiten und etwa eineinhalb Hektar Streuobstwiesen zu pflegen des schon seit Jahren selbst geschlagenen Weihnachtsbaumes für den Wintergarten und vor allem auch der mostseligen Sommerabende wegen.

Helmut Kapp ist es gewohnt, auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Anders könnte er seine vielfältigen Aktivitäten auch gar nicht unter einen Hut bringen. Der gelernte Architekt und Geschäftsführer eines Wohnbauunternehmens ist schließlich auch noch im Kreistag engagiert, Fraktionsführer der Kirchheimer CDU-Gemeinderatsfraktion, Mitglied im Naberner Ortschaftsrat und natürlich auch im CDU-Stadtverband. Dann sind da auch noch die kulturtreibenden Vereine. Neben seiner Mitgliedschaft im Posaunenchor ist Helmut Kapp auch Mitbegründer des Vereins Bürgerhaus Nabern einer von ihm in vielen ehrenamtlichen Stunden nicht "nur" architektonisch betreuten "Herzenssache". Die das Naberner Ortsbild prägende Zehntscheuer konnte vor dem Verfall gerettet werden und ist längst zum wichtigen Veranstaltungsforum für Musik, Lesungen, Kabarett und andere Erscheinungsformen "lokaler Kultur" geworden.

Neben allen Arten von Kultur spielt auch Sport für Helmut Kapp eine große Rolle, was sich zunächst wieder im ehrenamtlichem Engagement niederschlägt. Schon als Student war er maßgeblich und "kostenneutral" am Bau des Sportvereinsheims tätig. So macht man sich Freunde und weckt Begehrlichkeiten für weitere "gute Taten". Helmut Kapp ist aber auch selbst sportlich aktiv. Als Mitglied zweier Gleitschirmvereine hebt der Kommunalpolitiker gern auch einmal ab. Im April 2000 wirbelte er angesichts nur "suboptimaler" Witterungsverhältnisse etwas zu wagemutig durch die Lüfte und landete unfreiwillig in der höchsten Buche, die sich ihm plötzlich kompromisslos in den Weg gestellt hatte. Stolze zweieinhalb Stunden hing er dann in den Seilen, bis ihn ein mit Steigeisen ausgestatteter Retter aus seiner misslichen und durchaus nicht ungefährlichen Lage befreien konnte.

Ein leidenschaftlicher Motorradfahrer ist Helmut Kapp auch noch. Mit seiner BMW damals noch Modell Paris Dakkar" fuhr er gleich nach seinem 50. Geburtstag in einer Woche von Nabern nach Palermo und über Bari, Dubrovnik und Sarajevo in die Kirchheimer Partnerstadt Kalocsa. Auf vier Rädern ist er häufig auch auf der "falschen Fahrbahnseite" unterwegs. Da eine seiner drei Töchter im englischen Bath lebt, hat Helmut Kapp schon manche Nacht mit seiner als Lehrerin tätigen Frau auf dem Weg in Richtung Fähre und anschließend auf der "falschen Straßenseite" verbracht. Immer wieder wird die Zeit der Schulferien genutzt, um Wein, Wurst und schwäbisches Bier in das jenseits des Ärmelkanals liegende und für seine "köstliche Küche" bekannte Großbritannien zu transportieren. Mit entsprechenden Rationen original englischen Tees an Bord geht es dann wieder zurück.

Während der erste Interessent an landwirtschaftlichen Gerätschaften schon ungeduldig im Hof hin- und hergeht, nimmt sich Helmut Kapp davon völlig unbeeindruckt noch die Zeit, eine möglichst umfassende Liste seiner literarischen Leidenschaften zusammenzustellen. Die Lektüreliste beginnt mit dem "Teckboten" und der "Stuttgarter Zeitung", führt über ein für ihn im Brennpunkt stehendes Nachrichtenmagazin über unterschiedlichste Architektur-Zeitschriften und die bei ihm gleich in dreifacher Potenz sich türmenden Sitzungsunterlagen von Ortschaftsrat, Stadtrat und Kreistag über die ADAC-Motorwelt und zwei Gleitschirmzeitschriften endlich doch noch zum eigentlichen Ziel des Gesprächs: Die faszinierende Welt der Bücher.

Lesen? Ja, doch, wenn er Zeit findet, schon aber wo soll sich da noch Zeit finden? Manfred Bomms "Irrflug" fällt ihm plötzlich ein. Dieser Krimi, der an einem Sommermorgen auf dem Kirchheimer Sportflugplatz Hahnweide mit einer toten Frau und einer verschwundenen Cessna recht viel versprechend beginnt, hat den Vorsitzenden der Kirchheimer CDU-Gemeinderatsfraktion offensichtlich nicht mehr losgelassen. Nur zwei Tage später konnte er den begeistert verschlungene Kriminalroman beiseite legen. Sobald er wieder Zeit hat, stürzt sich Helmut Kapp auf das nächste Buch. Das könnte aber noch ein paar Tage dauern . . .