Junge Zeitung

Sitzen bleiben

Fabian Auch erzählt, wie er seine „Extrarunde“ am Schlossgymnasium erlebt hat

Das Sitzenbleiben wird immer wieder kontrovers diskutiert. Wir haben einen Kirchheimer Schüler, der am Schlossgym­nasium eine Extrarunde drehen musste, gefragt, wie er das Jahr erlebt hat.

Sitzenbleiben: Für die einen ist es vertane Zeit, für die anderen eine zweite Chance.Foto: Jean-Luc Jacques
Sitzenbleiben: Für die einen ist es vertane Zeit, für die anderen eine zweite Chance.Foto: Jean-Luc Jacques

Was waren deine ersten Gedanken, als du erfahren hast, dass du die Klasse wiederholen musst?
Ich weiß sogar noch, wo und wann ich erfahren habe, dass ich die Klasse wiederholen muss. Das war in einer BK-Stunde. Meine damalige Klassenlehrerin klopfte und bat mich heraus. Auf dem Gang hat sie mir dann gesagt, dass ich es dieses Jahr nicht schaffen werde. Mir ist das Herz stehen geblieben. Ich war völlig aufgelöst und konnte überhaupt nicht glauben, was ich da gehört hatte. Am Anfang ging es mir damit echt schlecht: Nicht mehr mit den ganzen Freunden in die gleiche Klasse zu gehen, oder irgendwie schlechter gewesen zu sein, wo es doch sonst fast alle gepackt hatten, war eine harte Vorstellung.

Hast du dir dann schwer getan, im nächsten Jahr in einer neuen Klasse?
Nachdem ich mich bis zum neuen Schuljahr mit der Situation vertraut gemacht hatte, war die neue Klasse kein Problem mehr. Man zählt ja als Sitzenbleiber auch erst mal zu den Coolen, Unnahbaren, die schon Dinge vom kommenden Jahr wissen. Kurz gesagt, ich wurde gut aufgenommen, ebenso wie die zwei weiteren Sitzenbleiber. Wenn mehrere Leute sitzen bleiben, die dann auch noch in die gleiche Klasse kommen, dann schweißt dass irgendwie zusammen. Da ich die neunte Klasse wiederholt habe, war es mit dem Einleben in eine neue Klasse sowieso einfacher: Es werden neue Fächer gewählt und Schüler werden in neue Klassen untergebracht. Somit sah eigentlich jeder neue Gesichter.

War es schlussendlich hilfreich und sinnvoll?
Oh ja! Davon abgesehen, dass ich mich mehr angestrengt hab, habe ich jede Menge tolle Leute kennengelernt. Im Nachhinein bin ich sogar wirklich froh, sitzen geblieben zu sein, sonst wäre mir vieles entgangen. Diese neue Herausforderung hat mir Mut gemacht, meinen Ehrgeiz geweckt und mich in Situationen gebracht, mit denen ich gelernt habe umzugehen: beispielsweise neue Kontakte zu knüpfen oder offener mit Problemen umzugehen und auch die ein oder andere zusätzliche Frage im Unterricht zu stellen. Das hat mich bis heute geprägt und gestärkt. Schulisch gesehen hat sich natürlich auch einiges getan: Ich bin besser im bereits bekannten Stoff mitgekommen und konnte mich auf die Gebiete konzentrieren, wegen denen ich durchgefallen war.

Ist es so also besser gewesen?
Zweifellos gibt es auch schlechte Seiten: Warum ein Jahr wiederholen, wenn man eigentlich nur in zwei Fächern richtig schlecht war? Wieso noch einmal alles lernen müssen? Aus meiner Sicht ein einleuchtender Kritikpunkt. Allerdings kann ich nur aus meiner Erfahrung sprechen und die war schlicht und einfach gut. Eine Alternative zur Extrarunde hab ich keine parat. Ich würde am bisherigen System festhalten, da ich denke, es ist so leichter mit dem Lernstoff vertraut zu werden, als eine Klasse weiterzukommen und parallel alles Versäumte zu wiederholen und dabei neue Sachen zu verpassen.

Kam dir das zusätzliche Jahr zu lang oder zu viel vor?
Es ging genau 365 Tage (lacht). Spaß beiseite: Als dann meine ehemalige Stufe ihr Abi gemacht hat, kam ich mir schon manchmal blöd vor. Ich hätte ja auch mit ihnen Abi machen können. Als dann alle weg waren und die Pausen leerer wurden, als wir dann der höchste Jahrgang waren, da hätte ich mir gewünscht schon fertig zu sein. Aber ich bin immer noch jung und habe sehr viel vor. Das Jahr war die Erfahrung allemal wert. Ich bin froh, dass es so gelaufen ist.

Sitzenbleiben: Für die einen ist es vertane Zeit, für die anderen eine zweite Chance.Foto: Jean-Luc Jacques

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