Lokale Kultur

Streifzug durch den Wahnsinn des Lebens

LENNINGEN Auf einem zweistündigen Gelächterteppich breitete er genüsslich alle erdenklichen Entsetzlichkeiten des Alltags aus und ließ brillante Wortwendungen tanzen. Der Kabarettist Michael Klink

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JULIA GÖRS

alias "LinkMichel" nahm sein Publikum im Bürgerhaus in Unterlenningen mit auf einen Streifzug durch den Wahnsinn des Lebens. Von fast schon schmerzend gequält bis hysterisch lachend befand sich das Publikum im Wechselbad der Gefühle: Sie entstanden ob der Direktheit des Künstlers, seiner Ironie und der Präzision bei der Beschreibung zwischenmenschlicher Regungen und banaler Geschehnisse. Dabei schien LinkMichel ebenso sehr das Entsetzen des Publikums zu genießen wie das Publikum die Gemeinheiten, die den erdachten Charakteren widerfuhren. Zwischen wissendem Lachen und mitfühlendem Entsetzen hin und her gebeutelt, gaben die Zuschauer sich ihrer Schadenfreude hin und die realitätsnahen Situationen ließen dem ein oder anderen ein spontanes "genau so ist es" entfahren.

Wie jeder Kabarettist spielt auch LinkMichel mit Klischees. Seine eigene Frau muss für das Darstellen so einiger Vorurteile herhalten: Frauen stehen auf Filme a la "Titanic", brechen nachts um drei im Bett einen Beziehungsstreit vom Zaun, kochen bei erotischen Fantasien ihres Mannes vor Eifersucht, aber werden selbst beim Anblick von "Depp-Johnny oder Bad Pritt" schwach.

Dem Begriff Kleinkunst macht LinkMichel alle Ehre, weil er nicht nur das genaue Beobachten von Kleinigkeiten beherrscht, wie sie jeder kennt, aber noch nie wirklich wahrgenommen hat. Gekonnt verschraubt er auch völlig verschiedene Worte zu schrägen Gedankenbildern. Er brilliert beim Kreieren stereotyper und doch individueller Charaktere: eine "dumme Dauerwellen-Frisörin", eine mit Pflanzen sprechende "Esoterik-Terroristin" oder eine rechthaberische "Alpha-Amme". Unschuldig beginnt er zunächst, mit ihnen ein Bild, eine Situation, eine Erfahrung zu zeichnen. Selbst Teil der Handlung pirscht sich LinkMichel langsam und hinterhältig an seine Protagonisten heran, um sie dann mit bissigem Humor zu überraschen, zu entlarven oder ihnen mit List und Tücke eine böse Falle zu stellen. Leider nicht immer gelingt ihm dabei die Gratwanderung zwischen geistreicher Satire und grober Geschmacklosigkeit. Ein weiterer Wermutstropfen: das versprochene "brandaktuelle" Programm namens "Hebammenflüsterer" hinkt seiner Zeit hinterher. Die Diskussion um die Praxisgebühr von zehn Euro beispielsweise ist längst über den Berg und auch Witze über Angela Merkels Aussehen und Daniel Küblböcks Fahrstil sind abgedroschen.

Apropos Küblböck: Sein persönliches Feindbild, das ihn den ganzen Abend über zu verfolgen scheint, betitelt LinkMichel stets als "das Küblböck" in Anspielung auf dessen sexuelle Neigung. Dies ist bezeichnend für sein ganzes Programm: bis auf ein paar wenige "männliche Statisten" bestimmen doofe Friseurinnen, faule Lehrerinnen, renitente Hebammen und die klischeehaften Eigenheiten seiner Frau das Programm. Geniale Höhepunkte gibt es jedoch genug, die über die Schwachstellen hinwegtrösten. Ein rasantes Tempo, witzige Wortwendungen und der schwäbische Einschlag fordern volle Konzentration und tun ihr Übriges. Lokale Themen, Bundespolitik, Stars und Sternchen, Kirche, Fernsehen, banale Alltagssituationen, zwischenmenschliche Reibungspunkte LinkMichel kann mit allem umgehen. So kommentiert er den seiner Meinung nach unglücklich gewählten Begriff "Hartz IV". Wie ein Waffensystem oder der Name eines Kampfhunds höre er sich an. Der Kabarettist wagt eine Analogie zur Kindermilchschnitte und fragt, warum man nicht wenigstens einen schönen Namen für die entsetzliche Reform gesucht habe. Die Kindermilchschnitte stecke doch auch voller BASF, was gelungen vertuscht würde: das Wort Kinder sei positiv und stehe für zukunftsbejahend, lieb und niedlich. Milch bedeute "Natur, Gesundheit, grüne Wiese im Sonnenschein, Geißenpeter" und Schnitte sei ein leckerer Happen für zwischendurch. LinkMichel stellt fest: "Keiner würde auf die Idee kommen, eine Kindermilchschnitte als "Rotzbloaga-Maulstopfer" zu bezeichnen.

Nicht nur über den alltäglichen Wahnsinn lachen, sondern auch den ein oder anderen Tipp mit nach Hause nehmen, das konnten die Zuschauer ebenfalls. Freunden des exzessiven Hefeweizen-Konsums rät LinkMichel, einfach während des Saufens zu joggen, damit sie dem kalorienreichen Genussmittel ohne schlechtes Gewissen weiterhin frönen können. Und wem es ein Anliegen ist, die Jugend wieder in die Kirche zu bewegen, dem ruft er zu: "Döner statt Oblaten".