Lokale Kultur

Spritzensportler und edle Indianer

Kabarettistischer Jahresrückblick mit Florian Schroeder und Volker Staub im Kirchheimer club bastion

Kirchheim. „Zugabe“ nennen Florian Schroeder und Volkmar Staub ihr seit immerhin schon fünf Jahren erfolgreich gemeinsam betriebenes Kabarettprojekt. Konsequent aktualisiert, wird darin immer wieder neu

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Wolf-Dieter truppat

belegt, wie schräg und lustig Jahresrückblicke sein können, wenn sie nicht in öffentlich-rechtlichen Zwangsjacken stecken, sondern die grenzenlose Freiheit der Kabarettbühne atmen.

Der im club bastion mit bloßem Auge sofort erkennbare Generationsunterschied der beiden Akteure war auch im abschließend angebotenen Verkaufsprogramm klar ablesbar. Während die lang gediente Kabarettikone Volker Staub auf zwei bewährte Textbände setzte, hatte Shooting-Star Florian Schroeder zwei aktuelle CDs im Gepäck. Trotz deutlichst signalisierter Bereitschaft, sich von Mitgebrachtem gerne zu trennen und mit Autogrammen auf frei wählbare Körperteile nicht zu geizen, blieben beide auf Gedrucktem und Gebranntem gleichermaßen sitzen.

Umso begeisterter wurde im offensichtlich nicht zu unrecht als sparsam bekannten Schwabenland das aktuelle Programm gefeiert, das immerhin schon im Titel klar signalisiert, dass mit kostenneutralen Zugaben zu rechnen ist, wenn nur genügend Applaus gewährt wird. Während Volkmar Staub mit seinem Solo-Programm „Sprengsätze“ flächendeckend auf Deutschlands Bühnen zündelt, hat Florian Schroeder nach den erfolgreich absolvierten Strapazen seiner vielfach ausgezeichneten „Ochsentour“-Premiere mit „Du willst es doch auch“ inzwischen ein eindeutig zweideutigeres, aber vor allem auch lustbetonteres Thema in den Mittelpunkt seiner aktuellen solistischen Kabarett-Aktivitäten gestellt.

Im generationsübergreifenden Doppelpack belegten Florian Schroeder und Volkmar Staub im Gewölbekeller der Bastion, dass sie das ablaufende Jahr sehr bewusst wahrgenommen haben. Dem lange von „Vermüllung“ bedrohten Neapel stellten die auf der Höhe der Zeit polemisierenden Kabarettisten das aktuelle Chaos in Athen gegenüber.

Dass im Rahmen einer Ausstellung Hitler geköpft wurde, mittlerweile aber wieder heil ist, wurde genauso wahrgenommen wie Schäubles Engagement in Sachen „E-Mail und die Detektive“, wobei wohl Telekom für die Abhöraktionen und Lidl für die erforderlichen Videoüberwachungen verantwortlich zeichnen.

Rastende Päderasten waren genauso Thema wie Jörg Haiders „finaler Motocross“. Einig waren sich die beiden skrupelresistenten Kabarettisten in ihrem gnadenlosen Rückblick mit intensiven Verweisen auf die Zukunft aber darüber, dass es so heiter nicht weitergehen wird . . .

Im Blick darauf, dass ein Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten werden konnte, fahren sie die euphorisch gefeierte Lichtgestalt Barack Obama rasch auf Normalmaß zurück. Schließlich sei es ja eigentlich egal, wer als Insolvenzverwalter der USA verschlissen wird. In Deutschland hätte ein so charismatischer Politiker allerdings keine Chance, da er über den Bundesrat verhindert würde.

Wie es in den Vereinigten Staaten weitergehen wird, sehen Florian Schroeder und Volker Staub ebenfalls eher kritisch. Was mit „I have a dream“ begann und mit „Yes we can“ ungemeine Erfolge feierte, könnte sich über kurz oder lang zu „Maybe we can“ verwässern und in der Erkenntnis münden „Shit happens“.

Über Spritzensportler, die Chilli-Pulver auf den Sattel streuen und die Speichen ihrer Rennräder mit Kortison-Salbe einreiben, kalauerten sich Florian Schroeder und Volker Staub über tibetanische Eintöpfe und Parteien, die mehr Flügel haben als Mitglieder, der verdienten Pause entgegen.

Der vollen Körpereinsatz verlangende Auftritt von Winnetou zeigte einmal mehr, wie gewissenhaft sich die beiden Spötter mit dem ablaufenden Jahr beschäftigt haben.

Neben „Grizzli-Kurt“, der zu viel schales Becks-Bier getrunken hatte, Trapper „Old Münte“ und Cowboy Wowereit, der am anderen Ufer der Spree wohnt, spielte vor allem der „Räudige Hund Clement“ eine wichtige Rolle. Dass der Wolf mit RWE tanzt, wurde ihm dabei nicht so sehr verübelt wie seine falschen Ratschläge für die tapfere Squaw aus Hessen.

Während Helmut Schmidt mit Ehefrau Loki in Marlboro-Country schon erste aufgeregte Rauchzeichen abgab, der Seeadler es sich im eigenen Horst gemütlich machte, „Bundeshorst“ Köhler die Augen weitete und „Sitting Bull Gabriel“ die Klimakatastrophe aussaß, war Michael Glos längst in der Sprechstunde des für alles größtes Verständnis zeigenden Domian, dem bei seinen einfühlsamen Beratungsofferten eigentlich völlig egal war, ob sein anonymer Anrufer inkompetent, impotent oder inkontinent ist.

Ähnlich einfühlsam begegnete auch der moderate Moderator Beckmann dem charismatischen, Power, Lust und Euphorie versprühenden Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier, der ohne Putsch für sich entschieden hat, gegen „Angie“, die „Perle der Uckermark“, aus eigener Kraft verlieren zu wollen.

Nicht allzu viele Punkte sammelte Literaturpapst und Fernsehkritiker Marcel Reich-Ranitzki, der im Gespräch mit Thomas Gottschalk mindestens drei bekannten Sendungen die entsprechenden Moderatoren zuordnen musste. Zwar verwechselte er nicht noch einmal Helge Schneider und Atze Schröder, aber beim Nachnamen des Dieter, der bei „Deutschland sucht den Superstar“ in der Jury sitzt, tippte er auf Dieter Hallervorden. Wie der Moderator von „Wer wird Millionär?“ heißt, konnte er ebenfalls nicht genau sagen, war sich aber ganz sicher, dass Anne Wills sonntagabendliche Talkshow von Sabine Christiansen moderiert wird. Dass er ein Kenner ist, der das Fernsehen völlig zurecht kritisiert hat, wurde ihm von seinem neuen Duzfreund Thomas Gottschalk dann auch uneingeschränkt bestätigt.

Ganz besonders eloquent legte sich Volker Staub dann bei seinem „Nachtgespräch“ ins Zeug, das freilich eher einem akademisch-entrückten Monolog ähnelte. Der selbstverliebte Phrasendrescher beantwortete seine in philosophischen Ergüssen versteckten Fragen meist selbst, wurde aber von einem bodenständigen Kulturschaffenden immer wieder unbarmherzig aus der Welt wilder Metaphern in die Niederungen des profanen Alltags zurückgeholt.

Dass Günter Oettinger an diesem Abend in der Bastion eher „etwas zu kurz kam“, empfand wohl nicht nur Florian Schroeder. Da er auf Einladung des Vereins „kultur ecce“ am Freitag, 13. Februar, in der Schlossberghalle in Dettingen gastiert, kann er diesen Makel ja bald ausgleichen – wenn ihm das tatsächlich ein so großes Anlieger ist . . .