Lokale Kultur

„Sich fühlen wie Vermeer“

Ausstellung „Camera“ der Künstlerin Bernadette Wolbring in der Städtischen Galerie

Kirchheim. Jan Vermeer van Delft (geboren 1632 in Delft; gestorben 1675 in Delft) wirkte in der Epoche des Goldenen Zeitalters der Niederlande, in der das Land eine politi-

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Kai bauer

sche, wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit erlebte. Der Umfang des Gesamtwerkes von Jan Vermeer ist mit heute bekannten 37 Bildern sehr klein.

Vermeer ist für seine Feinmalerei, die raffinierte Lichtinszenierung und die Verwendung der Camera Obscura bekannt, mit der er Raum- und Proportionsverhältnisse naturalistisch erforschen konnte. In seinen Darstellungen wich er jedoch oft bewusst von der Realität ab. Er überzeichnete beispielsweise die räumlich veränderten Größenverhältnisse und entwickelte seine Bilder mehr nach der Bedeutung einzelner Bildelemente, den Inhalten und der Komposition.

Gemälde von Vermeer bilden den Ausgangspunkt für die fotografischen Arbeiten der Künstlerin Bernadette Wolbring in der Städtischen Galerie im Kirchheimer Kornhaus. In einem mehrschrittigen Verfahren geht sie allerdings nicht von den Originalen, sondern von Reproduktionen der Gemälde aus Kunstbüchern aus. Diese bearbeitet sie mit dem Computer, um Personen und Gegenstände aus den Bildern zu entfernen und diese nur auf die Raum- und Lichtsituationen zu reduzieren.

Mit diesen, noch von den Rasterflächen des Offsetdrucks geprägten Reproduktionen konstruiert sie kleine Raummodelle. Dann baut die Künstlerin eine begehbare Camera Obscura um die kleinen Modelle, um darin die auf dem Kopf stehenden Bilder der Modelle mit einer Mittelformatkamera und langer Belichtungszeit aufzunehmen. Dies ist jedoch mehr als nur ein technisches Verfahren, denn damit schlüpft sie auch körperlich in die Techniken, Denk- und Betrachtungsweisen der Epoche, in der Vermeer seine Bilder gemalt hat. Zudem steht die Mittelformatkamera für die Zeit der analogen Fotografie; die Camera Obscura dagegen für die spannenden „Lichtzeichnungs-Erlebnisse“ des siebzehnten Jahrhunderts.

Mit diesen Verfahren kann Bernadette Wolbring die Rezeption von Bildern auf mehrere Zeitebenen verlagern. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird es möglich, nicht nur Ver- meer-Gemälde anzuschauen, sondern wahrhaftig so zu schauen wie Vermeer: Auf einer sandgestrahlten Glasscheibe im Inneren der „dunklen Kammer“ zeichnet sich das schwache Bild des Modells ab, dessen reflektierter Lichtschein durch das winzige Loch gefallen ist und dabei seitenverkehrt und auf dem Kopf auf der Scheibe auftrifft.

Die fotografischen Ergebnisse dieser epochenüberschreitenden Bildfindungen und Wahrnehmungserfahrungen sind in der Ausstellung „Camera“ noch bis Sonntag, 29. November, in der Städtischen Galerie im Kornhaus in Kirchheim zu sehen. Die Fotopapiere, die nicht nur auf Vorlagen von Vermeer, sondern auch auf Werke von Gerhard Richter und Fra Angelico zurückgehen, wurden zum Teil hinter Glas kaschiert, zum Teil allerdings auch in unangenehm spiegelnde Glasrahmen montiert.

Nachdem die Betrachter sich über die komplizierten fototechnischen Verfahren informiert haben, stellt sich wohl vor allem die Frage nach der Bedeutung dieses Umgangs mit bekannten historischen, zum Teil sogar populären Gemälden und damit die Grundfrage nach dem Sinn und der Funktionsweise von Bildern.

Bei diesen Fotoarbeiten ist der Prozess der Herstellung mindestens so wichtig, wie die sichtbaren Ergebnisse. Ebenso kann hier dem alten Konkurrenzverhältnis von Fotografie und Malerei ein neues Kapitel angefügt werden: Galt im 19. Jahrhundert die Fotografie als „wirklichkeitsgetreue“ Nachfolge der Malerei, wurde sie im Impressionismus zu deren Thema. Im 20. Jahrhundert hatte die Fotografie lange damit zu kämpfen, überhaupt zur ernsthaften Kunst gezählt zu werden. Heute erzielt Fotokunst ähnliche Preise am Kunstmarkt wie die Malerei. In Bernadette Wolbrings Arbeit stellen sich nun die Fragen, inwieweit die Vorlagen durch die technischen Verfahren aufgewertet werden und ob sie als ästhetische Ergebnisse mit ihren Rasterpunkten eher gegen die niederländische Feinmalerei zurückfallen. Oder erhalten sie ihre Bedeutung eher als authentische Ergebnisse sorgfältiger Forschungsarbeit? In jedem Fall bilden die Arbeiten eine sehenswerte und interessante Ausstellung. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Motive von Vermeer und Richter schon zu oft gezeigt und reproduziert wurden, und erst durch die Fotoarbeiten von Bernadette Wolbring wieder fremd genug für den frischen Blick auf Unbekanntes werden.