Lokale Kultur

„Super-Heinz“ stahl allen die Schau

Trotz Wiederholungen auch in Zeitlupe verwirrte die Fingerfertigkeit der „Fertigen Finger“

Kirchheim. Es wurden weder Jungfrauen ins Schweben gebracht noch zersägt. Stattdessen wurde ein aus dem Zylinder gezauberter Stoffhase auf offener Bühne erschossen und eine aus einem kleinen Tüchlein

WOLF-DIETER TRUPPAT

herausgezauberte Taube wirkte von Anfang an so tot, dass ein Meister der Magie sie immer wieder bewegen und ihr auf den Rücken drücken musste, um das Tier einigermaßen lebendig wirken zu lassen. Eine Enttäuschung also? Keinesfalls.

Die vielen Besucher der Stadthalle erlebten tatsächlich den „zauberhaften Abend“, der ihnen versprochen worden war. „Die Fertigen Finger“ können schließlich gute Referenzen aufweisen. Siegfried & Roy verliehen ihnen 1998 mit den „Sarmoti Award“ eine der renommiertesten Auszeichnungen der Branche. Den „lustigen Jungs aus Deutschland“ mit ihren „verblüffenden Tricks“ machten sie damals das große Kompliment: „Sie haben es verstanden, uns nach 25 Jahren in Las Vegas wieder in Zuschauer zu verwandeln“. Als erste Zauberkünstler aus Deutschland bekam die Truppe 2007 mit dem in Hollywood verliehenen „Magic Castle Award“, den „Oscar der Zauberkünstler“. Wer so ernsthafte Anerkennung einfährt, hat keinen Grund, den gemeinsam erarbeiteten einmaligen Stil zu ändern. Wer mit immerhin „100 fertigen Fingern zu zehn Händen“ daherkommt, braucht definitiv keine großen Tiere.

Aufmerksame Zuschauer konnten durch gewissenhaftes Nachzählen feststellen, dass tatsächlich nur 90 Finger auf der Bühne aktiv waren. Von einer „Mogelpackung“ konnte aber nie die Rede sein, denn der charismatische „Heinz“ sorgte dafür, dass es vor allem den Damen völlig egal war, wie viele fingerfertige „Fertige Finger“ sonst noch dabei waren.

Als er im hautengen Body mit Flammenmuster zum noch begehrenswerteren „Super-Heinz“ aufgestiegen war, ruhten wirklich alle Blicke nur noch auf ihm. Ablenkung war ab da kein Thema mehr, denn die Besucher waren schon längst damit beschäftigt, sich zu fragen, ob das ein „Theaterabend mit Comedy“ oder eine „Freakshow mit Tricks“ ist und vielleicht auch, warum „Super-Heinz“ wie auch sein noch berühmterer rotgewandeter „Alleskönner-Kollege“ die Unterhose außen trägt . . . Die Qualität, Originalität und Vielseitigkeit des immer erstaunlicher werdenden Abends, mit dem der club bastion sich, Freunde und Besucher beschenkte, begeisterte über alle Maßen.

Wo kann man schließlich aus nächster Nähe miterleben, wie die oft ungemein simplen Tricks der Menschen mit den angeblichen magischen Kräften funktionieren? Ablenkung und Blickkontakt sind wichtige Dinge, das hat jeder schon einmal gehört. Franz aus der ersten Reihe hatte als „erster Freiwilliger“ die Ehre, auf der Bühne viel über die „Sioux-“ , die „Kakerlaken-“ und die mit allen Mitteln arbeitende „Extremablenkung“ zu lernen – auch wenn ihm das Publikum in den Rängen oft einen Schritt voraus war . . . Dass plötzlich Moderator Helge Thun unter dem Beutel hervorschlüpfte, mit dem ein Kollege die Bedeutung des Blickkontakts demonstriert hatte, sorgte dann aber für allgemeines Erstaunen.

Tatkräftige Unterstützung wurde dem Publikum abverlangt, wenn der Tauben, Hasen und Spielkarten erschießende „Alt-Magier“ Manuel ­Muerte die Bühne betrat. Da ihm von seinen Kollegen vorgegaukelt wurde, in Las Vegas zu sein, mussten die Besucher aufs vereinbarte Stichwort mit lauten „Yippie-“ und „Oh my God-Rufen“ authentische Amerika-Atmosphäre schaffen und hatten so Gelegenheit, als gut harmonierendes, wild durcheinanderrufendes Team auch einmal einem alternden Magier eine Illusion zu schenken.

Sehr freundlich war das gewährte Angebot, einen Trick gegebenenfalls zu wiederholen. Dass das meist zu noch mehr Verwirrung im Saal führte und meist mit einer großen Überraschung endete, war nicht erstaunlich sondern erkennbar von langer Hand geplant. Ablenkung, das wusste man inzwischen, ist das stets eingesetzte Wundermittel. Statt – wie andere Größen ihrer Branche – auf niedere Instinkte und die Reize nur spärlich bekleideter Assistentinnen zu setzen, nehmen die „Fertigen Finger“ alles selbst in die Hand – und können dadurch auch deutlich besser und viel origineller ablenken . . .

Dass ein Zaubertrick nicht nur in Zeitlupe wiederholt, sondern das Zusammenwirken des gesamten Teams auch noch mit aussagekräftigen Interviews und erhellenden Live-Kommentaren im Sportjargon unterlegt war, begeisterte die wissensdurstigen Zauberlehrlinge ganz besonders. Beeindruckt davon, wie das En­semble vierstellige Ziffern erahnt, Worte aus Büchern nachschreibt und per Gedankenübertragung sogar ihnen unbekannte Bilder nachzeichnet, wurde das Publikum im Kreis der „Anonymen Zauberkünstler“ mit der entsprechenden Ernsthaftigkeit auf die Gefahren hingewiesen, die eine Karriere in der wundersamen Welt der Magie möglicherweise mit sich bringen kann.

Der „notorische Dauertrixer“ Günter, der glaubte, alles m Griff zu haben, berichtet der Therapiegruppe von seinem Absturz ins Elend eines Restaurantzauberers. Während er das Elend seiner zwanghaften Zauberabhängigkeit beschreibt, wechseln Pflas­ter in Windeseile von einem zum anderen Finger, sind plötzlich überall und nirgendwo. Stattdessen qualmt er plötzlich die ganze Stadthallenbühne zu, um gleich ein halbes Dutzend Kippen in der geballten Faust verschwinden zu lassen. Also Kinder: bitte nicht nachmachen . . .

Anzeige