Lokale Kultur

"Sie müssen unter allen Umständen das Pathos vermeiden"

KIRCHHEIM "Lessing, Sie müssen unter allen Umständen das Pathos vermeiden." Diesen Rat gab dem noch jungen Dichter die "Komödiantin" Caroline Neuber, die 1748 in ihrem Theater für die erste

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HEINZ BÖHLER

Aufführung eines Stückes aus der Feder Gotthold Ephraim Lessing gesorgt hatte. Unter der Regie von Walter Menzlaw führte die Herxheimer Theatertruppe "Chawwerusch" auf der Marstallwiese beim Kirchheimer Schloss ein Stück über die Karriere der ersten Theaterleiterin in Deutschland auf.

"Theater im Theater" oder "Ein Stück deutscher Literaturgeschichte" hätte als Untertitel im Programmheft stehen können. Beiden Ansprüchen wären die Komödianten von "Chawwerusch gerecht geworden. Doch eben jenes komödiantische, die Lust am Wechsel vom Klamauk ins Tragische und zurück, wie es die Zuschauer in der temporär zur Freilichtspielanlage eingerichteten Schlossanlage zu sehen bekamen, wäre unberücksichtigt geblieben. Also lautete der Untertitel ein wenig verstaubt anmutend: "Die Geschichte der Theaterprinzipalin Caroline Neuber, dargestellt von einer Schauspieltruppe."

Das Stück beginnt mit der Anstellung der "Neuberin" und ihres Mannes Johann bei einem Wandertheater. Als dessen Leiter mit der Kasse durchgeht, übernimmt sie die Truppe und bekommt unterstützt von dem sehr einflussreichen Professor Johann Christoph Gottsched in Leipzig ein eigenes Theater "über den Fleischbänken". Mit ihrer Entfernung der damals im deutschen Theater noch gängigen "Hanswurstiaden" von ihrer Bühne machte sie sich den Darsteller des Hanswurst, Hans Müller, zum Feind, der sie vorübergehend aus Leipzig verdrängt. Einem halbjährigen Aufenthalt in St. Petersburg auf Einladung der Zarin Anna folgt der Wiedereinzug "über den Fleischbänken" und das Zerwürfnis mit Gottsched, dem der damals noch junge Lessing vorgeworfen hatte, mit der Adaption der französisch geprägten Poetik, dem deutschen Theater den falschen Weg gewiesen zu haben. Noch kann sich Caroline Neuber mit ihrem Ziel, aus dem Theater eine Stätte der Volksbildung zu machen, nicht durchsetzen dies sollte eine Generation später einem gewissen Friedrich Schiller erst endgültig gelingen und das Stück endet mit dem Ruin des Ehepaares Neuber.

Aber nichts wird bei "Chawwerusch" so heiß gegessen, wie gekocht: Felix S. Felix, die Darstellerin der "Neuberin" verabschiedet sich mit der Andeutung, dass jetzt Shakespeare zu spielen anstehe und leitet über zum Theater im Theater: Das Bühnenbild bei "Chawwerusch" zeigt die Situation hinter der Bühne. Im Grunde findet das ganze Stück sozusagen hinter den Kulissen statt und genauso agieren die Darsteller: die Bühne ist Umkleideraum und Büro, ist Leichenschauhaus und immer wieder auch richtige Bühne.

Die Einfälle, die aus der Story einer energischen Frau ein modernes Theaterstück und damit zugleich einen echten Lustgewinn für die Zuschauer hervorgehen lassen, sind höchst bemerkenswert. Da werden Anleihen bei der Muppets-Show gemacht, wenn die Reaktionen des Fleischervolkes auf ihre neuen Nachbarn in kurzen Spots fixiert werden. Tragödien, wie der Tod der Zarin, finden sich durch einfachste darstellerische Mittel Claudia Olma legt sich schweigend auf den Boden , einem ungeheuer effektvollen Einsatz von Requisiten die Schauspieler drehen die Schleppe des Zarinnenkleides auf die andere, schwarze Seite und der entsprechenden Musik dargestellt. Auch mit Anspielungen auf moderne oder ganz alte Zeiten verzichten die Herxheimer Theatermacher nicht. Etzels Spielleute, die in den "Nibelungen" um die verwitwete Kriemhild werben, tragen bei "Chawwerusch" russische Fellmützen und spielen Balalaika. Als schon niemand mehr an eine Wiedervereinigung Deutschlands glaubte, kam der Anstoß dazu aus Russland und Theater im Theater der Regisseur schickt die übereifrigen Sänger gleich noch einmal zurück. Sie wollten schließlich keinesfalls zu spät kommen, um nicht vom Leben bestraft zu werden.

"Chawwerusch" lässt sich nicht auf die Schublade "Mundarttheater" reduzieren. Trotzdem finden sich dramaturgische Gründe, einige der Figuren in den Dialekten des einfachen Volkes sprechen zu lassen, wie die Schauspielerin Gründler, die mit ihrem österreichischen Akzent nicht nur auf ihre Herkunft, sondern auch auf die Entwurzelung durch das damals übliche Vagantentum der Schauspieler hinweist.

Besonders gut kam bei der Vorstellung auch das Pfälzer Idiom des Hanswursten Hans Müller zur Geltung. Ben Hergl füllte dessen Rolle, als einer, der nicht vom Althergebrachten lassen will, überzeugend aus Dialekt als Kennzeichen einer konservativen Haltung. Und noch einmal Theater im Theater: Auch als die eben dahingeschiedene "Madame Gründler" sich echauffiert: "Natürlich bin ich tot, aber wie soll ich denn von der Bühne kommen, wenn der Beleuchter pennt", tat der das natürlich nicht wirklich, aber ein Stück über das Theater mit einer Backstage als Bühnenbild will zeigen, dass auch für diesen Teil der Realität gilt: "Sh . . . happens".