Lokale Kultur

Rulaman auf den Spuren eines Helden, der Generationen beeindruckt hat

KIRCHHEIM Rulaman sitzt auf einem Felsen, hält mit wachen Augen Ausschau nach vorüberziehenden Rentierherden, von der Höhle

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UTE FREIER

her sind sanfte Flötentöne zu hören. "Es war vor tausend und abertausend Jahren. Die Eiszeit war an ihrem Ende, die Erde wieder wärmer, die Sonne mächtiger geworden . . . In dieser alten Zeit war es, da sehen wir im Geiste an einem warmen Frühsommer-Nachmittag auf dem freien, sonnigen Platz vor dem Eingang einer unserer Albhöhlen ein lustiges, munteres Treiben." Minutenlang herrschte "Eiszeitalterstimmung", wurden die Besucher bei der Eröffnung der Ausstellung "Rulaman, der Steinzeitheld" zurückversetzt in eine Zeit vor rund 10 000 Jahren.

Schauplatz war jedoch nicht eine Höhle auf der Alb, sondern das Obergeschoss des Kornhauses, wo Rentiere, auf eine Leinwand projiziert, vorüber trabten, Dr. Patrick Tröster von der Musikschule Kirchheim mit einer rekonstruierten Renaissance-Holzquerflöte auf das Thema einstimmte, "Rulaman" nur eine täuschend echt nachgebildete Figurine war und der Archäologe Rudolf Walter, barfuß und in Leder-Leggings und Lederhemd gekleidet, Passagen vorlas aus dem Roman "Rulaman" und zwischendurch zu Pfeil und Bogen griff, um auf das "Herz" des Höhlenbären zu schießen.

"Mindestens zehn Mal habe ich den Rulaman' gelesen", bekannte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker in ihrer Eröffnungsrede und erinnerte sich an Wanderungen vom Goldloch zur Falkensteiner Höhle, wo sie als Kind den "Atem" von Rulaman verspürte. Sie war nicht die einzige, die von Rulaman fasziniert war. Insgesamt wurden mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft, auch in fünf anderen Sprachen.

Wer war dieser beeindruckende Rulaman? Rulaman ist der jugendliche Held in David Friedrich Weinlands gleichnamigem Jugendroman, der im Jahr 1878 erschien. Weinland, in Grabenstetten geboren und bis zu seinem Tod wohnhaft auf dem Gut Hohenwittlingen bei Bad Urach, war Theologe und Zoologe und schrieb für seine vier Söhne diese "Erzählung aus der Zeit des Höhlenmenschen und des Höhlenbären". Rulaman, der Sohn des Häuptlings, lebt mit seiner Familie in der Tulka-Höhle. Zusammen mit anderen "Aimats" jagen sie Rentiere, Mammuts und Bären, nähen Kleidung aus Fellen, feiern Feste, bei denen sie zu Trommelklängen tanzen, und folgen dem Rat der alten Parre, der Seherin und Heilerin, die alles weiß. Sie leben in Frieden, bis eine andere Menschengruppe in ihr Gebiet einwandert: die Kalats. Es kommt zum Streit, und die Aimats werden getötet. Nur Rulaman und die alte Parre überleben. Doch auch sie stürzt sich in den Tod, während Rulaman weiterlebt mit den Geschwistern Kando und Weldo von den Kalats.

Seit Erscheinen des Buches sind mehr als 125 Jahre vergangen. Anlass für das Braith-Mali-Museum in Biberach, im Jahr 2003 diese Ausstellung zu konzipieren und nach der Aktualität des Buches zu fragen, das immer noch im Buchhandel erhältlich ist. Welchen Stellenwert hat der "Rulaman" heute noch? Ist der Roman überhaupt noch zeitgemäß? Diesen Fragen ging Frank Brunecker, Leiter des Braith-Mali-Museums, in seiner Einführung nach.

Seit dem Verfassen des Buches durch Weinland hat die archäologische Forschung neue Kenntnisse erbracht, wurden weitere, sensationelle Funde in den Höhlen der Alb gemacht. Diese Fundstücke, die teils in der Ausstellung zu sehen sind, bestätigten Details aus Weinlands Roman. Doch der Roman vermittelt teilweise historisch Falsches. So lagen in Wirklichkeit 9 000 Jahre zwischen den Aimats, den jungsteinzeitlichen Jägern, und den Kalats, eisenzeitlichen Bauern. "Wir haben heute ein viel deutlicheres Bild der Urgeschichte", so Brunecker, "auch ein gewaltfreies Einwandern der Kelten, der Kalats im Rulaman, ist heute denkbar. Auch erscheinen die Aimats zu edel, rein und fehlerlos, und die Kalats kommen zu schlecht weg." Sie werden als charakterlos und hinterlistig dargestellt.

Weinland müsse man aus seiner Zeit heraus verstehen. Der Krieg gegen die Franzosen im Jahr 1870/71 lag noch nicht lange zurück, und aus seinen eigenen Erfahrungen mit Indianern auf einer Reise nach Amerika zog er seine Schlüsse über den Kampf der Kulturen. "Der Rulaman ist heute sehr veraltet", so das Fazit Bruneckers. Doch gleichzeitig schlägt er vor: "Lassen wir uns die Freude am 'Rulaman' nicht nehmen, trotz des Gedankenguts und chronologischer Fehler."

Um diese Fehler nicht weiterzugeben, wurden in der Ausstellung die "Kalats" und deren Einwanderung weitgehend ausgespart, wurde stattdessen das Leben in der Jüngeren Altsteinzeit zwischen 40 000 und10 000 Jahren in den Mittelpunkt gestellt. Was trugen die Menschen damals im Sommer, was im Winter? Wie haben sie gekocht? Womit haben sie sich beschäftigt, wenn sie nicht auf der Jagd waren?

Diese Themen werden veranschaulicht mit Hilfe von Funden aus den Höhlen der Alb und durch lebensgroße Figurinen, wie die einer jungen Frau, die in einer mit Fell ausgelegten Mulde das Wasser für eine Suppe erwärmt mit Quarzgeröll, das zuvor in einem Feuer erhitzt wurde.

Brunecker hofft, auch in Kirchheim an die Erfolge der Ausstellung an anderen Orten anknüpfen zu können. Auf die Frage, was hier in Kirchheim anders sei als an den anderen Ausstellungsorten, antwortete der Museumsleiter Rainer Laskowski: "Das Thema "Höhle" musste herein." Denn die Schauplätze im Rulaman sind Höhlen auf der Alb, die nicht allzu weit von Kirchheim entfernt sind. Die Tulkahöhle des Romans ist die Schillerhöhle an der Ruine Hohenwittlingen. Dort liegt auch das Steffelsloch, die Staffahöhle im Roman. Falkensteiner Höhle und Nebelhöhle sind weitere Orte.

So wurde eine Höhle gestaltet, in der Jugendliche schmökern können, und es werden Funde aus der Sammlung des Gutenberger Pfarrers Gussmann, der 1898 unter anderem in der Sibyllenhöhle gegraben hat, und Bilder des Stuttgarter Künstlers Michael Lesehr, der in der Nebelhöhle malte, gezeigt. Ein Text des Nürtinger Höhlenforschers Hans Binder gibt Informationen zum Höhlenbewusstsein.

"Auf geht's in die Urgeschichte!" Unter diesem Motto stehen die museumspädagogischen Angebote, die ermöglicht wurden durch die finanzielle Unterstützung der Bürgerstiftung Kirchheim.

INFODie Ausstellung "Rulaman der Steinzeitheld" ist im Städtischen Museum im Kirchheimer Kornhaus bis zum 30. Oktober zu sehen. Führungen gibt es an folgenden Sonntagen: 31. 7., 28. 8., 25. 9., 9. 10. und 30. 10., jeweils um 15 Uhr und an folgenden Donnerstagen: 21. 7., 15. 9., 22. 9., 29. 9., 6. 10., 13. 10. 20. 10. und 27. 10. jeweils um 16.15 Uhr.