Lokale Wirtschaft

Schülerinnen schnuppern in technische Berufe hinein

Einen Tag lang Arbeitsluft schnuppern statt über Englisch-Vokabeln oder Matheaufgaben zu brüten: Dazu hatten gestern die Mädchen Gelegenheit, die den bundesweiten Girls' Day nutzten, um für Frauen eher untypische Berufsfelder zu erkunden. Rund 150 Schülerinnen schauten in Kirchheim und Umgebung in zahlreichen Betrieben vorwiegend Männern bei ihrer Arbeit über die Schulter.

ANKE KIRSAMMER

Anzeige

KIRCHHEIM "Das Schwierigste beim Fliegen? Das ist die Landung; da muss man ganz vorsichtig aufsetzen. Aber das lässt sich trainieren." Tilo Holighaus, Geschäftsführer des Kirchheimer Flugzeugbauers Schempp-Hirth, lässt sich von der 14-jährigen Nadja Löcher in den Bauch fragen. Sie besucht die siebte Klasse der Kirchheimer Raunerschule. Zusammen mit Klassenkameradin Theodora und der 16-jährigen Isil aus der Ötlinger Eduard-Mörike-Schule nutzte sie den Girls' Day oder Mädchenzukunftstag, um den Betrieb an der Kirchheimer Krebenstraße und die Arbeit eines Leichtflugzeugbauers kennen zu lernen. "Den Beruf würde ich gerne ausüben", sagt Isil beim Probesitzen in einer "Duo Discus" mit glänzenden Augen. Und das, obwohl sie mit dem Fliegen bisher nicht viel am Hut hat. Auch andere Mädchen darunter Realschülerinnen und Gymnasiastinnen verbrachten den Tag an Arbeitsstätten, an denen Frauen nach wie vor selten ihr Geld verdienen. So beispielsweise in Kfz-Werkstätten, Bauhöfen, Autohäusern, Schreinereien oder bei der Polizei.

Erwartungsgemäß bewerben sich auch um die Lehrstellen bei Schempp-Hirth bislang kaum Mädchen. Derzeit hat der Betrieb elf Azubis, zwei von ihnen absolvieren eine Lehre als Industriemechaniker. "Wir achten weniger auf Spitzennoten, als mehr auf Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein", sagte Ausbildungsleiter Thomas Kraja. Denn noch mehr als in anderen Branchen kommt es im Flugzeugbau aus Sicherheitsaspekten auf perfekte Arbeit an. Für Frauen sieht Kraja in der Männerdomäne durchaus Aufstiegschancen. Zum Beweis: Die Abteilung "Flügelbau" wird beispielsweise von einer Frau geleitet. Auch absolvieren des öfteren Studentinnen der Luft- und Raumfahrttechnik ihr Praxissemester in dem Kirchheimer Traditionsunternehmen.

Für die drei Hauptschülerinnen ging es gestern morgen wie für all die übrigen Teilnehmerinnen des Girls' Day erst einmal darum, Einblick in die Berufswelt zu bekommen. Kraja stellte ihnen den mittelständischen Betrieb vor. In einem Rundgang konnten die Mädchen verfolgen, wie Tragflügel, Rumpf und Innenleben der Segelflugzeuge aufgebaut werden und in der "Malerei" im wahrsten Sinne des Wortes mit fein gekörntem Schmirgelpapier den letzten Schliff erhalten. "90 Prozent ist bei uns Handarbeit", erläuterte Kraja. Gezeigt bekamen die Besucherinnen auch die Schlosserei, in der an Dreh-, Fräs- und Ständerbohrmaschinen aus besonders festem Flugzeugstahl spezielle Schrauben und Buchsen gefertigt werden. Sie erfuhren, dass in einem Flieger 500 bis 1500 Arbeitsstunden stecken, 60 Prozent der Flugzeuge ins Ausland gehen, die Preise bei 45 000 Euro starten, der Käufer aber je nach Ausstattung und Typ auch bei 200 000 Euro landen kann. Beim Blick auf die Armaturen erklärte Kraja: "Anders als im Auto ist hier alles zweifach abgesichert." Und: "Wir liefern kein Flugzeug aus, ohne dass es von Piloten in der Luft getestet wurde."

Auch die drei Schülerinnen und weitere Girls' Day-Teilnehmerinnen wollten am Nachmittag auf der Hahnweide in einem Segelflieger abheben. Doch machte ihnen das Schmuddelwetter einen Strich durch die Rechnung. Stattdessen bot die Fliegergruppe Wolf Hirth eine Besichtigung des Fluggeländes an. Unter die Mädchen hatte sich auch die Organisatorin des Kirchheimer Girls' Day, Birgit Häbich-Kampourakis, von der Jugendagentur Kirchheim-Nürtingen gemischt.