Lokale Wirtschaft

Statt 20 000 Tiefkühl-Schnitzeln eine frische Kalbsnuss aus der Region

Seit 78 Jahren ist das Kirchheimer "Stadthotel Waldhorn" in Familienbesitz und so soll es auch bleiben: Frank-Peter Öchsle hat seinen Managerposten in Berlin verlassen, um den elterlichen Traditionsbetrieb in nunmehr vierter Generation weiterzuführen.

BIANCA LÜTZ

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KIRCHHEIM Seit Anfang dieses Monats ist Frank-Peter Öchsle, Küchenmeister und Hotel-Betriebswirt, der neue Inhaber des Kirchheimer "Stadthotels Waldhorn" samt Gaststätte. Um den Betrieb seiner Eltern die altershalber ausscheiden am Kirchheimer Marktplatz zu übernehmen, hat der Jungunternehmer der deutschen Hauptstadt den Rücken gekehrt und seinen Posten als Gebietsleiter für das Catering in den deutschen Bundesministerien in Berlin aufgegeben.

Die Übernahme des elterlichen Traditionsbetriebs ist für Frank-Peter Öchsle "eine riesige Aufgabe" im positiven Sinne und ein weiterer Schritt in seinem "Lebenswerk, das ich mit meiner Ausbildung als Koch angefangen habe". Mit 18 Jahren startete der heute 38-Jährige als Lehrling in der Küche eines Hotels in Rottach-Egern am Tegernsee. Nach fünf "Wanderjahren", die ihn unter anderem in das Generalstabskasino des Zweiten Korps nach Ulm und an den Timmendorfer Strand führten, legte er seine Prüfung zum Küchenmeister ab. Doch das allein war Frank-Peter Öchsle nicht genug. "Das Kochen ist eine Sache", weiß er, die Leitung eines Betriebs noch eine ganz andere. Um auch Fachkenntnisse im wirtschaftlichen Bereich zu erwerben, absolvierte der Küchenmeister eine Ausbildung zum Hotel-Betriebswirt.

Danach tauchte Frank-Peter Öchsle in die Praxis ein. Es folgte für ihn "die größte Erfahrung, die ich in meinem Leben gemacht habe". Als Betriebsleiter des Catering im Augsburger Medienzentrum tat sich dem Kirchheimer "ein wahnsinns Spielfeld" auf: Eineinhalb Jahre lang bewirtete er alles "von der Druckerei bis zur Konferenzetage" und übte sich darin, kulinarische Kompromisse zu kreieren, die er sowohl Arbeitern als auch Zeitungsverlegern und prominenten Gästen wie etwa Edmund Stoiber anbieten konnte.

Um einen Blick über den deutschen Tellerrand hinauszuwerfen, nahm Öchsle anschließend eine Stelle in Irland an: Als Leiter des Personalmanagements im Catering der Universität Galway war er für verschiedene Kantinen und Cafes in der Uni und dem dazugehörigen Klinikum zuständig.

Im Jahr 2001 spielte Frank-Peter Öchsle erstmals mit dem Gedanken, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Dann jedoch habe er gemerkt, dass die Zeit noch nicht reif sei, erzählt er. Erneut zog es den Küchenmeister und Hotel-Betriebswirt hi-naus in die Welt dieses Mal nach Berlin. An der Spitze eines rund 60-köpfigen Teams war Frank-Peter Öchsle in der deutschen Hauptstadt knapp vier Jahre lang für die "komplette Versorgung und Verpflegung in den Bundesministerien" zuständig. Organisation und Kalkulation von Veranstaltungen, Feiern und Konferenzen etwa im Verteidigungs- und Justizministerium lagen dort ebenso in seiner Verantwortung wie die alltägliche Mitarbeiterverpflegung. Unter Öchsles Führung bekochte und bewirtete das Catering-Team unter anderem Politiker wie Peter Struck, Ute Vogt und Otto Schily, aber auch andere Persönlichkeiten wie Franz Beckenbauer. "Ich habe wahnsinnig viel erlebt" resümiert Frank-Peter Öchsle seine Zeit in der deutschen Hauptstadt.

Letztlich jedoch überwog bei dem Kirchheimer jedoch die Heimatverbundenheit: "Ich hatte Heimweh nach der Ordnung, nach der Kehrwoche", gesteht Öchsle, dem beim Anblick der Silhouette der Teck heute noch "das Herz aufgeht". Er ließ das spannende, aber auch unstete und anonyme Großstadt-Leben hinter sich und kehrte nach Kirchheim zurück, um künftig statt "20 000 Tiefkühl-Schnitzeln aus Belgien eine frische Kalbsnuss aus der Region zu bestellen".

"Hier möchte ich nach 20 Jahren endlich Wurzeln schlagen", sagt der 38-Jährige. Dazu gehört für Frank-Peter Öchsle auch, dass seine Ehefrau, die derzeit noch in Berlin in leitender Position in der Modebranche tätig ist, ihrem Mann zu späterem Zeitpunkt nach Kirchheim folgt.

Frank-Peter Öchsle freut sich darauf, im eigenen Betrieb "endlich mal etwas selbst bewegen zu können". Wo Bedarf war, hat der frisch gebackene Hotel- und Gaststättenchef in den beiden Fachwerkgebäuden kleinere Renovierungsarbeiten vorgenomen und neue Elemente mit der alten Einrichtung kombiniert. Zudem hat er zusätzliche Gartenmöbel angeschafft, sodass nun etwa 60 Gäste im Freien auf dem Marktplatz sitzen können. In den Räumen der Gaststube stehen laut Öchsle 50 Plätze zur Verfügung. Das Hotel hält Betten für 23 Übernachtungsgäste bereit.

Den Besuchern des Hotels und der Gaststätte möchte Frank-Peter Öchsle eine "familiäre und persönliche Betreuung" bieten und ihnen das Gefühl geben "willkommen zu sein". Das gilt insbesondere auch für ausländische Gäste, die von Öchsles Englischkenntnissen und einer zweisprachigen Speisekarte profitieren sollen. Auf der Karte stehen vorwiegend bodenständige schwäbische Gerichte, die aus "frischen, regionalen Produkten der Saison" zubereitet werden, so der Inhaber. Angeboten werden zudem "Salate und leichte Kost", sagt der Küchenmeister, der nun immer wieder mal selbst am Herd steht, um dem kulinarischen Angebot seine persönliche Note zu verleihen.

Im "Waldhorn", das Öchsle als "Meister- und Ausbildungsbetrieb" versteht, arbeiten neben ihm derzeit sechs Personen, davon zwei Auszubildende. Diese Zahl will der Gastronom in naher Zukunft erhöhen: "Ich habe vor, noch mehr Leute einzustellen". Für die Zukunft ist es Frank-Peter Öchsle außerdem wichtig, sich "in die Region einzubringen und sie mit meiner Anwesenheit zu bereichern", denn und das ist laut Öchsle auch ein wichtiger Grund für seine Rückkehr in die Teckstadt gewesen: "Ich glaube an Kirchheim und an die Region."