Junge Zeitung

Seidentofu versus Lyoner

Ein Selbstversuch, der das Äußerste forderte: eine Woche lang vegan leben

Kirchheim. „Mama, ich bin ab jetzt vegan!“ - „Ist okay. Einkaufen gehen musst du dann aber selbst!“ Ach komm schon! Mama! Wo ist das Kopfschütteln? Der gemurmelte

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Kommentar über die Jugend und ihre merkwürdigen Phasen? Die Frage, ob ich das ernst meine? Wenigstens ein schiefer Blick?

Keinerlei tierische Produkte zu essen oder überhaupt zu verwenden ist wohl gar nicht mehr so außergewöhnlich. In letzter Zeit fällt mir auf, dass sich die Veganer in meinem Freundeskreis geradezu häufen. Kirchheim hat einen veganen Stammtisch. Kochbücher vom veganen In-Koch Attila Hildmann stehen in immer mehr Bücherregalen. Auch das Vorurteil, dass Veganer nur von Körnern, Obst und Gemüse leben, kann mittlerweile getrost ins Reich der Mythen verwiesen werden. Veganer Käse, veganes Schnitzel, vegane Milchschokolade - für fast alle tierischen Produkte hat die Lebensmittelindustrie ein pflanzliches Pendant auf Lager.

Genügend Gründe, um zu testen, was es mit dem veganen Leben auf sich hat. Eine Woche lang, von Samstag bis Freitag, möchte ich komplett auf das Essen von tierischen Produkten verzichten.

Der Abend vor Beginn des Selbstversuchs ist geprägt vom Zwang, so viel Tierisches wie möglich zu vespern. Käsebrot, Erdbeerjoghurt und ein gekochtes Ei sollen mich stärken, um dem ersten veganen Tag gewachsen zu sein. Denn der beinhaltet eine Menge Herausforderungen. Bereits beim Frühstück muss ich feststellen, dass das vorhandene Knuspermüsli Honig enthält und somit nicht vegan ist. Doch womit hätte ich es auch essen sollen? Milch etwa? Meine erste Mahlzeit als Veganerin besteht damit - ganz dem Vorurteil entsprechend - aus Obst.

Bevor ich verhungere, muss also veganes Essen her! In Tübingen, wo ich mich übers Wochenende befinde, kein Problem, denn ein riesiger Alnatura-Supermarkt ist gleich um die Ecke. Dass es dort Nahrungsmittel für alle möglichen außergewöhnlichen Ernährungstypen gibt, hat man ja schon gehört. Also decke ich mich mit lauter exotisch klingenden Lebensmitteln ein, die ich noch nie gesehen, geschweige denn gegessen habe. Darunter befinden sich „Seidentofu“ und „Seitan“ und außerdem Sojajoghurt und Knuspermüsli. Letzteres ist mit Agavensirup statt Honig gesüßt.

Die vegane Herausforderung Nummer zwei lässt nicht lange auf sich warten: Vegan essen gehen. Man sollte meinen, das sei im recht alternativen Tübingen kein Problem: In der Stadt sieht man oft Reklame für veganes Essen. Doch nach intensiver Internetrecherche stellt sich heraus, dass es sich bei den „veganen Restaurants“ eher um Imbisse als schöne Gaststätten handelt. Nicht geeignet für ein romantisches Essen zu zweit. Die ideale Lösung findet sich schließlich trotzdem, und zwar beim Inder. Der hat im vegetarischen Part der Speisekarte ganze fünf Gerichte mit „vegan“ gekennzeichnet. So komme ich zu meinem veganen Essen und meine Begleitung ist nicht gezwungen, sich mit allzu viel Tofu auf der Karte auseinanderzusetzen.

Und doch ist die Odyssee durch die Lebensmittel-Zutatenlisten noch nicht vorbei: Wer hätte gedacht, dass der Einkauf von Wein und Schokolade für den gemütlichen Abend zu Hause so kompliziert sein könnte? Denn Wein ist im Normalfall nicht vegan, bei der Klärung werden tierische Mittel verwendet. Und Schokolade enthält meist Milch. Nach zwanzig Minuten erfolgloser Suche zwischen den Weinregalen finden sich zwei Weinflaschen mit dem Aufdruck „vegan“. Besonders viel Auswahl gibt es also nicht, aber immerhin kann ich mir aussuchen, ob ich einen weißen oder roten Wein möchte. Bei der Wahl der Schokolade stolpere ich über ein weitaus größeres Problem. Zwar habe ich auf der Website der Tierschutzorganisation „Peta“ einen „veganen Einkaufsguide“ gefunden, der unter anderem eine Liste von veganen Schokoladen enthält, jedoch steht selbst auf den laut „Peta“ veganen Schokoladentafeln „Kann Spuren von Milch enthalten“. Darf ich das als Veganerin dann essen, frage ich mich.

Zu Hause wird das erst einmal ausgiebig gegoogelt. Und siehe da, die Einträge in diversen Veganer-Foren im Internet sind sich fast immer einig: Spuren sind okay. Veganerin Melanie Kappler aus Mannheim erklärt mir, warum. „Ich verstehe da mehr eine Absicherung der Konzerne darunter, als ein wirkliches Vorhandensein von Milch.“ Der Vermerk auf der Packung von Lebensmitteln bedeute lediglich, dass mit den selben Maschinen oder in der selben Werkshalle auch Milchprodukte verarbeitet werden. Sehr erfreulich, ich muss also nicht komplett auf meine Schoki verzichten oder herausfinden, wo in Kirchheim es Reismilchschokolade gibt. Ganz normale Schokolade mit einem hohen Kakaoanteil beinhaltet nämlich keine Milch, ist also vegan, und bekanntlich in jedem Supermarkt erhältlich.

Einen Tag nach dem erfolgreichen Restaurantbesuch beim Inder stelle ich fest, dass sich vegan essen nicht immer so einfach gestaltet. Während alle anderen lecker schmausen und dazu Cocktails schlürfen, bestelle ich grünen Salat ohne Dressing und einen Tee. Nachdem ich den Kellner schon mit der Frage, ob das Salatdressing vegan sei, an den Rande seiner Kompetenz gebracht habe, will ich ihn nicht fragen, wie es mit den Bestandteilen der Cocktails aussieht. Also ist Abstinenz angesagt.

Veganismustag Nummer drei dagegen ist ein voller Erfolg für die Pflanzenesser-Riege. Nachdem ich beim Sonntagskaffee mit Oma nur zusehen durfte, wie alle Schokoladenkuchen verputzen, muss ein veganes Dessert her. Eine Freundin bietet sich als Versuchskaninchen an – und ist begeistert. Aus dem bereits erwähnten Seidentofu – einer glibbrigen weißen Masse – Bitterschokolade und etwas Vanillezucker wird ein veganes Mousse au Chocolat zusammengerührt. Und das ganze ohne Eiweiß zu schlagen und Enttäuschung, wenn das Mousse dann doch nicht so fluffig ist, wie es werden sollte. Das vegane Schokodessert ist schön luftig, sofort recht fest und außerdem unglaublich lecker.

Der zweite Sieg ereignet sich abends. Ein paar Freunde wollen in Kirchheim Burger essen gehen. Na gut. Dann setze ich mich wohl wieder mit einem Salat daneben – falls es einen mit veganem Dressing gibt. Dachte ich. Doch, oh Wunder: Es gibt einen vegetarischen Burger, der sich bei Nachfrage als vegan entpuppt! Mir wird genau erklärt, woraus sich die „Bulette“ zusammensetzt und welche Saucen vegan sind. Einer der Mitarbeiter lässt es sich sogar nicht nehmen, bei der Bäckerei anzurufen, die die Brötchen liefert, um zu fragen, ob sie denn wirklich ohne tierische Produkte hergestellt werden. Was für ein Service!

Die restlichen Tage der veganen Woche fliegen nur so dahin. Wenn man weiß, wie man tricksen muss, dann ist es gar nicht so schwer: Die Sahne beim Kochen wird durch Kokosmilch ersetzt und ein Kuchen schmeckt auch ohne Eier, wenn man stattdessen Seidentofu oder pürierte Früchte benutzt. Der Geschmackstest mit veganen Schoko-Bananenmuffins in der Teckboten-Redaktion war zumindest ein voller Erfolg.

Rückblickend sind mir die sieben Tage Verzicht gar nicht so schwer gefallen, wie man hätte meinen können. Trotzdem möchte ich die tierischen Produkte nicht dauerhaft weglassen. An meinem sonntäglichen Bio-Freiland-Frühstücksei von glücklichen Hühnern sehe ich nichts Verwerfliches. Allerdings kann ich verstehen, dass manche Menschen mit ihrer veganen Ernährung gegen die schlechte Behandlung von Tieren protestieren. Für Melanie Kappler ist das auch nicht der einzige Grund, aus dem sie auf tierische Produkte verzichtet. Sie habe sich auf einer Exkursion in Sri Lanka das erste Mal ausschließlich vegan ernährt – und sei dann dabei geblieben. „Ich fühlte mich einfach leichter und unbeschwerter“, erklärt sie. Zunächst habe die Ernährungsumstellung nur ihrem Körpergefühl und ihrer Verdauung gut getan, später sei der ethische Teil hinzugekommen, der sich mit Tierleid und Tierrechten auseinandersetzt. Bestimmte unvegane Produkte, die ihr fehlen, gebe es nicht. Vielmehr habe sie etwas hinzugewonnen, nämlich mehr Lebensqualität. Trotzdem versucht sie nicht, Kollegen oder Freunde zu „missionieren“. „Meine Kollegen dürfen selbstverständlich neben mir in ihr Wurstbrot beißen, ohne sich von mir Vorträge anhören zu müssen.“ Und auch ihre Kinder werden nicht vegan erzogen. Trotzdem hinterlässt es natürlich Spuren, sich mit ihnen über das Thema zu unterhalten. Ihr achtjähriger Sohn sei zumindest dem Konzept der vegetarischen Ernährung sehr zugetan, „aber Lyoner schmeckt so gut.“