Lokale Kultur

Sternstunde der Klaviermusik

Marina Baranova konzertierte im Rahmen der Tasta-Tour im Kirchheimer Schloss

Kirchheim. Heute jungen Künstlerinnen wie Marina Baranova zu begegnen, ist selten geworden. Nicht dass es nicht genügend junge Virtuosen auf dem Klavier gäbe, im Gegenteil. Doch hinter dem makellosen Hochglanz ihrer Tastenakrobatik ist außer dem Bemühen, am immer kleiner werdenden Markt

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THOMAS ARNOLD

des Klassikgeschäfts möglichst zu bestehen, kaum Inhaltliches auszumachen und herzlich wenig von der Erzählkunst zu spüren, die das Publikum in die grandiosen Romane der romantischen Klavierliteratur zu entführen vermag. Doch dieses junge Mädchen – Gott weiß warum – vermag das.

Vielleicht sind es ihre frühen musikalischen Erfahrungen in einem Elternhaus, in dem Musik vor allem im freien improvisatorische Umgang erfahrbar wurde, vielleicht einfach die Gene, die Veranlagung oder eine Folge glücklich gewählter Ausbildungsstätten und sorgsam behüteter Unterweisungen durch Professoren, die Marina Baranova ausreichend Zeit zur Entwicklung gaben. Jedenfalls durften sich die Zuhörer, die sich im Rahmen des Tasta-Tour-Konzerts im Kirchheimer Schloss einfanden, hinterher glücklich schätzen, Zeugen einer Sternstunde des Klavierspiels gewesen zu sein.

Variationenhaftes allenthalben – so will es schließlich das Motto der Tasta-Tour. Dies mag – die Spekulation sei erlaubt - vielleicht mit ein Grund sein für das bisher eher zurückhaltende Interesse an den Konzerten. Immer Gleiches – auch wenn durch noch so viele Facetten gebrochen und immer wieder neu beleuchtet – ist in Zeiten, wo die beschleunigte Generierung von Neuem und Innovativem zum Lebensprinzip schlechthin erhoben wird, wenig attraktiv.

Zwei in jeder Hinsicht riesigen Werken, Robert Schumanns erster Klaviersonate und Johannes Brahms Paganini-Variationen, wurden jeweils Trabanten von höchster Dichte beigesellt, wobei sich die Intensität der Verhältnisgröße am technischen Anspruch dieser kleineren Werke orientiert.

Einmal im Konzert ein Werk des ehemaligen polnischen Ministerpräsidenten und Außenministers zu hören, ist hierzulande nicht vielen vergönnt. Das gefällige „Theme varié“ von Ignacy Paderewsky jedenfalls kündet auch heute noch von der Kunst eines Meisters, der einst als Pianist von einer solchen Sympathie getragen wurde, dass er zu höchsten politischen Ämtern gelangte und für Polen 1919 den Versailler Vertrag unterzeichnete.

Busonis Umgang mit der Bach­schen Musik mag heute befremden. Immerhin ist die Umsetzung der großen Chaconne aus der d-Moll-Partita auf das Klavier ein Dokument dafür, wie das Virtuosentum kaum fassbare Spiritualität und Versenkung mit den Mitteln „transzendenter“ Virtuosität, das heißt mit dem Mittel des Unspielbaren, auszudrücken versucht. Marina Baranova, eine zarte Person in jungen Jahren, entfesselte in diesem hochvirtuosen Stück mit verblüffender Leichtigkeit eine solch orchestrale Klangfülle, dass der Petrof-Flügel der Kirchheimer Schlosskapelle die Grenzen des Aufnehmbaren aufzeigte, ohne dass er auch nur ansatzweise hart oder forciert klang.

Schumanns erste Klaviersonate wurde seinerzeit von Franz Liszt ge­adelt als das beste Werk dieses Genres seit Beethoven. „Clara zugeeignet von Florestan und Eusebius“ . Mit dieser Widmung wälzt der Komponist die Autorenschaft auf seine beiden

Das Werk: ein einziger genialer Wurf

„Hausgötter“ ab. Eine außergewöhnliche Geste, die nicht zuletzt mit der Unsicherheit des jungen Komponisten gegenüber dem Publikum und der geneigten Kritik zu begründen ist. Zu Unrecht, denn das Werk ist ein einziger genialer Wurf.

Eingebettet zwischen kleinförmige Meisterwerke wie dem „Carnaval op.9“ und den „Fantasiestücken op. 12“ wagt Schumann mit dieser Großform Ungewöhnliches. In diesem Stück den großen Spannungsbogen zu finden und zu schlagen ist nicht einfach. Zu leicht kann sich der Interpret in den großdimensionierten Ecksätzen, zwischen monothematischen Bespiegelungen, Wiederholungen und Reminiszenzen verlieren. Marina Baranova hat das Format und ein naturgegebenes Formempfinden, die teilweise schwer übersehbaren und ausufernden Verzweigungen der Motivik in einen natürlichen Fluss einzubinden. Leidenschaft und vordergründige Schlichtheit, Klangfarbenpoesie und schwärmerisches Drängen werden von ihr mit einer Selbstverständlichkeit, mit einer ­Instinktsicherheit in die Großform der Sonate eingebunden, wie sie nur bei großen Pianisten zu finden ist.

Es ist immer wieder aufs Neue verblüffend zu erleben, was Johannes Brahms zu dem simplen und gleichzeitig wohl meistbearbeiteten Thema der Musikgeschichte (Paganini Caprice Nr. 24) an Einfällen, Tollereien und Lyrismen alles einfällt – und wie er diese Ideenfülle auf seine ureigenste gediegene, meisterhafte Art und Weise in eine Form bringt, bei der – es sind wirklich sehr viele Noten – unterm Strich keine einzige Note zu viel ist.

Für Marina Baranova war dieses schwerste aller schwierigen Werke offenbar eine Herausforderung ganz anderer Art: Ihre beherrschte, grundständige Virtuosität war Garant einer makellosen Darbietung, die auch im größten „Getümmel“ das musikalische Detail nie aus den Augen ließ. Es bedarf schon einer besonderen, ja: einzigartigen künstlerischen Persönlichkeit, diese 28 Variationen mit einer solchen Mühelosigkeit, mit einer solchen intuitiven Gestaltungskraft, Gelassenheit und Übersicht darzustellen.

Was Marina Baranova zu wünschen ist? Dass sie weiter von umsichtigen und verantwortungsvollen Menschen umgeben ist – und natürlich, dass sie die internationale Anerkennung findet, die ihrem einzigartigen Können gebührt.