Lokale Kultur

Schweißperlen, die sich lohnen

KIRCHHEIM 1983 trat Rainer Laskowski seinen Dienst als Archäologe und Museumsleiter an. Bald wurde er durch Bürger unterstützt, die mit diesen gebildete Archäologische Arbeitsgemeinschaft gibt es nun seit 20 Jahren. Rund 40 verschiedene

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PETER DIETRICH

Menschen beteiligten sich während dieser Zeit an deren Aktivitäten. Alle 14 Tage trifft sich die Gruppe im Magazin auf dem Bauhof, eine Ausstellung im Kornhaus stellt jetzt einige ihrer Ergebnisse und Erkenntnisse vor.

Wenn Laskowski und seine ehrenamtlichen Unterstützer mit Gummistiefeln auf einer Baustelle auftauchen, mag das manchem Bauherrn die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Doch diese Schweißperlen müssten sein, unterstrich Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker bei der Eröffnung der Ausstellung "Archäologie & Stadtgeschichte 20 Jahre Geschichtswerkstatt" im Städtischen Museum im Kornhaus. Während die meisten beim Begriff "Archäologie" spontan an Pergamon, Ephesus oder das Tal der Dordogne denken würden, richte die Ausstellung den Lichtkegel auf den Mikrokosmos der Stadt Kirchheim. Sie stelle vor allem Funde vor, die in den letzten zehn Jahren geborgen wurden, präsentiere unter anderem neue Erkenntnisse zur Stadtbefestigung oder zu den Mühlen.

Damit die Eröffnung kein Kaltstart wurde, stimmte zu deren Beginn Patrick Tröster musikalisch auf die Vergangenheit ein. Er eröffnete mit einem italienischen Spielmannstanz aus dem 14. Jahrhundert, gespielt auf der Sackpfeife. Anschließend griff er genauso gekonnt zur historischen Trommelpfeife. Nach dem Grußwort der Oberbürgermeisterin gab Museumsleiter Laskowski eine ausführliche Einführung in die Ausstellung.

Schon vor deren Besuch lohne der Blick aufs Ausstellungsplakat, regte er an. Dieses zeigt drei Fundgegenstände, ganz oben einen aufklappbaren Zwei-Lagen-Kamm aus alamannischer Zeit. Er wurde im Landesmuseum Württemberg restauriert und könnte noch heute Vorbild für moderne Exemplare für die Damenhandtasche sein. Darunter ist ein Keramiktopf aus der Karolingerzeit abgebildet, ganz unten zeigt das Plakat eine sehr seltene Flügellanzenspitze aus dem 9. Jahrhundert, die im 19. Jahrhundert entdeckt wurde.

Fundgegenstände sind für Laskowski wie alte Urkunden, sie müssen gelesen und interpretiert werden. Als Beispiel präsentierte er einen Topf, der bereits seit 30 Jahren bekannt ist, gefunden im alamannischen Gebiet östlich des Rheins. Dieses älteste Argonnengefäß, datiert um das Jahr 500, habe ein Muster mit Kreuzen und einer Taube. Dieser christliche Rollstempel sei bisher wenig beachtet worden. Laskowskis Theorie: Ein Franke, der unmittelbar nach der Niederlage der Alamannen von den siegenden Franken in deren Gebiet geschickt wurde, brachte den Topf mit. Damals seien die Franken unter Chlodwig Christen geworden, der Besitzer des Topfes könnte ein Christ der ersten Stunde aus dessen Umfeld gewesen sein.

Ein weiteres Beispiel: Die Ausstellung zeigt einen Stein der ehemaligen Kirchheimer Stadtbefestigung. Er ist Teil einer Schießscharte. Doch wie sah diese aus? Eine Exkursion der Geschichtswerkstatt zum Schloss Ellwangen zeigte es, dort lassen sich solche Schießscharten in Form eines Schlüssellochs noch betrachten wenn auch längst zugemauert. "Viele Gegenstände im Museum wurden erst teilweise gelesen", betonte Laskowski. Er bedauerte zudem, dass die Grabungen unter der Martinskirche bis heute nicht veröffentlicht seien.

Kirchheim, erläuterte Laskowski, habe es eigentlich doppelt gegeben. Denn es fänden sich Siedlungskerne sowohl westlich als auch östlich der Lauter. Ein weiterer Hinweis auf diese Tatsache sei, dass viele Flurnamen doppelt vorhanden seien. Doch erst seit 2000 vor Christus, in der Bronzezeit, sei die Talaue besiedelbar, davor sei sie versumpft gewesen. Es habe hier große Seen gegeben. Das Tonsediment eines ehemaligen Sees habe den Töpfern in der Dettinger Vorstadt als Rohstoff gedient. Die Ausstellung zeigt Funde aus deren Produktion.

"Die Natur verändert sich, das Klima verändert sich, auch ohne unser Zutun", betonte Laskowski, das Normale seien der Wechsel und die Veränderung. Einst habe es auf der Alb bei tropischem Klima Nashörner und Affen gegeben. "Damit haben sich unsere Vorfahren auseinandersetzen müssen", meinte er bei der Vorstellung eines Wollnashorns, dessen 24 000 Jahre alten Überreste auf Kirchheimer Gemarkung gefunden wurden. Überrascht wurde Laskowski durch die Datierung des Höhlenbären aus dem Sibyllenloch. 40 000 Jahre ergab die Untersuchung mittels Radiokarbonmethode. Wobei der Höhlenbär, wie Laskowski ergänzte, seinen Namen vom Fundort der Knochen habe. Er habe nicht in der Höhle gelebt, sondern diese nur zum Schlaf aufgesucht.

"Wir können mit unseren Kirchheimer Funden durchaus in der deutschen Forschung mitwirken", hob Laskowski hervor. Was ihn besonders freut: Die Ausstellung enthalte fast keine Leihgaben, fast alles entstamme dem Fundus. Der enthalte Material für viele Ausstellungen. Doch vorerst erwarten Funde zum Frauenkloster, zur Koch- und Esskultur, aus Grubenhäusern und einiges mehr auf Besucher. Wer es moderner mag: Auch ein Puppenherd der Firma Märklin, datiert auf 1900, ist Teil der Ausstellung.

ÖffnungzeitenDie Ausstellung ist bis 25. März im Kellergeschoss des Städtischen Museums im Kornhaus zu sehen. Geöffnet Dienstag von 14 bis 17 Uhr, Mittwoch bis Freitag von 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr, am Samstag und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. An Heiligabend, am 1. Weihnachtsfeiertag und an Silvester ist geschlossen.