Lokale Kultur

Segen und Fluch des Musenkusses

KIRCHHEIM Von den Musen geküsst zu werden ist, so meint man, eine Gnade, die nur wenigen Auserwählten zuteil wird. Die Geküssten schweben über den Widrigkeiten des

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ULRICH STAEHLE

Daseins und hinterlassen Kunstwerke, die die Zeiten überdauern. Weit gefehlt, so lautet die Botschaft einer Lesung, die von der Stuttgarter Schauspielerin Natascha Meyer zusammengestellt und den Abschluss des Sommerprogramms der Stadtbücherei "Von den Musen geküsst. . ." bildete.

Sie hat einen Einblick in die Befindlichkeit von Künstlerinnen und Künstlern gegeben, indem sie sich vor allem mit ihren Briefen beschäftigt hat. Vor allem von Künstlerinnen schließlich ist sie selbst eine und schließlich sind bei literarischen Veranstaltungen, so auch bei dieser, fast nur Frauen anwesend.

Den Anfang machte eine bekannte femme fatale der Literaturgeschichte, George Sand, eine Vielschreiberin, deren Romane das damalige Publikum polarisierten. Auf jeden Fall führte sie ein für das 19. Jahrhundert sensationell eigenständiges Leben. Zu ihren Geliebten und Freunden zählten zum Beispiel Alfred de Musset, Chopin und Flaubert. Über 40 000 Briefe soll sie geschrieben haben. Meyer wählte einen Briefwechsel mit Sands Bewunderer Flaubert aus. Beide fragen sich, warum sie so schwankend sind in ihrem Lebensgefühl. Sand weiß oft nicht, wer sie ist, ob sie drei oder 300 Jahre alt ist. Sie beklagt, dass der Mensch nicht der Natur gemäß leben kann, sondern durch die Zivilisation "zurechtgestutzt" wird. Flaubert bekommt immer wieder "Anfälle düsterer Stimmung", zumal wenn er sich den Kopf zermartert, um auch nur ein einziges verwertbares Wort zu finden. Beide empfinden stark die Einsamkeit des Künstlers.

Rilke tröstet 1903 einen jungen Künstler in einem Brief über diese Tatsache hinweg: "Für den Schaffenden gibt es keinen sicheren Ort. Das ,Schatzhaus der Erinnerung' ist immer belebt und für eine ,Wendung nach innen' offen."

Schubert ist ein Beispiel für einen Künstler auf dem Gebiet der Musik. Es gibt keine Autobiografie von ihm. Stegemann hat eine fiktive geschrieben, in der Schubert Selbstgespräche während der Entstehung der 4. Symphonie führt. Künstlerisches Schaffen besteht aus "Warten, immer nur Warten". Nicht er schlägt die Zeit tot, sondern die Zeit ihn.

Die Schauspielkunst liegt der Schauspielerin Meyer natürlich besonders nahe. Für Gertrud Eysoldt hat Hugo von Hofmannsthal speziell Texte geschrieben, beispielsweise die "Elektra". Sie schöpfte ihre künstlerische Identität ganz aus diesen Texten: "Schreiben Sie für mich. . . Schaffen will ich und geschaffen werden."

Ein bekanntes Künstlerproblem haben Joseph Roth und Stefan Zweig miteinander verhandelt: Alkohol ist ein häufiger Begleiter von künstlerischen Prozessen. "Wer Sorgen hat, hat auch Likör" wusste schon Wilhelm Busch. Manche Künstler brauchen ihn auch als Geburtshilfe für ihre Produktionen. So Joseph Roth. Trotz der Ermahnungen von Stefan Zweig ("Ein Plan muss gemacht werden. . . Der tägliche Alkoholkonsum muss halbiert werden") ist er daran zugrunde gegangen.

Was bei Roth noch mitgespielt hat, die materielle Notlage des Künstlers, spielt in Briefen von der Schriftstellerin Irmgard Keun an ihren Geliebten und Gönner in Amerika die herausragende Rolle. Ein Bettelbrief endet mit dem Gruß "Deine Verzweifelte".

Eine Existenzverzweiflung ohne materielle oder zwischenmenschliche Gründe liegt bei Virginia Woolf vor. In ihren Tagebüchern spricht sie von ihrem Leben zwischen Müdigkeit und Erlösung. Eine Erlösung fand sie nur im Freitod.

Den Schluss und den Schwerpunkt der Lesung bildete die Beschäftigung mit der Malerin Modersohn-Becker. Sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrer künstlerischen Mission und ihrer Rolle als Ehefrau. Ihr Lebenswunsch, "drei gute Bilder" zu malen und lieber kurz und intensiv als lang und belanglos zu leben, ist in fataler Weise in Erfüllung gegangen. Nachdem sie eine Wegstrecke als Künstlerin mit Begleitern wie Rilke und Rodin zurückgelegt hatte, ist sie mit 31 Jahren kurz nach der Geburt eines Kindes gestorben.

Von den Musen geküsst zu werden bedeutet also nicht nur Segen, sondern auch Fluch. In einem kurzen Theorieteil fasste Meyer die Schattenseiten zusammen. Die Künstlerin oder der Künstler haben ein "lautes Missverhältnis zur Welt". Es besteht aus Distanzierung, Isolierung und oft auch aus Geldmangel. Das Selbstbewusstsein schwankt zwischen Depression und Überheblichkeit. Natascha Meyer hat eine subjektive Beispielsammlung vorgestellt. Die persönliche Note wirkt sich positiv auf den Vortragsstil aus. Er ist von innerem Engagement getragen, von dem die Zuhörer über den Inhalt der Texte hinaus berührt werden.