Lokale Kultur

Sachte „Vorwarnung“ vor den Schwaben

Brief von Gustav Schwab über Kirchheim im Auktionskatalog

Kirchheim. Im Frühsommer des Jahres 1841 wurde ein Brief von Rostock nach Stuttgart versandt. Gottlob Ludwig Ernst Bachmann hieß der Absender, ein „classischer Philolog“, geboren 1792 Leipzig, gestorben 1881 zu Rostock, war der Sohn

Roland Schöllkopf

eines Kaufmanns und Rittergutsbesitzers. Der viel gereiste Professor ist Jahre unterwegs gewesen, um die Bibliotheken in Rom, Neapel, Wien und Paris nach seltenen Handschriften zu durchforschen. Er sollte nun, aufgrund dieser Welterfahrenheit, Freunde ins Königreich Württemberg begleiten und vorab Auskünfte über die Gegend um Stuttgart einholen, wo sie sich niederzulassen gedachten. Vielleicht kam ihm das auch gelegen, konnte er doch dann die angesehene „Königliche Öffentliche Bibliothek“ in Stuttgart aufsuchen.

Da der Gelehrte aber nicht nur Bibliotheksluft atmen, sondern auch Land und Schwaben kennenlernen wollte, holte er sich vorab Ratschläge ein von keinem Geringeren als seinem Bruder im Geiste, Gustav Schwab, der gerade seine „Sagen des klassischen Altertums“ vollendet hatte. Bachmann schrieb an ihn, da ihm natürlich nicht entgangen war, dass Schwab bereits 1823 den ersten Albführer verfasst hatte. „Die Neckarseite der Schwäbischen Alb“ heißt der heute etwas müde wirkende Titel. „Der besondere Reiz. . .liegt darin, dass der Autor den Leser an der Entdeckungsreise durch ein damals noch unerschlossenes Wandergebiet teilnehmen lässt“, so die Staatliche Büchereistelle Stuttgart in einer Neuausgabe von 1960.

Wandern war im neunzehnten Jahrhundert noch nichts Normales, eher höheren Ständen, den „Großkopfeten“ vorbehalten. Aber die Mode entwickelte sich, nachzulesen im „Annoncen-Anhang“ von noch in zaghafter Auflage erschienen Wanderführern des ausgehenden 19. Jahrhunderts. So hat sich zum Beispiel die Kirchheimer Adler-Apotheke auf die wachsende Wanderschar eingestellt. Sie empfiehlt „Ichtyollanolin als bestes Mittel gegen Wundlaufen und Wolf. In bequemen Blechdosen. Ferner Fussschweisspulver.“ Und die Apotheke Lindenmayer in Kirchheim empfiehlt zur Stärkung „garantiert reinen Kirschengeist sowohl in kleinen Touristenfläschchen als in halben und Literflaschen, sowie in größeren Quantitäten“. Auch die Gasthäuser waren um die Gesundheit der Touristen besorgt. Der Lindenwirt Schnapper in Dettingen empfiehlt dem müden Wanderer die „Einnahme von Erfrischungen: Gutes Bier. Reingehaltene Weine. Ächtes Zwetschgenwasser in jedem Quantum“.

Gustav Schwab schreibt an Ludwig Bachmann am 17. August 1841 zurück und schildert ausführlich die Vorzüge der Städte Reutlingen, Kirchheim und Esslingen:

„. . . Von den genannten Städten, die allerdings sämtlich vortrefflich gelegen sind, zunächst an dem Gebirge der Alb und in der großartigsten Umgebung Reutlingen, etwas mehr dem Mittellande zu, eben, aber die Alb im Angesichte, gelegen Kirchheim . . . am entferntesten von den Bergen, aber im reizendsten Flußhügelthale, Esslingen – von diesen Städten hat jede ihre eigenthümlichen Vorzüge: doch dürfte Reutlingen, wo für feineren geselligen Umgang, mit Ausnahme einer durch die Stadt zerstreuten Kolonie von Beamten, verhältnißmäsig weniger Ausbeute zu erwarten wäre und der altreichsstädtische Geist ein Norddeutschen am wenigsten zusagendes Beigeschmäckchen hat, für den mindest geeigneten Aufenthaltsort erklärt werden. Auch stehen dort die Güter in sehr hohem Preise.

Kirchheim würde sich durch die Nähe einer großartigen Natur, einigen Umgang mit privatisierenden Edelleuten und Beamten und leichtere Communication mit dem nur 3 ½ – 4 Meilen (eine Deutsche Landmeile entspricht 7532 Meter) entfernten Stuttgart empfehlen; zugleich dürften die Güter hier um ein Bedeutendes wohlfeiler seyn.

Der allerangenehmste Aufenthalt wäre unstreitig Esslingen, mit köstlichem Boden und Anbau . . ., aber kaum 3 Stunden von der Residenz Stuttgart, zwischen welcher 5 – 6 Omnibus täglich fahren . . .“

Ob sich Bachmanns Auftraggeber in einer der Städte niedergelassen haben, lässt sich vielleicht herausfinden. Ob Bachmann sie überhaupt begleitet hat ist nicht sicher. Fest steht jedoch, dass er bereits 1843 „den Bibliotheken in Stockholm und Upsala einen Besuch abstattete“. Vielleicht bekam er doch ein etwas mulmiges Gefühl wegen der ganz behutsam sachten „Vorwarnung“, mit der Gustav Schwab seinen Brief abschließt:

„Zu läugnen ist übrigens nicht, dass unsere süddeutschen Sitten von den nordischen merklich verschieden sind, und manches an uns Ihren Empfohlenen anfangs als Plumpheit und linkisches Wesen erscheinen würde, woran sie sich erst später gewöhnen müßten. Innerlich ist der Schwabe tüchtig und gut, wie wohl scheinbar offenherziger, als er in der That ist. Längst wollte ich singen: Der Schwabe bleibt ein eigner Junge, / Bald tölpisch grad, bald schüchtern zart: / Das halbe Herz stets auf der Zunge, / Die andre Hälfte tief verwahrt. / Doch das alles nur zur Steuer der Wahrheit . . .“

Der Brief von Gustav Schwab wurde beim Auktionshaus Stargardt, Berlin, als eine von 1200 Nummern versteigert, darunter waren auch Briefe von Johann Wolfgang von Goethe und Wolfgang Amadeus Mozart. Der Ausrufpreis für den Brief von Gustav Schwab lag bei 800 Euro, den Besitzer wechselte das Schriftstück für 2100 Euro.

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