Lokale Kultur

Seelenlandschaften und "verzogene" Strukturen

NEIDLINGEN Bilder und Skulpturen der beiden Esslinger Künstler Eli Dor-Cohen und Gerd Weidenhausen sind derzeit im Neidlinger Rathaus zu sehen. In Gerd Weidenhausens Malereien spielt die Auseinandersetzung mit Landschaft eine

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FLORIAN STEGMAIER

zwar nicht ausschließliche, dennoch gewichtige Rolle. Es handelt sich dabei aber nicht um in der Natur vorgefundene Ansichten, sondern vielmehr um "Seelenlandschaften", die der Künstler aus einem inneren Erleben heraus schöpft.

Gerd Weidenhausen wählt in seinen Landschaftsbildern einen durchaus individuellen Ansatz, indem er seine Landschaftsmotive für gewöhnlich großflächig eingefangene Erdmassen und Gebirgszüge aus großer Höhe, quasi luftbildartig in Szene setzt. Auf Grund dieses perspektivischen Ansatzes fehlt in einigen Bildern der für Landschaftsmalerei gewöhnlich strukturbildende Horizont. Eine vom Künstler beabsichtigte Tendenz zur Uneindeutigkeit, zur Verunklarung kommt dadurch ins Bild und eröffnet zugleich den Betrachtern die Möglichkeit zu eigenen, vom Kontext der Landschaftlichkeit auch unabhängigen Deutungen.

In seinen abstrakten Bildern beeindruckt die ästhetische Farbwahl, die sich mit einem scheinbar in innerer Bewegung befindlichen Bildaufbau vereint. So etwa in seiner dreiteiligen "Komposition", in der eine fragile vertikale Achse von Ocker- und Goldtönen umspielt und gleichsam befragt wird.

Der 1952 in Haifa geborene Eli Dor-Cohen kann zurecht als Multitalent bezeichnet werden. Der mehrfach preisgekrönte Künstler war zudem als Restaurator, Designer, Regisseur und Bühnenbildner tätig. Im Gegenüber mit seinen teils mehrere Meter in die Höhe strebenden Arbeiten fühlt man sich bei aller künstlerischer Individualität Dor-Cohens an das Vorgehen Marcel Duchamps erinnert, der alltägliche Gegenstände aus ihrer gewöhnlichen Funktion herausnahm, sie in einen anderen, oftmals irritierenden Kontext stellte und damit zu Kunstwerken erhob.

Der liebevolle und bei aller Ernsthaftigkeit auch humorvolle Umgang mit den vielfältigen Materialien verleiht den teils dekonstruktivistisch "verzogenen" Skulpturen eine stille und reizvolle Poesie. Die Darbietungen der Chöre "anima musica" sowie des Gemischten Chors Suppingen waren mehr als nur eine musikalische Umrahmung zur Vernissage.

Beide Klangkörper präsentierten unter der Leitung von Christian Vogt ihr Programm für den Regionalwettbewerb des Schwäbischen Sängerbundes am 1. Oktober in Heilbronn. Ein Erfolg bei diesem Wettbewerb würde in nächster Instanz die Teilnahme am Landeswettbewerb ermöglichen. Und dieser Erfolg wäre beiden Chören nicht nur zu gönnen, sondern auch zuzutrauen, präsentierten sich die Vokalensembles doch mit einem durchweg anspruchsvollen und hervorragend dargebotenen Programm, das vom frühen Barock über das 19. Jahrhundert bis in die Moderne reichte. Exemplarisch herausgegriffen sei nur das Madrigal "Ahi senza te" des venezianischen Meisters Giovanni Gabrieli, dessen reicher, sich am Text entzündender Affektgehalt sich für heutige Ohren keineswegs von selbst erschließt, von "anima musica" jedoch in selten gehörter Fülle und Frische erfahrbar gemacht wurde.

Die Ausstellung im Neidlinger Rathaus ist noch bis Sonntag, 23. Oktober, zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehen.