Lokale Kultur

Spagat zwischen "kleinem grünem Kaktus" und silbergrauem ...

KIRCHHEIM Zugegeben: Ein wenig gewagt erschien es zunächst schon, im Kirchheim von 2007 das freizügige und frivole Berlin der 1920er-Jahre aufleben zu lassen. Der

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RALF SACH

Rock 'n' Roll war zwar damals noch nicht erfunden, umso mehr spielten aber sex and crime eine nicht unerhebliche Rolle. Man denkt an diese Zeit natürlich nicht, ohne im Hinterkopf die anzügliche Stimme der Marlene Dietrich oder das fiese "Rrrr" des Kurt Gerron beim Mackie-Messer-Song zu hören, bejammert vom wimmernden Hammond-Sound. Die Comedian Harmonists prägten diese Zeit mit ihrer beinahe naiv-zurückhaltenden Sangweise genauso wie die "Baliner Schnauze" etwa im Oscar Straußschen Fragelied: "Warum soll eine Frau denn kein Verhältnis haben?". Wie ein Kontrapunkt untermalt das leicht verstimmte Honky-Tonk-Klavier die Stummfilmszenen von Charlie Chaplin oder die gesammelten Katastrophen von Oliver und Stan alias "Dick und Doof". Der Schriftsteller Alfred Döblin meinte einmal, man müsse hinter der scheinbaren Freizügigkeit dieser Zeit immer die tiefe Melancholie sehen, um sie recht zu verstehen.

In einer Revue "Immer um die Litfaßsäule rum" ließ der SingOutChor Kirchheim unter der Leitung von Bertram Schattel am Samstag in der voll besetzten Stadthalle diese in vielerlei Hinsicht interessante Zeit plastisch wieder aufleben. Um es gleich vorneweg zu sagen: Dem enormen Aufwand, der vom Chor und dessen Chorleiter betrieben wurde, um ein beinahe zweistündiges Programm mit hohen Anforderungen an die chorische Geschlossenheit, stimmliche Prägnanz und rhythmische Präzision auf die Bühne zu zaubern, ist nicht genug Respekt zu zollen. Und alles wurde auswendig gesungen! Um die Revue wirklich zu einer in sich geschlossenen Revue werden zu lassen, wurde der Stuttgarter Schreibdozent und Frieder-Nögge-Schüler Timo Brunke gewonnen. Mit seinen fließenden Übergängen zwischen Moderation und Gesangseinlagen (beeindruckender Höhepunkt das Marlene-Dietrich-Imitat von "Ich bin von Kopf bis Fuß...!") erinnerte er unverkennbar an die großen Conferenciers der 1920er-Jahre wie Hans Albers oder Erich Ponto, wobei ihm die Imitation bis hinein in die damalige Art des "Dirty Singings", der lasziven Sangweise mit dem obligatorischen Zungen-R gelang. Schattels fein harmonisierte Übergangsmusiken dienten ihm dabei als klangliche Grundlage und als Klammer, die dem bunten Text- und Melodienreigen dieses Abends einen Zusammenhalt gaben. Überhaupt wirkte das musikalische Zusammenspiel sensibel aufeinander abgestimmt. Dabei kam der Instrumentalgruppe eine tragende Rolle zu. Stellenweise meinte man, in der Hintergründigkeit, aber dennoch Prägnanz des Instrumentalklangs den kratzenden Sound einer Schellack-Platte zu hören.

Besonders souverän war das unbekümmerte Changieren zwischen den jazzigen Einflüssen der Kurt-Weill-Songs und den eher klassisch geprägten Friedrich Hollaender-Kompositionen. Etwas schade vielleicht nur, dass an manchen Stellen der Chor diese durch die Instrumentalisten vorgegebene Gelassenheit gegen einen Schuss zu viel Übereifrigkeit eingetauscht hat man denke in diesem Zusammenhang an die Darbietungen Max Raabes.

Schließlich bleibt die immer wieder von Timo Brunke aufgeworfene Frage: "Und was haben die 1920er-Jahre mit uns zu tun?" Neben dem beeindruckend gelungenen Spagat zwischen dem "Kleinen grünen Kaktus" und dem "Silbergrauen Handy" oder den Berliner Badefreuden ("Ich hab das Fräuln Helen...") und der Fußball-Weltmeisterschaft gab es vor allem zum Schluss einen anrührenden Tiefgang (von denen es vielleicht im Rückblick auf die 20er-Jahre an diesem Abend noch etwas mehr hätte geben können): Das die drohende Wolkenwand der 30er-Jahre ankündigende Lied von Robert Stolz: "Adieu, mein kleiner Gardeoffizier." Bleibt zu hoffen, dass sich an dieser Stelle die Gemeinsamkeiten zwischen der damaligen und der unsrigen Zeit erschöpfen. Vielen Dank allen Beteiligten für dieses Rendezvous und, um mit Kurt Tucholsky zu sprechen: Zeiten wiederholen sich nicht, um allen Menschen zumindest die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Erfahrungen zu machen.