Lokale Kultur

Schwäbisches genossen

Bernd Merkle und Toni Tauscher boten Mundart in der Stiftsscheuer

Kirchheim. „Wir können alles außer Hochdeutsch“. Mit diesem Slogan wirbt die Landesregierung für den Standort Baden-Württemberg. Fraglich, ob sie damit nicht ein Eigentor

ULRICH STAEHLE

schießt, denn im Bewusstsein der hochdeutsch Sprechenden bedeutet schwäbisch sprechen „doof sein“. Wer die Hochsprache nicht beherrscht, hat geistige Defizite. Er wird vielleicht wohlwollend geduldet, im Grunde aber belächelt.

Thaddäus Troll hat darauf die schlagende Antwort gegeben: Die Hochdeutschen sind zu doof, um zu erkennen, um wie viel reicher der schwäbische Dialekt gegenüber dem armen Hochdeutsch ist. Beispiel: Nicht weniger als 25 Vokale hat ein Sprachforscher bei der Analyse schwäbischer Artikulation gefunden. Folglich entdecken die Hochdeutschen auch nicht den komplexen Denk- und Gefühlsapparat, der in dem Schwaben steckt, wenn er spricht oder wenn er schweigt, was er noch besser kann.

Noch ungerechter ist die Welt, wenn es um Literatur geht. Schwäbische Literatur kann es doch nicht geben. Oh doch! Die süddeutsche Mundart war einmal beherrschende Literatursprache. Leider ist das schon ein Weilchen her, das war zur Zeit der Staufischen Klassik, nehmen wir nur das Nibelungenlied. Pech, dass die Vorkämpfer für eine deutsche Einheitssprache sich später in Mitteldeutschland trafen.

Angesichts der historischen und der gegenwärtigen Ungerechtigkeiten sah sich der Literaturbeirat der Stadt Kirchheim zu einer Richtigstellung und einem Gegenbeweis veranlasst. In der Kirchheimer Stiftsscheuer boten Bernd Merkle und Toni Tauscher Schwäbisches. Merkle las aus eigenen Werken und Tauscher trug eigene Lieder vor. Bei Merkle kann man von „las“ eigentlich nicht sprechen. Er stand hinter einem Stehtisch und trug seine Texte nahezu frei vor. So hat er sein Publikum fest im Blick, schwätzt sozusagen mit ihm und lässt die Steifheit einer Lesung völlig vergessen. Das Schwäbische erblüht in all seinem Reichtum an Bildern und Sprachklängen. Wenn es passt, setzt Merkle wie ein Schauspieler auch Arme und Beine ein, fasst sich ans Knie und verzieht das Gesicht, wenn er von einem Mann erzählt, der sich im Krankenhaus sein schmerzendes Knie untersuchen lässt. Der Autor, der als Rektor der Grund und Hauptschule Zell unter Aichelberg dem Volk aufs Maul geschaut hat, gehört, erst recht nach seiner Pensionierung, in die vorderste Reihe der Dialektdichter. Acht Bände auf dem Büchertisch legen Zeugnis davon ab. Er ragt erst recht in der Kunst der Präsentation hervor. Selbst Hochdeutsch kann er, wenn in einem Dialog ein Hochdeutscher das Wort ergreift. Merkle belässt es nicht bei billigen Witzen, sondern mischt eine gehörige Portion Selbstironie in die Beschreibung schwäbischer Lebensart.

Er konnte Luft holen, wenn Toni Tauscher zur Gitarre griff, mit der dieser virtuos umzugehen versteht. Seine Lieder, die er mit einer ganz individuellen Stimmfärbung vorträgt, sind von der gleichen selbstironischen Grundfärbung geprägt wie die Texte Merkles. So hätte man sich mehr Lieder gewünscht und weniger witzige Erzählungen. Dafür war Merkle zuständig.

Ergebnis: Ein quietschvergnügtes Publikum, wie es bei einer Lesung sonst nicht zu finden ist. Glücklich, wer noch einen Platz in der ausver­kauften Stiftsscheuer bekommen hatte, dem urgemütlichen Rahmen für eine solche Veranstaltung. Michael Attinger, der Wirt der „ersten Kirchheimer Gasthausbrauerei“, und seine Mannschaft schafften es, schwäbische Lebensart abzurunden. Bevor man schwäbische Dicht- und Liedkunst genießt, muss man schließlich ordentlich gevespert haben.

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