Lokale Wirtschaft

Spagat zwischen Kind und Beruf kann gelingen

"Aus glücklichen Familien besteht das Wohl des Staates", sagt der Volksmund. "Und auch das Wohl der Wirtschaft", möchte man hinzufügen. Doch viele Frauen tun sich noch immer schwer, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen.

DANIELA HAUSSMANN

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KIRCHHEIM Wenn sich Nachwuchs ankündigt, sind es fast ausschließlich die Mütter, die sich eine Auszeit vom Beruf nehmen. Weil die gewünschten Betreuungsmöglichkeiten fehlen, bleiben viele Frauen auch nach der Babypause notgedrungen zuhause. "Dadurch entstehen Nachteile, denn der betriebliche Alltag ist einem permanenten Wandel unterworfen", wie Irene Krissler, Geschäftsstellenleiterin der Agentur für Arbeit in Kirchheim, sagt. "Der Wiedereinstieg stellt viele Berufsrückkehrerinnen vor Herausforderungen."

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung für die Jahre 2000 und 2004 hat ergeben, dass es für Frauen, die ernsthaft Karriere machen wollen, vor allem dann schwierig wird, wenn sie Kinder haben. Mehr noch, sie verhindern hierzulande, solange sie klein sind, breitflächig eine Berufstätigkeit von Müttern. Nur ein Drittel der Frauen mit Kindern unter drei Jahren sind überhaupt berufstätig, wie eine Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts ergeben hat.

Nachteile entstanden auch für Sonja Aschmann-Kristen. Die gelernte Bankfachwirtin konnte nach einem Jahr Elternzeit nicht mehr in ihre alte Stelle als Referatsleiterin zurückkehren. Ihr Arbeitgeber beschäftigte sie als Springer-Sachbearbeiterin. "Über einen schnellen Wiedereinstieg und wie er für beide Seiten flexibel gestaltet werden könnte", erzählt die Frau aus Jesingen, "haben meine Vorgesetzten mit mir nie gesprochen."

Der Spagat zwischen Beruf und Kind sei für sie fast zur Zerreißprobe geworden. Arbeitszeitenangepasste Betreuungsmöglichkeiten suchte die Mutter, deren Sohn heute elf Jahre alt ist, vergebens. "Mein Vorschlag, zuhause zu arbeiten, wurde nie realisiert", erzählt Sonja Aschmann-Kristen. "Nach meiner Rückkehr hatte es auch einige Software-Umstellungen gegeben und die neue Arbeit erforderte Kenntnisse, die ich mir selbst aneignen musste." Fort- und Weiterbildungen im Fachgebiet seien ihr damals nicht angeboten worden. "Statt dessen bekam ich eine Excel-Schulungs-CD", erinnert sie sich. "Eigentlich hätte ich einen Kurs gebraucht, doch den hätte ich privat finanzieren müssen."

"Maßnahmen, die seit diesem Jahr von der Agentur für Arbeit finanziert werden", weiß Irene Krissler. "Das Wegebau-Programm fördert Weiterbildungskosten für geringqualifizierte beschäftigte Arbeitnehmer." Ziel dieses Arbeitsentgeltzuschusses für den Arbeitgeber sei es, dem bereits jetzt beklagten Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitnehmer zu verbessern. Das Programm richtet sich an Beschäftigte, die keinen Bildungsabschluss haben, die im Rahmen des bestehenden Arbeitsverhältnisses und unter Fortzahlung des Arbeitsentgeltes mit der Weiterbildung einen anerkannten Berufsabschluss oder eine Teilqualifizierung erwerben und wegen der Teilnahme an der Weiterbildung die Arbeitsleistung ganz oder teilweise nicht erbringen können. Gefördert wird die Teilnahme an externen Weiterbildungen, in denen Kenntnisse vermittelt werden, die über die arbeitsplatzbezogene Anpassungsqualifizierung hinausgehen. Daneben bietet die Arbeitsagentur Berufsrückkehrerinnen auch die Möglichkeit der Vermittlung in Weiterbildungsmaßnahmen, die helfen Kenntnisse und Fertigkeiten nach Abschluss der Elternzeit aufzufrischen und weiter auszubauen.

Gerade angesichts der demografischen Entwicklungen kommt Maßnahmen gegen den absehbaren Fachkräftemangel aus Sicht von Wolfgang Oettle, von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Esslingen-Nürtingen, eine wachsende Bedeutung zu. "Wenn Berufstätige keine Möglichkeit sehen, gleichzeitig Eltern zu sein, sondern sich für Beruf oder Familie entscheiden", so der Geschäftsführer, "dann fehlen uns entweder Fachkräfte oder Kinder, und diese Kinder sind die Fachkräfte von morgen." Das haben laut Oettle auch die Betriebe verstanden. "Mit familienfreundlicher Personalpolitik können sie Fachkräfte gewinnen und leichter halten, einen Imagegewinn als verantwortungsbewusster Arbeitgeber erzielen, was auch die Personalrekrutierung erleichtert. Fehlzeiten verringern und die Produktivität erhöhen, das Betriebsklima verbessern und die Motivation steigern", bringt er die Vorteile in diesem Bereich engagierter Firmen auf den Punkt. Aus Sicht der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen können Betriebe in vielfacher Weise Beschäftigten unter die Arme greifen, um ihnen den Spagat zwischen Familie und Beruf zu erleichtern

Dies gilt auch für kleine und mittelständische Betriebe. Fort- und Weiterbildungen während der Elternzeit anzubieten erleichtert die zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber vorher vereinbarte Rückkehr ins Unternehmen. Einladungen zu Betriebsfesten tragen während der befristeten Abwesenheit dazu bei, dass Elternzeitler den Kontakt zum Betrieb und den Kollegen halten können. Der Zugang zum Intranet kann Betroffenen helfen, sich über offene Stellen, aber auch Veränderungen im Unternehmen zu informieren. Eine familienfreundliche Personalpolitik zeichnet sich für Oettle durch das Angebot flexibler Arbeitszeiten, die Unterstützung beim Wiedereinstieg in den Beruf nach der Elternzeit, Sonderurlaub bei Kinderkrankheiten, die Möglichkeit zur Telearbeit und Teilzeitarbeit sowie die Möglichkeit betriebsnaher Kinderbetreuung aus. "In Zukunft kommen sicher auch Hilfestellungen bei der Pflege betreuungsbedürftiger Angehöriger dazu", so der Geschäftsführer. "Ein IHK-Checkheft enthält eine Reihe von Vorschlägen, die Betrieben zahlreiche Beispiele aus der Praxis bieten."

"Hätte ich solche Hilfestellungen erhalten", sagt Sonja Aschmann-Kristen, "dann hätte ich mich vor fünf Jahren nicht selbstständig gemacht." Die ehemalige Bankangestellte sah für sich keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr. Die Aussicht, beruflich voranzukommen, sah sie für sich als Mutter bei ihrem damaligen Arbeitgeber nicht. "Ich hatte den Eindruck, an meinem Know-how, das mir vor meiner Mutterschaft immer bescheinigt wurde, bestand kein Interesse mehr. Denn für meine Situation zeigte mein Arbeitgeber kein Verständnis", blickt die Inkasso-Unternehmerin zurück. Maßnahmen wie jene der IHK, davon ist sie überzeugt, hätten sie von einer Kündigung abgehalten.