Lokale Kultur

Spiel der Affekte Spiel der Kontraste

KIRCHHEIM Amoroso, grave und presto: Mit italienischer Barockmusik gestalteten Martin Hermann, Bernhard Moosbauer, Chiara Coppo, Sabine Bruns und Ernst Leuze in der

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SUSANNE ECKSTEIN

Kirchheimer Martinskirche einen genussreichen, musikalischen Übergang ins neue Jahr. Auch diesmal wurden wieder zahlreiche Kerzen entzündet. Die Veranstaltung hat ihren Reiz: die besondere Atmosphäre und die Möglichkeit, den Blick nach innen zu richten und tief in die Klangwelt einzutauchen. Aus dem großen Fundus der Musikgeschichte fördern die Barock-Experten aus Kirchheim immer wieder Schmuckstücke zu Tage. Neben Werken von Alessandro Scarlatti, Antonio Vivaldi, Marco Uccellini und Arcangelo Corelli standen Raritäten von Giovanni Battista Fontana, Francesco Barbella und Francesco Mancini auf dem Programm, frisch einstudiert und sorgfältig erarbeitet, wobei für Samuel Kummer kurzfristig Ernst Leuze einsprang.

Auch ohne Ernst Leuzes Rätselfrage ans Publikum hätten die Stücke höchste Aufmerksamkeit gefunden. Wie Martin Hermann auf der Blockflöte gleich zu Anfang in Alessandro Scarlattis Quartett elastisch federnd die Tanzschritte setzte, innere Ruhe mit silbrig-perlender Virtuosität und seinen klaren Ton mit den Violinen zu durchsichtigem, lebendigem Spiel verband, ließ aufhorchen, zumal alle fünf Musiker überaus sensibel den Nuancen der Sätze nachgingen.

Die ganze Fülle italienischer Barockmusik entfalteten sie auf stilsichere Weise, melancholische Zwiesprache, vielstimmiges Konzertieren, leichte tänzerische Bewegung und üppigen Zierrat. Bestens aufeinander eingespielt machten Chiara Coppo und Bernhard Moosbauer auf ihren Barockviolinen Vivaldis frühe Sonate in B zu einem abwechslungsreichen Spiel der Affekte und Satzcharaktere. Geradezu ausschweifende, dabei locker und wie improvisiert wirkende Fiorituren ließ Martin Hermann auf der Blockflöte Fontanas "Sonata quarta" für Flauto dolce und Generalbass angedeihen, ohne dabei die große Linie aus dem Blick zu verlieren, stets auf der sicheren Grundlage der Continuo-Gruppe. Ernst Leuze am Cembalo und Sabine Bruns am Barockcello begleiteten gewohnt einfühlsam und kompetent.

Waren anfangs noch kleine Unstimmigkeiten zu spüren, fand das Ensemble zunehmend zu reinem, dabei quicklebendigem und in seiner Vielfalt organischem Spiel, getragen von der sicheren Beherrschung des Idioms, gleich in welcher Besetzung. Spannende Übergänge konnte man in Uccellinis 23. Sonate für zwei Ins-trumente hier Flöte und Violine und Generalbass miterleben; vom gelassenen Schritt zum lebendigen Schwingen und wieder zurück zum ruhigen Fluss, ganz natürlich und organisch vorgetragen. Als Spiel der Kontraste erwies sich Barbellas "Concerto III" für zwei Violinen, Flöte und Generalbass: Unisono gegen Vielstimmigkeit, Sachlichkeit gegen Verspieltheit im "amoroso"-Satz, Schlichtheit gegen Komplexität, speziell der fugiert verdichteten schnellen Sätze.

Geradezu südliches Temperament verlieh Bernhard Moosbauer Vivaldis Violinsonate opus 2 Nummer 5: vom großen, ruhigen Bogen der Einleitung über die virtuose Corrente zur rasenden Giga, gefolgt von der reich variierten Wechselrede in der "Ciaccona" von Corelli, dem "Klassiker" und großen Vorbild Vivaldis. Statt der "großen Meister" beschloss ein nahezu Unbekannter das Programm: Francesco Mancini. Sein "Concerto V" vereinte das Ensemble zu präzisem und dichtem Konzertieren. Deutlichste, sprechende Artikulation eröffnete eine überraschende Fülle an Ausdruckswerten und Bewegungsqualitäten und ein nahezu orchestrales Klangbild teils lebhaft schreitend, teils ruhig federnd oder rhythmisch zupackend. Begeisterter Beifall dankte den Musikern; nach einer Zugabe wurden die Kerzen gelöscht.