Lokale Kultur

Reminiszenz an die Gründerzeit der Sängerbewegung

KIRCHHEIM Das große Gemeinschaftskonzert aller Kirchheimer Gesangvereine in der Stadthalle stand unter dem Thema: "Die Chormusik der Romantik". Sieben Chöre aus Kirchheim, Nabern, Jesingen, Ötlingen und Lindorf widmeten sich den

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RENATE SCHATTEL

Komponisten Johannes Brahms, Robert Schumann, Emil Waldteufel und insbesondere Friedrich Silcher, dem Begründer der urschwäbischen Liedertafel. In wechselnden Zusammensetzungen, vereint als Gemischte Chöre, als Frauen- oder Männerchöre lebte die Gründerzeit der Gesangvereine musikalisch auf.

War in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Motivation für das Singen in Vereinen politisch im Erstarken des selbstbewussten Bürgertums begründet, so gilt es heute, den Gesang als solchen überhaupt am Leben zu erhalten, das traditionelle Liedgut zu pflegen und sich um Nachwuchs zu sorgen und das geht besser gemeinsam als alleine. Zusammengehörigkeitsgefühl für den Gesang und der Wunsch, der Öffentlichkeit ein breit gefächertes Gesangsspektrum zu bieten waren Gründe dafür, dieses Konzert zu veranstalten.

Nach der Begrüßung durch den Vizepräsidenten des Karl-Pfaff-Gaues, Wilhelm Braun, führte der Vorsitzende des Liederkranzes Nabern, Manfred Neumann, launig durch das ansprechende Programm. Im ersten Block sangen die Gemischten Chöre der Eintracht Jesingen und des Liederkranzes Nabern unter der Leitung von Christian Vogt als Auftakt "Erlaube mir, feins Mädchen" von Johannes Brahms. Ausgezeichnet hat Christian Vogt mit den Chören die Brahmssche Zartheit musikalisch gestaltet. Neben weiteren Liedern gelang der chorischen Einheit das "Zigeunerleben" von Robert Schumann in beeindruckender Weise.

Am Flügel begleitete zuverlässig, unermüdlich und brillant Wolfgang Junker. Mit den Frauen aus der Eintracht Kirchheim, dem Frohsinn Ötlingen, dem Kirchheimer Liederkranz und dem Liederkranz Lindorf studierte Eckhart Naumann "Auf dem Wasser" von Friedrich Silcher, "Aus der Jugendzeit" von Robert Radecke und "Leise erklingt eine Melodie" von Arthur Rubinstein ein, begleitet von Wolfgang Junker. Historisch betrachtet hat der Kirchheimer Liederkranz die längste Tradition, ist er doch schon 1826 begründet worden und gehört zu den Säulen der Sängerbewegung. Erst 1970 dagegen wurde der SingOutChor von dem auch heute schon legendären Gotthilf Fischer zusammen mit vielen anderen SingOutChor-Gruppen im Land ins Leben gerufen mit der Begründung, mit neuem Liedgut und jungen Sängerinnen und Sängern besagten Liederkränzen zu entwachsen und dennoch die Sangestradition aufrecht zu erhalten.

Der SingOutChor hat sich über die Jahre aber auch aus der Aufbruchstimmung der wilden 70er weiterentwickelt und singt heute Liedgut aus der Renaissance über romantische Lieder bis zu Jazzarrangements. Für das Konzert der Gesangvereine brachte er von Johannes Brahms acht der 18 Liebeslieder für vierstimmigen Gemischten Chor in gewohnter Präzision zu Gehör. Ella Stückelmaier begleitete am Flügel. Ebenfalls von Johannes Brahms ertönten die "Zigeunerlieder", dargebracht von den Gemischten Chören der Eintracht Kirchheim und dem Liederkranz Lindorf. Robert Kast am Piano hatte ein spezielles Arrangement für diese Besetzung geschrieben, das Dirigat führte Oliver Fredel.

Die traditionellste Form des chorischen Singens in Vereinen geschah zu Friedrich Silchers Zeiten in Männerchören. Im Kirchheimer Konzert traten nun die gestandenen Männer der Eintracht Jesingen und Kirchheim, des Frohsinns Ötlingen, der Kirchheimer, Lindorfer und Naberner Liederkränze auf und demonstrierten gepflegte Sangeskunst mit sechs Silcherliedern unter der Leitung von Wolfgang Junker. Zum Schluss sangen die Gemischten Chöre von Frohsinn Ötlingen und Kirchheimer Liederkranz beschwingt unter der Leitung von Professor Rolf Hempel unter anderm "Ganz allerliebst" von Emil Waldteufel.

So schön dieses Konzert als Reminiszenz an die Gründerzeit der Sängerbewegung auch gewesen sein mag, für die Zukunft der Gesangvereine ist es dringend notwendig, modernes Liedgut und junge Chöre in den Konzerten zu etablieren.