Lokale Wirtschaft

Rheumadecken vom Insolvenzverwalter

Die Maschen werden immer abenteuerlicher, doch das Ziel bleibt stets das gleiche: Arglose, meist ältere Menschen sollen zu Verkaufsveranstaltungen gelockt werden, wo ihnen oft minderwertige Produkte zu überhöhten Preisen aufgeschwatzt werden. Neuerdings geben sich zwielichtige Veranstalter sogar als Insolvenzverwalter aus.

KORNELIUS FRITZ

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KREIS ESSLINGEN Seit einigen Wochen kursiert im Kreis Esslingen ein Brief von einem "Verwaltungsbüro In-Sol". Darin gibt sich die Firma, die als Adresse ein Postfach im niedersächsischen Atter angibt, als Insolvenzverwalter zweier Werbefirmen aus. "Nach Durchsicht der uns übergebenen Unterlagen stellen wir fest, dass Sie noch einen offenen Guthabenbetrag haben", heißt es in dem Brief. Aus einem Preisrätsel stehe dem Empfänger noch eine Summe von 458,22 Euro zu. Der unverhoffte Geldsegen soll dem Gewinner aber nicht aufs Konto überwiesen werden, stattdessen wird ein bestimmter Tag als "Termin zur Übergabe öffentlich und letztmalig angesetzt".

Und damit auch wirklich alle Empfänger an dieser Übergabe teilnehmen können, habe man eigens einen Bus eingesetzt. Wohin die Reise geht, verschweigt der Brief, dafür wird den Teilnehmern ein "gutbürgerliches Frühstück" sowie "ein schmackhaftes, reichhaltiges Mittagessen" versprochen. Außerdem dürften sie aus den Restbeständen einen Artikel kostenlos mitnehmen, zum Beispiel ein 70-teiliges Goldbesteck, Winter-Rheumadecken oder ein 36-teiliges Kaffeeservice.

Obwohl er von dem angeblichen Insolvenzverwalter zum ersten Mal hört, weiß Hans-Peter Ensinger sofort, was er von dieser Offerte zu halten hat: "Es geht ausschließlich darum, Kunden für eine Verkaufsveranstaltung zu gewinnen", sagt der zuständige Sachbearbeiter der Polizeidirektion Esslingen. Um dieses Ziel zu erreichen, sparen die Veranstalter nicht mit Versprechungen. Was davon eingehalten wird, steht auf einem ganz anderen Blatt. Ensinger selbst hat einmal inkognito an einer Fahrt teilgenommen, bei der versprochen wurde: "Sie erhalten garantiert den Bargeldhauptgewinn von 3000 Euro." "Bekommen haben wir dann aber nur ein Rubbellos, wie man es an jedem Kiosk kaufen kann", erzählt Ensinger.

Statt Geld zu verteilen, wollten die Veranstalter lieber Geld verdienen. Die Teilnehmer werden in der Regel in abgelegene Landgasthöfe gefahren. Wohin es genau geht, wird aus Angst vor Repressalien meist verschwiegen: "Selbst dem Busfahrer wurde das Ziel erst unterwegs per Handy mitgeteilt", erinnert sich Ensinger an die Kaffeefahrt, an der er teilgenommen hat. Bei der Verkaufsveranstaltung wurden die Teilnehmer dann von psychologisch geschultem Verkaufspersonal mehrere Stunden lang weich geklopft. Wer Magnetfeldmatratzen und Vitaminpräparate trotzdem nicht kaufen wolle, werde unter Druck gesetzt oder als Absahner hingestellt, berichtet Ensinger.

Dass die unseriösen Anbieter mit ihren falschen Versprechungen gegen Gesetze verstoßen, ist offensichtlich. Doch die Versuche, ihnen ihr Handwerk zu legen, gleichen einem Kampf gegen Windmühlen. "Das Problem ist, den richtigen Gegner zu finden, denn wir können ja kein Postfach verklagen", sagt Friedrich Pfeffer, Leiter der Stuttgarter Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs. Doch die Hintermänner verstehen es, sich gut zu tarnen. Derjenige, der das Postfach leert, ist meist nur ein Strohmann. "Dahinter steht ein ganzes Geflecht von Firmen mit ständig wechselnden Namen", weiß Ensinger. Der eine verschickt die Einladungen, ein anderer organisiert die Busreise, ein Dritter führt die Verkaufsveranstaltung durch. "Es ist schwierig herauszufinden, wer tatsächlich verantwortlich ist." Deswegen seien auch Versuche, die versprochenen Gewinne einzuklagen, in aller Regel nutzlos. Wirksam sei eigentlich nur ein Rezept: "Werfen Sie die Einladungen sofort in den Papierkorb", rät Ensinger. Wenn sich alle an diesen Rat hielten, hätte sich das Problem bald von selbst erledigt.