Lokale Kultur

Sommerprogramm-Auftakt mit vier Leichen

KIRCHHEIM In der Badewanne dümpelt friedlich eine Tote. Es ist Elisabeth Braun. Sie ist bereits das dritte Mordopfer im Altenheim für Bühnenkünstler auf dem Verrücktenhügel. Ein weiteres folgt ihr ins Jenseits. Alle verbindet sie die Rolle des "Ariel" in Shakespeares "Sturm",

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RICHARD UMSTADT

die sie am Privattheater von Indentant Tom Haller geprobt hatten. Der hatte die exzentrischen Alten engagiert, um seinem bankrotten Haus das Überleben zu sichern. Hauptkommissar Prottengeier steht vor einem Rätsel. Wer hat es auf die schrulligen Diven abgesehen? Und warum? Soll etwa die große Aufführung verhindert werden?

"Gänsehaut und Nervenkitzel" verbreitete Madeleine Giese am Freitagabend mit ihrer Krimilesung zum Auftakt des gleichnamigen Sommerprogramms in der Kirchheimer Stadtbücherei. Dabei unterstützte sie einfühlsam auf dem schaurig-schön klingenden "Casio"-E-Piano der Konzertpianist Thomas Rahlfs mit passender Untermalung.

"Angst ist ein Gefühl, das die Leute genießen, wenn sie nichts zu befürchten haben", schrieb der Altmeister des Gruselkinos, Alfred Hitchcock, und bewies damit, dass er sein Publikum genau kannte. Eben jenen Genuss bereitete die Schauspielerin, Regisseurin und Theaterautorin Madeleine Giese ihren Zuhörerinnen und Zuhörern in der Stadtbücherei. Die Menschen hingen an ihren Lippen, man hätte eine Stecknadel fallen hören können, als sie das Szenario des dritten Mordes in der Badewanne beschrieb, oder die Jagd des bulligen Kommissars nach der schwarzen Gestalt mit der Kapuze.

Spannung und Situationskomik wechselten sich bei der Lesung wohltuend ab. Die atemlose Stille wurde unterbrochen durch befreiende Lacher. Krimi-Autorin Madeleine Giese kennt das Milieu der Bühnenkünstler es ist ihr Milieu. Und sie weiß: Alt werden sie alle, wenn ihnen der "große Abgang" auf der Bühne nicht zuvor gelingen sollte. Alt und "nochmals 'ne Nummer extremer exzentrisch".

Dies hatte auch die Heimleiterin, Frau Dr. Krüger, erfahren müssen. Sie hatte es gut mit ihren Schützlingen gemeint und eine Aufführung der Theatergruppe des Heimat- und Wandervereines organisiert, doch was machen die "bösartigen Ungeheuer mit den zahnlosen Mündern und den Händen, wie dürre Vogelklauen"? Sie verlassen mitten im ersten Akt den Zuschauerraum. Die "Kollegen" vom Heimat- und Wanderverein weigerten sich daraufhin, jemals wieder im Altenheim für Bühnenkünstler Theater zu spielen. Diese Geschichte ist übrigens, wie die Autorin versicherte, tatsächlich passiert, und sie baute sie daraufhin in ihren Krimi ein.

Madeleine Gieses Figuren sind echt. Die zarte, schwerhörige Frau Schmidt-Urke, ihr Tischnachbar, der kleine knittrige Herr Kuhn, Heribert von Koch mit der Textdemenz, Iris Mallak mit den Hängebacken, Gisela Mann mit den kunstvoll blondierten Haaren und weitere "verrückte Alten". Sie mögen auf den ersten Blick überzeichnet oder lächerlich wirken, doch nur scheinbar. Jeder, der mit alten Menschen zu tun hat, weiß, mit welchen kleinen und großen Gebrechen sie täglich zu kämpfen haben und welche Eigenheiten sie entwickeln können als wäre Alter eine Krankheit.

"Mein Gott, mich trifft's auch, alt zu werden. Am Theater geschieht dies sehr abrupt," seufzte die 44-jährige Autorin, die 20 Jahr lang Schauspielerin war, bevor sie zu schreiben begann. Die Erfahrungen mit ihren alternden Kolleginnen und Kollegen verpackte sie in den Krimi. Außerdem recherchierte sie in Altersheimen, Bibliotheken, holte sich fachkundigen Rat über Art und Dosierung betäubender Medikamente ein und ließ sich über Ermittlungsmethoden und Polizeiarbeit von einem "echten" Polizeioberrat informieren. "Ein Jahr lang fesselte mich das Thema so, dass ich es durchhielt, zu schreiben", erzählte Madeleine Giese dem Publikum in der Stadtbücherei über ihre Motivation.

Auf die Idee, ihren zweiten Kriminalroman "Die letzte Rolle" zu schreiben, brachte sie "ein altes, verrücktes Haus, das aussah, als ob es die Peulenpest hätte." In dieses unheimliche Gebäude quartierte sie die weiß-, kahl- und lilaköpfigen, schrulligen alten Bühnenkünstler ein und flocht geschickt und spannend geschrieben die Mordgeschichte um die Besetzung des Ariel ein.

Ein Krimi, den man mit Lust liest und eine Autorin, der man mit Freude zuhört.

Soviel kann im Übrigen verraten werden: Der Mörder war diesmal nicht der Gärtner. Wer mehr über Ariels hinterhältigen Meuchler wissen will, sollte in die Stadtbücherei gehen.