Lokale Kultur

Sternstunden im Advent

KIRCHHEIM Sonntagabend, kurz vor fünf die Kreuzkirche ist bis auf den letzten Platz besetzt. Was ist hier los? fragt sich der skeptische Besucher: Heiligabend ist doch erst am

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JOCHEN MAURER

Freitag! Sind die "Golden Gospel Singers" anonym eingeflogen worden? Kriegt man dann vielleicht noch eine Eintrittskarte? Nein, keines der saisonal hoch im Kurs stehenden Gospelevents gibt's hier zu erleben, eine Eintrittskarte kann man auch nicht bekommen denn alles ist umsonst.

"Wir singen zum 4. Advent" so der Titel des abwechslungsreichen Programms, das Shu-Lin Chen-Habermann zusammengestellt hat. Hauptakteure sind unter ihrer Leitung das Vocal-Ensemble der Kreuzkirche und die jüngsten Sängerinnen der Gemeinde, die von vier erstklassigen Instrumental-Solisten ergänzt werden und nicht zuletzt die Fülle all derer, die als Publikum gekommen sind. Denn hier beschränkt sich die Anteilnahme nicht nur aufs Klatschen.

Dass das "Wir" das Publikum programmatisch einschließt, zeigt sich noch vor dem Glockenläuten: Einsingen mit einer "Konzertgemeinde", die alle Altersstufen vom Baby bis zum grauen Haupt umfasst wer die aufgeweckte, Lebendigkeit versprühende Dirigentin kennt, ist nicht überrascht, dass der Funke sofort überspringt. Und schon ist auch der skeptische Besucher ein Stück weniger Publikum, ein bisschen Gemeinde. Wie es ihm geht, wenn er sich während der drei Teile des Programms an fünf Stellen beteiligt haben wird? Beim Psalmgebet, drei Chorälen, beim Vater unser dazu zwei Lesungen und eine Weihnachtsgeschichte, vorgetragen von Dr. Karl-Heinz Schach zu den Bildern eines Kinderbuches. Fast ein Familiengottesdienst.

Aber auf dem Programm steht "Konzert" was viele Berührungsängste gar nicht erst hat entstehen lassen. Der erste Teil des Programms bezieht seine Dynamik aus der chorischen Struktur von Psalm 24, der, interessanter Verfremdungseffekt, aus Strophenteilen des Adventsliedes "Macht hoch die Tür" zusammengestellt ist. Das Frage-Antwort-Schema des Psalms wird in den drei Stücken von Klaus Heizmann (für zwei Chöre) sehr schön aufgenommen und verstärkt durch das Mit- und Gegeneinander der Stimmfärbungen von Vocal-Ensemble und Mädchenchor. Es ist diese Konstellation, in der ein Kind das einzige Vokal-Solo des Abends übernimmt, die Distanz gar nicht aufkommen lässt, und die die restlichen skeptischen Besucher vollends hineinnimmt in den Transformationsprozess dieses Adventsabends hin zur Gottesdienstgemeinde.

Wem beim dritten Vers des abschließenden Chorals "Preis sei dir Jesus" das Herz aufgegangen ist, der hört zu Beginn des zweiten Teils das "Glockenlied" eine Eigenkomposition von Shu-Lin Chen-Habermann, aufgeführt vom Vocal-Ensemble, das in weiten Teilen mit einigem Spaß und dem nötigen Ernst die Verwandlung in ein "Glockenorchester" mitmacht. Die vier Solisten Yen-Lin Huang und Jasmin Wiedmann, Violine; Philipp Wiede, Violoncello, und Hsiao-Jen Chen am Klavier haben Mitte des zweiten Teils Gelegenheit, ihre Klasse mit dem "Menuett in G-Dur" von Bach unter Beweis zu stellen, bevor "Tochter Zion" und die Christrose aus Jesaja 11 diesen Part abschließen.

Mit zwei amerikanischen Kompositionen aus dem Repertoire des Vocal-Ensembles beschließt der dritte Teil das Konzert, nicht ohne das "O du fröhliche". Und am Ende stellt auch der skeptische Besucher fest: Wir haben gesungen zum vierten Advent! Und andere, weniger skeptische, hätten wohl noch Lust zum Weitersingen in dieser Gemeinde (respektive: in diesem Publikum) in der Kirche gehabt.