Kirchheim

Schwarzkittel pflügen alles um

Wiesenbesitzer ärgern sich immer mehr über Wildschweinschäden

Nachts kommen sie aus dem Wald, pflügen Äcker um, durchwühlen Wiesen und Weideland. Der Ärger von Wiesenbesitzern in Dettingen und Kirchheim ist groß. Sie sprechen mittlerweile von einer Wildschweinplage und fühlen sich von den Jägern im Stich gelassen.

Die Schäden, die die Schwarzkittel in Dettingen verursacht haben, werden behoben, indem die Erde wieder eingeebnet wird.Fotos: D

Die Schäden, die die Schwarzkittel in Dettingen verursacht haben, werden behoben, indem die Erde wieder eingeebnet wird. Foto: Claudia Reinöhl

Kirchheim/Dettingen. Seit Monaten häufen sich laut Wieslesbesitzer Richard Ott die Schäden auf den Dettinger Wiesen. Die Grünflächen vieler Besitzer würden einem großflächig gerodeten Feld gleichen. „Früher kam so was gelegentlich vor“, erzählt Ott. „Der Schaden war nicht der Rede wert.“ Doch das habe sich seit dem letzten Herbst geändert. „In der Nacht kommen die Rotten raus auf die Flur und drehen dort auf der Suche nach Nahrung alles um“, berichtet er. Neu gepflanzte Bäume drücken sie dabei laut Helmut Diez fast um. Und teilweise seien die Löcher „so groß, dass man sich fast hineinlegen kann“.

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Von September bis Oktober vergangenen Jahres suchten die Schwarzkittel die Wiese von Adolf Blankenhorn fast wöchentlich heim. „Kaum hatte ich die Schadstellen eingedeckt, konnte ich wieder von vorne anfangen“, erinnert er sich. Fritz Ott sieht die Jäger in der Pflicht. Er fordert mehr Drückjagden und Ablenkungsfütterungen, die die Wildschweine von der Flur fernhalten. Kreisjägermeister Bernd Budde kennt die Nöte von Wiesenbesitzern und Landwirten. „Ist der Boden feucht, zieht es Engerlinge, Regenwürmer und andere Lebewesen in die oberen Erdschichten“, erklärt er. „Deshalb fangen die Wildschweine an zu graben.“ Feuchtigkeit bilde sich auch dort, wo die Mahd nach dem Mähen nicht sofort entfernt werde. Außerdem sollten Wiesenbesitzer Fallobst möglichst schnell einsammeln, denn das ziehe allerhand Getier an, das auf dem Speiseplan der Borstentiere stehe.

Bezirksjägermeister Jochen Sokolowski bestätigt, dass die Wildschweine auf dem Vormarsch sind. „Mildere Winter und energiereiche Nahrung wie Raps und Mais, die vermehrt in der Landwirtschaft angebaut werden, verringern die Sterberate“, berichtet er. Auch schwache und junge Tiere hätten damit hervorragende Überlebenschancen. Gleichzeitig würden Eichen und Buchen immer häufiger Früchte tragen und den Schwarzkitteln üppig Nahrung liefern. „Vor diesem Hintergrund schießen bei einer Fortpflanzungsrate von 300 Prozent die Bestandszahlen rasant in die Höhe“, so Jochen Sokolowski. Eine Rotte umfasse normalerweise fünf bis zehn Tiere. Auf der Dettinger Flur hat der Bezirksjägermeister allerdings eine Rotte entdeckt, die sage und schreibe 70 Tiere zählt. Ein einzelner Jäger könne bei einer derartigen Gruppengröße nichts ausrichten.

Studien haben Bernd Budde zufolge ergeben, dass ein Grünrock durchschnittlich 30 Stunden benötigt, um ein einziges Wildschwein zu erlegen. „Selbst wöchentliche Drückjagden sind nicht die Lösung. Wildschweine sind schlau und weichen nach einer Bejagung auf andere Flächen aus“, weiß Jochen Sokolowski. Das Schwarzwild dürfe während der Jagdzeit, bis auf die Ruhemonate März/April, im Wald mit gewissen Auflagen gekirrt, also mit geringen Futtermengen angelockt werden. „Die neu im Gesetz ausgewiesene Jagdruhe im Wald stellt aber ein Prob­lem dar und macht uns in der Reduzierung der Bestände sehr zu schaffen“, so der Bezirksjägermeister.

„Die Tiere dürfen während der Jagdruhe auf der Flur und auf einem 200 Meter breiten Waldstreifen, der an die Flur angrenzt, geschossen werden“, sagt Jochen Sokolowski. „Aber auf der Wiese zu jagen ist ein heißes Eisen, schließlich können jederzeit Wiesenbesitzer hinter einem Gartenhäuschen hervortreten.“ Und ohne Kirrung tendiere ein Jagderfolg auf angrenzenden Waldstreifen gegen null. Eine Ablenkungsfütterung, die die Schwarzkittel animiert, im Forst zu bleiben, müsse nach dem neuen Jagdgesetz vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz genehmigt werden. „Grundvoraussetzung ist allerdings eine 2 500 Hektar große räumlich funktionale, jagdbare und zusammenhängende Jagdfläche“, weiß Bernd Budde.

Über solche Regelungen können die Wiesenbesitzer nur mit dem Kopf schütteln. Laut Budde könnten sie einen Elektrozaun aufstellen, der sollte aber eine Spannung von mindestens 8 000 Volt aufweisen, um die Borstentiere abzuschrecken. „Für so einen Zaun müsste ich viele Äpfel auflesen, um die Kosten zu decken“, sagt Helmut Diez. „Ein Bekannter hatte trotz Zaun den Schaden, weil sich die Wildschweine unter ihm durchgegraben haben.“ Dem Rentner vergeht zunehmend die Lust an seiner Wiese. Feldfrüchte anbauen, Bäume pflanzen, Obst ernten, Rasen mähen - Diez leistet viel Arbeit, auch für den Erhalt der Kulturlandschaft. Doch die Mühe wird durch die Wildschweine zunichte gemacht.

Die Sau ist los

Jochen Sokolowski

Jochen Sokolowski. Foto: Daniela Haußmann

Im Gespräch mit Daniela Haußmann nimmt Bezirksjägermeister Jochen Sokolowski Stellung.

Herr Sokolowski, in Dettingen ist scheinbar die Sau los.

SOKOLOWSKI: Nicht nur in Dettingen. In ganz Baden-Württemberg pflügen Wildschweine im großen Stil Wiesen und Agrarflächen um. Aufgrund der enorm gewachsenene Population wird es zwangsläufig mehr Drückjagden revierübergreifend geben müssen. Landwirte und Jäger werden aber stärker zusammenarbeiten müssen. Auch wenn die Landwirtschaft unter der Zunahme von Wildschweinen leidet, so trägt sie mit dem verstärkten Anbau von Raps und Mais auch zu deren Bestandszunahme bei.

Sollten die Tiere in der Nacht bejagt werden?

SOKOLOWSKI:Das Vollmondlicht reicht aus, um die Tiere zu erkennen, sicher anzuvisieren und zu erlegen. Aber im Verlauf anderer Mondphasen zu jagen ist nicht empfehlenswert, weil die Tiere in der Dunkelheit schwer erkennbar sind. Ein sicherer und sofort tödlicher Schuss lässt sich da kaum absetzen. Die Gefahr wäre groß, dass das Tier krank geschossen wird. Und das will weder der Jäger, noch ist das mit dem Tierschutzgesetz vereinbar. Und der Einsatz von Hilfsmitteln, wie Nachtzielgeräten, ist gesetzlich verboten.

Wer haftet für die Wildschäden?

SOKOLOWSKI: Nach dem neuen Gesetz haftet der Jagdpächter für Wildschäden. Allerdings muss der betroffene Grundstückseigentümer unter Einbezug eines Gutachters nachweisen, dass er alle zumutbaren Schutzmaßnahmen getroffen hat, die der Abwehr von Wildschäden dienen. Das gilt für landwirtschaftlich genutzte Flächen und für Streuobstwiesen, die wie Grünland genutzt werden und auf denen weniger alls 150 Bäume pro Hektar stehen. Bei einer größeren Zahl von Bäumen pro Hektar wird von einer Obstplantage und damit von einer Sonderkultur ausgegangen und die ist nicht schadensersatzpflichtig.

Ist eine Jagdpacht damit überhaupt noch attraktiv?

SOKOLOWSKI: Bei Wildschäden auf Agrarfläche können leicht Kosten in Höhe von 15 000 bis 20 000 Euro entstehen. Allein beim Mais besteht ein Schadensrisiko von 1 500 Euro pro Hektar. Da kann ein Jäger schnell arm werden. Der Landesjagdverband plädierte bei der Gesetznovellierung für die Einführung einer landesweiten Wildschadensausgleichskasse, durch die sich ein Interessensausgleich herbeiführen lässt. Aber eine solche Lösung ist bislang nicht in Sicht.

Heißt das, dass diejenigen, die sich heute über Wildschäden ärgern, künftig noch mehr Grund zum Klagen haben werden?

SOKOLOWSKI: Fakt ist, dass eine Jagdpacht unter solchen Voraussetzungen alles andere als attraktiv ist. Wer möchte schon Haus und Hof aufs Spiel setzen. Außerdem treibt das neue Jagdgesetz mit seinen Bestimmungen zur Schadensregulierung einen Keil zwischen Jäger, Landwirte und Wiesenbesitzer. Wildschäden wurden früher im guten Miteinander geregelt, das ist mit dem neuen Jagdgesetz schwieriger geworden. Querelen sind vorprogrammiert. Das alles führt dazu, dass Jagden kaum verpachtbar sind. Leidtragend sind am Ende eben die geschädigten Grundstückseigentümer.