Lokale Kultur

Schäufeles harter Kampf gegen die Windmühlen

AICHTAL-GRÖTZINGEN Miguel de Cervantes Klassiker "Don Quijote" wurde vom Naturtheater Grötzingen ein neues Gewand vepasst. Am Grötzinger Galgenberg startete das

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NICOLE MOHN

Ensemble mit einer umjubelten Premiere des Stücks in die neue Spielzeit. Nicht das Kastilien des 17. Jahrhunderts, sondern das verarmte Dorf der Moderne begegnet dabei zunächst den Zuschauern.

Hier in Argamasilla de Alba, der Heimat Don Quijotes, stranden der gestresste Chef einer schwäbischen Baufirma, Albert Schäufele (Werner Bez), auf Selbstfindungstrip nebst Gattin Elsbeth (Sandra Severin) nach der holprigen Fahrt auf dem Motorrad. Gegen seine körperliche Insolvenz träumt sich der Schwabe sehr zum Entsetzen seiner Frau, die liebend gern ihren durchgerüttelten Körper in ein weiches Bett eines Wellnessressorthotels plumpsen lassen würde, immer tiefer in die Geschichte des Ritters von der Mancha.

Waschbrett und Motorradhelm werden ihm zur Rüstung, bald schon bittet er wie der Junker aus Cervantes Buch den Dorfwirt der Bodega darum, ihn als Kastellan zum Ritter zu schlagen. Die Dorfbewohner lassen sich auf das Spiel des Fremden ein und wittern dahinter die Chance, ihr heruntergekommenes Dorf zur Touristenattraktion zu machen. Immer mehr verwischen im Lauf von Schorlemmers Umsetzung des Klassikers die Grenzen zwischen Cervantes Fiktion und der Moderne.

Albert Schäufele geht in der Rolle auf, wirft sich, auf dem Steckenpferd Rosinante reitend, in einen wütenden Kampf mit einer Schafherde und prügelt sich um der Ehre der holden Dulcinea (Nina Kuhn) willen, die er in der einfachen Bauernmagd entdeckt. Erst nach dem furiosen Kampf gegen die Windmühle und der Rettung der Wirtstochter aus dem brennendem Gebäude kommt Schäufele wieder zur Besinnung.

Helmut Schorlemmer ist mit der Neuinszenierung ein guter Wurf gelungen, der neben viel Situationskomik Platz für Hintergründiges und anrührende Momente des menschlichen Miteinanders lässt. Der Regisseur, der schon für das Chiemgauer Volkstheater und die Bühne in Schwäbisch Hall arbeitete, nutzt das weite Rund der Grötzinger Bühne klug, gibt seinem Helden Raum für den wilden Kampf und setzt Spots auf die stillen Momente. So lässt er den Ritter immer wieder auf ein Podest nah am Zuschauerraum steigen, macht das Spiel von Werner Bez so noch greifbarer für das Publikum.

Die Rolle des schwäbischen Bauunternehmers, der sich aus dem Stress seines Alltags in die Abenteuer des Don Quijote träumt, ist Werner Bez wie auf den Leib gegossen. Augen rollend, theatralisch, leidenschaftlich pumpt Werner Bez am Premierenabend auch sein letztes Quäntchen Energie in die Darstellung des Ritters. Mit Sandra Severin fand sich dazu der passende Gegenpart: Einerseits als Gattin Elsbeth, die Spanisch radebrechend auf der Suche nach fahrbarem Untersatz und Hotelbett durch das Publikum irrt, andererseits als bauernschlauer Sancho Pansa Don Quijotes Nabelschnur zur Realität versteht sie es, auf ganz eigene Art gegen das Spiel von Werner Bez zu halten.

Helmut Schorlemmer versteht es, auch daneben noch Platz für andere Charakterköpfe zu lassen. Seine Nebendarsteller verschwinden nicht als Statisten sei es der Bürgermeistersohn Francisco (Matthias Wagner), der als "running gag" stets nach seinem Papa brüllt, oder die resolute Wirtsgemahlin Teresa (Hilda Oppermann), die entweder der Tochter, die nur Augen für den Zigeunerjungen Diego hat, oder aber ihrem Gatten die Leviten liest.

Mit Cervantes "Don Quijote" ist dem Naturtheater Grötzingen und Helmut Schorlemmer eine Inszenierung gelungen, die auf äußerst positive Weise aus dem Rahmen dessen fällt, was Amateurbühnen üblicherweise landauf, landab in schöner Regelmäßigkeit auflegen. Frisches Schauspiel, hinter dem man die Hand des Regisseurs erkennt, launige Unterhaltung, Musik, Tanz und Show, aufgepeppt mit feinem Hintersinn: Genau das, was man sich für einen sommerlichen Theaterabend wünscht.