Lokale Kultur

Szenen (k)einer Ehe

KIRCHHEIM Die karge, kalt anmutende Bühne war Programm und gesucht inszenierte Moderne das konsequent verfolgte Ziel, mit dem das Ensemble des Landestheaters

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen (LTT) die Spielzeit der neuen Theatermiete des Kirchheimer Kulturrings in der Stadthalle eröffnete. Auf dem Programm stand Heinrich von Kleists "großes historisches Ritterspiel" mit dem Titel "Käthchen von Heilbronn oder die Feuertaufe", das im Wien des Jahres 1810 uraufgeführt wurde und damit fast genau eineinhalb Jahre bevor der von Ruhelosigkeit geplagte 34-jährige Heinrich von Kleist, Nachkömmling einer preußischen Offiziersdynastie, sich gemeinsam mit seiner Freundin das Leben nahm.

Vom Schauspiel-Ensemble aus der altehrwürdigen Universitätsstadt Tübingen konsequent in morbide Moderne übertragen, wurde die von Heinrich von Kleists dichterischer Kraft gestaltete Zauberwelt der Liebe zum unbarmherzig grell ausgeleuchteten Albtraum unglücklicher Liebe. Eher leidenschaftslosen Szenen (k)einer Ehe folgte eine Mischung aus einem mit schwingenden Mantelröcken absolvierten "Tanz der Vampire" und einer Art "Rocky Horror-Picture-Show", die in einer skurilen Heiratsszene mündet, deren "Happy End" dann aber doch draußen vor blieb und lediglich auf einer mit Leichen übersäten Bühne weiterhin verzeifelt und vor allem auch ratlos ausgesessen wurde.

"Großes Kino" wurde durchaus geboten und mit geschickt im Auditorium verteilten Akteuren während der den spektakulären Auftakt bildenden Fehmegerichtsszene sogar für neuzeitlich wirkenden "Dolby-Surround-Sound" gesorgt. Ein romantisch verklärter Abend "großer Gefühle" war das von cherubinischen, fluoreszierenden Flugvögeln begleitete Theaterspektakel freilich nicht. Das unschuldige Käthchen von Heilbronn (Annabelle Leip) wirkte in ihrer zusammengestückelten und keine Fehlfarbe auslassenden "Kostümierung" wie ein Fremdkörper in einer sie umgebenden und vorwiegend arrogant-unterkühlt sich präsentierenden Welt der Reichen und Schönen.

Der als verführerische "Lady in Red" aufgebretzelten Kunigunde von Thurneck (Katja Gaudard) konnte sie bis zum jämmerlichen Showdown kaum feminine Akzente entgegensetzen. Unter ihrer unglücklichen Zuneigung zur "Lichtgestalt" Friedrich Wetter, Graf vom Strahl (Johannes Lehmann) liederlich leidend, wurde sie als "Stalkerin" präsentiert, ganz so als ob Heinrich von Kleist ihr dieses damals noch unbekannte Wort auf den Leib geschrieben hätte.

Radikal reduziert, dafür aber mit verqueren E-Gitarren-Akkorden und eingespieltem Straßenlärm modernisiert, entledigte sich die Inszenierung Clemens Bechtels gnadenlos allen "Ballasts" und warf dabei wohl doch auch etwas des daran haftenden Zaubers gleich mit über Bord. Das einstige "Schauspiel in fünf Aufzügen" gebärdete sich so als mitfühlende Nähe kaum aufkommen lassendes Stakkato, bei dem für die vorgeführte wundersame Welt der Liebe gar kein Platz mehr bleiben konnte.

In dem von Marion Eisele extrem zurückhaltend gestalteten Bühnenbild, das nur einmal das Ambiente einer verlobungsbedingt hinter der Stellwand durchschimmernden Partyzone erahnen ließ, blieb auch das Bühnenpersonal eher farblos. Vorwiegend unspektakulär kostümiert (Marion Eisele und Lisa Klammer) agierten die Darsteller auf praktisch stets leerer Bühne, auf der alle konsequent geübte Zurückhaltung nur dazu zu dienen schien, die zur Flammenhölle werdene Burgruine Thurneck ganz besonders spektakulär und bedrohlich darzustellen.

Überbordendes Feuergeflacker sorgte erstmals für freilich sofort von Explosionen überlagerte Wärme, die bald dem schaudern machenden Schlussbild einer leichenübersäten Bühne wich, auf der die Liebenden zwar endlich räumlich zusammengefunden hatten, entsetzt in die Leere starrend, aber immer noch nicht zusammen kommen konnten.