Lokale Kultur

Spielzeug ist immer auch ein Abbild der Gesellschaft

KIRCHHEIM Gestern wurde die Weihnachtsausstellung des Städtischen Museums eröffnet. Bis zum 22. Januar gibt es nun im Untergeschoss

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RENATE SCHATTEL

des Kirchheimer Kornhauses bewegliches Spielzeug wie Dampfschiffe, Lokomotiven oder Flugzeuge aus dem Bestand des Sammlers Tobias Mey, aus Museumsbeständen und Privatbesitz zu sehen.

Unter dem Titel "Bewegte Zeiten Mobil im Spiel 1890 bis 1960" dokumentiert die Sonderausstellung Transportmittel und deren Technik, die in der Erwachsenenwelt zur Fortbewegung und Mobilmachung dienten. Die Kinderspielzeuge zeigen sich als genaues Abbild der damaligen Gesellschaft und heute können nun die großen und kleinen Besucher zahlreiche Märklin-Baukästen, Dampfmaschinen, Starkstrommotoren, Autos, Eisenbahnen, Flugzeuge und Zinnfiguren bestaunen. Bereits zum zwanzigsten Mal präsentiert das Städtische Museum unter Leitung von Rainer Laskowski eine Weihnachtsausstellung, erinnerte sich Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker in ihrer Begrüßungsrede.

Dieses Jahr zeigten die Ausstellungsmacher eine gewollt subjektive Auswahl an Spielzeugen, die der in Baden-Baden lebende Sammler Tobias Mey zusammengestellt hat. Der Sammler bestückt nun bereits die vierte Ausstellung im Untergeschoss des Kornhauses. "Sie haben mit Ihren Sammlungen zur Erfolgsgeschichte unserer Weihnachtsausstellungen beigetragen", würdigte die Oberbürgermeisterin Tobias Mey. Die erste Ausstellung, "Der kleine Konstrukteur", fand 1998 und 1999 statt und zeigte Metallbaukästen aus Deutschland von 1890 bis 1950.

Dieses Thema sei für Kirchheim immer von Bedeutung gewesen, da in dieser Stadt der Dichter, Ingenieur und Konstrukteur Max Eyth geboren worden ist. Im kommenden Jahr werde sein 100. Todestag mit zahlreichen Aktionen wie dem Schaupflügen mit historischen Dampfpflügen begangen. Tobias Meys Ausstellungen wie "Des Kindes liebstes Spiel", und "Spielen wie zu Kaisers Zeiten" seien Garanten für große Publikumsströme gewesen.

Die diesjährige Ausstellung lege ihren Schwerpunkt auf die Mobilität. Es sei, so Matt-Heidecker, interessant zu sehen, wie sie sich entwickelt habe und wie sich dies in der Spielzeugwelt wiederspiegle. Erst hätten Dampfschiff, Dampfpflug und Eisenbahn das Kaiserreich erobert, dann machten Kraftfahrzeug und Flugzeuge die Deutschen mobil. Diese Mobilität habe aber auch zu verheerenden Weltkriegen geführt. Die Kriege haben sich auch im Spielzeug deutlich niedergeschlagen, was in dieser Ausstellung nur angedeutet werde.

Bevor Tobias Mey in die Thematik der Ausstellung einführte, brachte er ein 1909 entstandenes Grammophon mit dem Musikstück "Pacific" in erstaunlicher Tonqualität zum Klingen. Der Komponist Arthur Honegger hatte dieses Tongedicht auf die Dampflokomotive als symphonischen Satz komponiert. Das erste Massenverkehrsmittel sei, so Mey, die Eisenbahn gewesen, die sich atemberaubend fortentwickelt habe. Bei der legendären ersten Fahrt zwischen Nürnberg und Fürth 1835 seien Pferde scheu geworden und Kinder hätten geweint, Ärzte hätten angesichts des Tempos von 16 Kilometern pro Stunde gesundheitliche Schäden der Zugreisenden prognostiziert. 1850 gab es die erste Spielzeugeisenbahn aus Blech. Ab 1859 führte die Firma Märklin die Geschicke des Modelbaus an. Der erste Elektrobaukasten sei 1923 in Serie gegangen und habe den jungen Konstrukteuren nicht nur positive Erlebnisse in Sachen Strom verschafft.

"Spielzeug ist immer ein Abbild der Gesellschaft", betonte der Sammler. Kriegsspielzeuge, wie die unzähligen Bleisoldaten deutlich machen, erfreute die Jugend nach den Deutsch-Französischen Kriegen 1870/71. Der damalige Kaiser Wilhelm II. habe großen Wert darauf gelegt, dass die Kinder die maritimen Heldentaten der deutschen Flotte nachspielen konnten. Ab 1900 nahm der unaufhaltsame Aufstieg des Automobils seinen Anfang. "Je berühmter das Original, desto besser ließ sich das Spielzeugmodell absetzen", erklärte Mey die Philosophie der Spielzeugfirmen. Auch der Traum vom Fliegen wurde in zahlreichen Spielzeugmodellen verwirklicht, wie etwa in dem Bleriot-Flugzeugmodell von Märklin 1909, das zusammen mit vielen anderen Exponaten in der Weihnachtsausstellung zu sehen ist.