Lokale Kultur

Serenaden-Seligkeit kontra Wahlfieber

KIRCHHEIM Für alle, die mit leicht brummendem Kopf der Wahlberichterstattung am heimischen Fernseher entflohen sind und den Weg in die Kirchheimer Stadthalle eingeschlagen haben, dürfte dies am Sonntag die richtige Therapie

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GERHARD FINK

gewesen sein: Statt schwer verdaulicher Zahlen und wilder Spekulationen gewährte das Gastspiel des "Neuen Leipziger Bläserquintetts" einen wunderbar entspannenden Exkurs in den wohl geordneten Kosmos der Musik.

Die fünf Sendboten aus dem Leipziger Gewandhaus, sie sind offenbar eine Koalition eingegangen, in der das Arbeitsklima, die wechselseitige Inspiration, die perfekte Außenwirkung und Homogenität, das Verhältnis von solistischer Brillanz und uneitler Ensemble-Dienlichkeit über jeden Zweifel erhaben sind. Auf die Verhältnisse in der Politik ist dieses Modell wohl kaum übertragbar . . .

Zwei Meisterwerke aus dem reichen Fundus der Originalkompositionen für Holzbläser-Quintett, gaben der ersten Programmhälfte bereits besonderes Gewicht. Antonin Reichas Quintett in Es-Dur ist so etwas wie der "Primus inter Pares" in einer staunenswerten Werkreihe, die erst vor gut zwei Jahrzehnten wieder ins Bewusstsein der Musikwelt rückte. Dieser Antonin Reicha verleugnet weder sein Herkommen aus dem böhmischen Musikantentum noch sein außerordentliches Wissen als Kompositions-Theoretiker.

Auf dieser Basis ergeben sich unglaublich kurzweilige und präzise Satzfolgen, die durch reiches, aber nie überbordendes Themenmaterial, durch geschmackvolle Instrumentierung und kontrollierte Emotionalität gekennzeichnet sind. Die Leipziger Bläser, an allen Pulten mit exzellenten Musikern besetzt, feierten einen perfekten Einstand in der Stadthalle.

Mit den "Sechs Bagatellen" von György Ligeti stand vor der Pause ein Zyklus der gemäßigten Moderne auf dem Programm, den der in Rumänien gebürtige Ungar 1953 aus eigenen Klavierstücken entwickelte. Wie sechs kleine Edelsteine funkeln diese Miniaturen, die sich vor allem aus dem unerschöpflichen Fundus der echten ungarischen Folklore jenseits von Csardasz und Operette speisen und auch ein kompositorisches Epitaph für Bela Bartok, den großen Sammler dieser Melodien, enthalten.

Die Leipziger spielten die Schärfen und die rhythmischen Zuspitzungen in dieser Musik virtuos aus, vermochten aber ebenso überzeugend, die verhaltene Melancholie der langsamen Stücke zu vermitteln. Mit den "Altungarischen Tänzen" von Ferenc Farkas, dem Lehrer von György Ligeti, gelang dem Ensemble am Schluss des Programms dann nochmals eine bewegende Reminiszenz in Bezug auf das reiche Musikleben Ungarns zwischen den Epochen der Renaissance und der Romantik.

Im Mittelpunkt der zweiten Programmhälfte aber stand eine Bearbeitung der "Petite Symphonie" von Charles Gounod für die Quintett-Besetzung. Dank der Präzision und der perfekten dynamischen Abstimmung der in ihren Möglichkeiten ja keineswegs gleichgewichtigen Instrumente Oboe kontra Klarinette zum Beispiel gelang es den Interpreten, den mendelssohnschen Esprit dieser Musik, der die intensive Freundschaft zwischen Fanny Hensel und Gounod widerzuspiegeln scheint, wirksam werden zu lassen. Schöner kann auch die Originalfassung kaum erklingen.

Abgerundet wurde das überaus substanzreiche Programm mit Mozarts Divertimento KV 270, das in der Quintett-Fassung farben- und facettenreich aufs Schönste zur Wirkung kam. Ein Konzertabend wie aus einem Guss.