Lokale Kultur

Schauerballaden zur Wiedergeburt der Dichtervögel

KIRCHHEIM Dieses Jahr schienen die Beziehungen zwischen dem Wettergott und dem Kirchheimer club bastion etwas gestört zu sein, denn auch die letzte Sommerveranstaltung musste in den Keller verlegt



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USCHI NEROLADAKIS

werden, allerdings gab es wegen des großen Andrangs noch eine zusätzliche Veranstaltung. Doch trotz des enormen Zulaufs wollte Timo Brunke, der Sprechdichter vom Albtrauf, dem Publikum im club bastion die Wiege seiner Künstlerkarriere keinen vergnüglichen Abend wünschen, denn wie er sagte, befand er sich am Vorabend einer poetischen Revolution und es gab Wichtigeres für ihn: Einen bedeutenden Menschen musste er an diesem Abend noch treffen, der für den Fortbestand der fast ausgestorbenen Spezies der Dichtervögel entscheidend sei. Eine Kampfschrift war Brunke in die Hand gedrückt worden, in der aufgefordert wurde, die letzten sechs Dichtervögel unter einem Dach zu versammeln, denn nur dann würden sich die Verhältnisse in diesem Lande ändern.


In einem aufgelassenen Dienstfahrradschuppen der Deutschen Bahn machte sich Brunke also daran, den Herbergsvater für die Dichtervögel zu geben, die sich auch nach und nach bei ihm einfanden, zumindest fünf von ihnen. Statt des sechsten Dichtervogels traf dann allerdings ein Schreiben des "Städtischen Bürgerbüros für kreative Sicherheit" ein, das androhte, die Parzelle, auf der sich die Pension Brunke befand, an die deutsche Kiosk-AG zu verkaufen, damit dort ein Alkopops-Verkaufsstand errichtet werden könne. Um dieses Schicksal abzuwenden, musste innerhalb der nächsten 36 Stunden von jedem Dichtervogel eine Schauerballade eingereicht werden. Nach dieser Vorgeschichte konnte Brunke dann alle Register seines Könnens ziehen: Sozusagen zum Anwärmen ließ er seine Dichtervögel, die ja so lange Zeit geschwiegen hatten, erst einmal an obskuren Abzählreimen üben, bis sie dann ihre dichterische Wiedergeburt erlebten. Mit sparsamen Requisiten wechselnden Kopfbedeckungen, kreativen Wortschöpfungen und gewohntem Sprachwitz ließ Brunke bekannte Figuren auferstehen.


Als erster ergriff Bruder Grimm, der Versefürst, das Wort und erzählte die schaurige Geschichte von Margot, die von ihrem stolzen Vater einen "Laufmann" geschenkt bekam, der sie letztendlich das Leben kostet, denn "die Klippe ist ein kantig Grab, die Brandung färbest rot . . .", worauf auch der Vater seinem Leben ein Ende setzt.


Nach über 20-jährigem Schweigen öffnete anschließend die neobarocke Bibellyrikerin Martha Schlesinger ihren Mund, um die Geschichte "Wie der Teufel hat die Sintflut überleben können" zum Besten zu geben, in der Noah nicht nur der Erbauer des "Bunzelbottichs" war, sondern auch der Begründer des Weltbeamtentums.


Mariella Sünderode-Schlüpf, eine mondäne Cabriolet-Dichterin, wartete mit der Anekdote "Vom Schrank von Madeleine" auf, der, wenn er sprechen könnte, einiges über die außerehelichen Beziehungen der Ban-kiersgattin vor allem zu Vertretern des briefzustellenden Gewerbes zu berichten hätte. Dieses Möbel hatte es in sich, auf den Kleiderbügeln hingen fragile Skelette, die das Schrankgeheimnis hüteten. Herr Seidelbast, der hochschwäbische Mundart-Rebell, verbreitete sich über die schöne Archäologin Ulli, die bei nächtlichen Grabungen am Fuße des Hohenaspergs Holbo, dem Keltenfürsten begegnet, doch die Realität, "dui schwarza Kuddergruschdkuddl" setzt der beginnenden Romanze ein brutales Ende, worauf Ulli ihr Studium von Archäologie zu BWL abändert.


Zuletzt kam Bruder G, der Rap-Poet an die Reihe. Sein Thema war der Kampf zwischen Lord Wort, dem Comic-Helden des 22. Jahrhunderts und im Hauptberuf Bibliothekar in Hengstgart, und seinem Widersacher Egoman, der Kinder mit "Plastikfaserfusselscheiß" verführt und Lord Worts Gehirnströme mit Schlagergeträller zu zerstören versucht. Allerdings konnte sich Lord Wort mit Hilfe von Niveau-Spray und italienischen Kastratenliedern aus der französischen Renaissance erfolgreich verteidigen.


Da die eingereichten Balladen aus bürokratischen Gründen abgelehnt wurden, konnte Timo Brunke auch im zweiten Teil des Abends mit Liedern der Dichtervögel zu dichterischer Hochform auflaufen. Er schlüpfte mit großem schauspielerischem Talent in die verschiedenen Rollen und ließ akkordeonbegleitet Bruder Grimm über die Verhärtung der Menschen sinnieren, deren Herzen er mit zerquetschten Äpfeln und verklebten Malerpinseln verglich. Herr Seidelbast verabschiedete sich mit "Scheitelland, ade" von seinem Haupthaar, das jetzt alleine in die Welt zieht, während der Vollmond auf seinem Kopf treu die Wacht hält. Die Cabriolet-Lyrikerin schilderte romantisch einen Sonnenuntergang am Meer, worauf Martha Schlesinger wortreich einen gewissen Nepomuk beschwor, wieder zu ihr zurückzukehren, diesen Mann mit der Futterrüben-Nase, der mit ihr so leidenschaftlich Unterwitztaler Ringelpitzka und Oberpohlmützer Schmilsenrutschka getanzt hatte allerdings schon im heißen Sommer 1921.


Bruder G mit weißer Kapuze rappte eine neue Deutschland-Vision gegen die chronisch-neurotische Stimmung im Land, forderte Buße gegen soziale Kälte, mehr Telekolleg und "Solidaritäteräh". Wegen parakreativer Tendenzen wurde aber auch dieser Antrag der Pension Brunke abgewiesen und es blieb nur noch die Beratung durch Dr. Disko Theke, dem berühmten Entertainer, auf den Timo Brunke zusammen mit seinem begeisterten Publikum den ganzen Abend gewartet hatte. Allerdings entpuppte sich dieser Gast schnell als "Geist der Zeit", der sich gemäß seinem Motto "Wenn dich dein Gehirn ärgert, schneide es heraus" mit seichten Schlagerliedchen "leberwurschtegal" dem Massengeschmack angepasst hatte und dadurch reich an Geld und Einfluss geworden war. Schließlich gab er sich auch noch als sechster Dichtervogel zu erkennen, der zwar zuerst versuchte, die anderen Lyriker mainstreammäßig umzurüsten, schließlich aber mit Hilfe des Niveau-Sprays auch wieder für die Sache der Dichtervögel zu begeistern war, damit sich die Verhältnisse hier zu Lande ändern können. Die poetische Revolution kann also beginnen.