Lokale Kultur

Schuld war nur der Bossa Nova

Stehende Ovationen für „Wirtschaftswunder“ im Kirchheimer Stadtkino

Kirchheim. Trotz ausverkauftem Haus blieben beim Konzert mit der Kultband „Wirtschaftswunder“ im Kirchheimer Stadtkino erstaunlich viele Sitze leer. Zahlreiche Besucher machten sich schließlich gar nicht erst die Mühe, sich einen der wenigen noch freien Plätze auf den Rängen zu sichern, sondern blieben gleich im Bereich der Tanzfläche stehen.

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Die Mitglieder der von Gastgeber Michael Holz im Kirchheimer Stadtkino willkommen geheißenen Band „Wirtschaftswunder“ verstanden es dann auch bestens, die Konzert-Besucher gleich zu Beginn auf die Tanzfläche zu locken oder sie zumindest aus den Sesseln zu reißen. Überzeugt davon, dass Schlager glücklich machen, hatten die sechs Musik-Nostalgiker eine Band gegründet, die wie eine Zeitmaschine den Charme der 50er- und 60er-Jahre konserviert, um reifere Semester an ihre eigene Jugend erinnern zu können und deren Kindern mit bewundernswerter Selbstironie zu vermitteln, dass früher vielleicht doch nicht unbedingt alles besser war . . .

Nach in den vergangenen Wochen durchlebter Dauerberieselung mit weihnachtlichen Melodien lechzten die Besucher förmlich nach den vollmundig versprochenen Schmachtfetzen der 50er- und 60er-Jahre, die sie dann auch von Anfang an lautstark und textsicher mitsingen konnten.

Die gute Stimmung war schon beim Einzug der wie Originale aus vergangenen Zeiten wirkenden „Gladiatoren“ kaum zu überbieten. Die von den Ensemblemitgliedern schon seit den 90er-Jahren hochgehaltene Begeisterung für Schlager infizierte das schutzlose Publikum im Nu. Mit einer zwischen Ironie und Nostalgie pendelnden Retro-Show, großer Musikaliät und erstaunlicher Authentizität überzeugte die Band „Wirtschaftswunder“ ohne Einschränkung.

Mit einem schwarz gepunkteten Kleidchen, Band im Haar und Zuchtperlen an Hals und Armgelenken verband die kokette Frontfrau ihre pietistische Prüderie provozierende Performance mit dem über den Wolken garantierten Stewardessen-Charme früherer Jahre. Begleitet wurde die charismatische Sängerin Helga von dem stets um uneingeschränkte Aufklärung bemühten Entertainer-Unikum Oswald, der nie um eine dem Zeitgeist nachempfundene Anzüglichkeit verlegen war und als bekennender Owener auch immer wieder mit fundierten Insiderkenntnissen aus der Kirchheimer Szene aufwarten konnte.

Große Erwartungen weckte er in den vorderen Reihen aber vor allem mit seiner vielversprechenden Ankündigung, gerade noch mit letzten Vorbereitungen für Helgas spektakuläres Stage-Diving beschäftigt zu sein. Absolut spontan entschied sich Oswald dann dafür, Helgas vom Pub­likum schon ungeduldig herbeigesehntes Bad in der Menge doch lieber selbst zu bestreiten, ohne dadurch Gefahr zu laufen, auch nur ein einziges Haar seiner eindrucksvoll festgesprayten Helmfrisur zu verrücken. Die zuweilen sein bewegungsbegabtes Becken geschmeidig in Szene setzenden Tanzeinlagen des im roten Jackett daherkommenden Oswald hätten „Elvis the Pelvis“ zweifellos vor Neid erblassen lassen.

Dass Oswalds schwarze Hose gute fünf Zentimeter zu kurz war, störte nicht wirklich. Helgas Minikleidchen mit ebenfalls eher etwas defizitärer Rocklänge konnte schließlich dafür sorgen, dass niemand ihrem Kollegen auf die vielleicht ja tatsächlich eher unfreiwillig freiliegenden Söckchen schaute

Bei all dem, was allein die wasserstoffperoxydblonde Helga, Tollenträger Oswald und nicht zuletzt auch der sein verbliebenes schütteres Haupthaar in abenteuerliche Höhen drappierende Bassist Hans Albern zur mutwilligen Aufhübschung in ihre Haare gesprüht hatten, war angesichts der dadurch mutwillig geförderten globalen Klimaerwärmung jede Hoffnung auf weiße Weihnachten obsolet.

Gemeinsam mit Schlagzeuger Dr. Sputnick, Organist Jens von Eden und dem fingerfertig auch als Solist brillierenden Schillingers Eddi an der Gitarre, sorgte die muntere Truppe für ein wahres Schlager-Weihnachtswunder und brachte mit mitreißenden musikalischen Arrangements nostalgischer Schlager in Sekundenschnelle Herzen zum Schmelzen, Finger zum Schnippen und zuvor in sich ruhende Fersengelenke fremdbestimmt zum Wippen, dass es trotz aller selbstironischer Brechungen eine wahre Freude und ein durchgängig uneingeschränktes Vergnügen war.

Vom Kaltstart in der schon etwas aufgeheizten Nostalgie-Kino-Atmosphäre schraubte sich die erfolgsgewohnte Kultband sofort zur maximal möglichen Betriebstemperatur hoch. Der „Schöne fremde Mann“ startete zunächst im „Nachtexpress nach St. Tropez“. Während das unschuldige Blondchen Helga singend und lasziv swingend versicherte, „Ich geh‘ noch zur Schule“, schaute Schwerenöter Oswald schon jedem „Itsi Bitsy Teeni Weenie Honolulu Strandbikini“ hinterher – doch auch daran war ja wohl nur „der Bossa Nova“ schuld.

„Ganz Paris“ träumte „von der Liebe“ und „der Löwe“ schlief „heut´ Nacht“, ohne sich darum zu kümmern, ob tatsächlich „Zwei kleine Italiener“ bei „Santo Domingo“ im „heißen Sand“ eines verlorenen Landes „den Mann im Mond“ gesehen haben. Einig waren sich im gro­ßen Finale dann aber alle darüber, dass sich Liebeskummer auch dann nicht lohnt, wenn „Marmor, Stein und Eisen“ bricht und dass es nicht verwundert, dass Cindys Herz zwangsläufig traurig sein muss, wenn für sie kategorisch nur „Die Gitarre und das Meer“ oder aber ein „Cowboy als Mann“ infrage kommen können.