Kirchheim

Thema Wohnen dominiert den Abend

Diskussion Der runde Tisch der Esslinger Vesperkirche hat auf seiner Tour durch den Landkreis auch in Kirchheim Station gemacht. Stadträte und Vertreter der Diakonie haben lebhaft diskutiert. Von Thomas Zapp

Auch zu späterer Stunde fanden sich noch Gäste zur Diskussionsrunde in der Thomaskirche ein. Foto: Carsten Riedl
Auch zu späterer Stunde fanden sich noch Gäste zur Diskussionsrunde in der Thomaskirche ein. Foto: Carsten Riedl

Welches Thema den Diskussionsteilnehmern und Zuhörern in der Thomaskirche an diesem Abend am meisten auf den Nägeln brennt, wird schnell klar: Der bezahlbare Wohnraum dominiert bei der Kirchheimer Premiere des diakonischen Projekts „Gemeinsam an einem Tisch“ im Rahmenprogramm zur diesjährigen Vesperkirche. Am bunt gestrichenen Diskussionsrund stellt die Kirchheimer SPD-Stadträtin Marianne Gmelin fest, dass mit der Verlängerung der S-Bahn bis nach Kirchheim die Mieten in der Teckstadt in die Höhe geschnellt sind. Man habe deswegen versucht, für Bauunternehmer eine Sozialbauverpflichtung einzuführen. Passiert sei aber gerade für Familien nichts.

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Der CDU-Stadtrat Wilfried Veeser sagt, dass die Menge an Wohnraum nicht ausreichend sei, auch wenn in Kirchheim 1 000 neue Wohnungen geplant sind. Insgesamt sei die Fläche für Wohnraum zu knapp. „Ein wichtiges Thema ist die Nahverdichtung“, fügt Marianne Gmelin hinzu. Hier gebe es oft aber Einwände von Anwohnern. „Bitte nicht neben mir“, heiße das Motto. Das sei für jeden das gute Recht und verständlich, aber der Lösung der Wohnraumfrage nicht gerade zuträglich, merkt die Sozialdemokratin an. „Menschen in der Grundsicherung tun sich bei der Wohnungssuche besonders schwer“, merkt Tanja Herbrik an. Die Leiterin des Fachbereichs Armut und Beschäftigung beim Kreisdiakonieverband weist darauf hin, dass ihre Klientel besonders betroffen ist. Zumal es mit dem Zuzug von Geflüchteten eine neue Konkurrenz um günstigen Wohnraum gebe. „Die Hartz-IV-Empfänger haben das Gefühl, dass sie vergessen werden.“

Mehr Angebot an Wohnraum

Für Stadtrat Veeser ist klar: Es geht nur über die Menge. „Ich wünsche mir mehr Angebot, und dafür muss man mehr Flächen öffnen“, sagt er. So müsse die Ötlinger Halde auf jeden Fall weiter bebaut werden. Da trifft es sich, dass mit Bauunternehmer Hans-Peter Birkenmaier von den Freien Wählern ein Mann der Praxis am schwarzen Dreieck des Diskussionstisches sitzt. Eine Verpflichtung der Privatwirtschaft, für Sozialwohnungen zu sorgen, reicht seiner Auffassung nicht aus, zumal die Sozialbindung nach 25 Jahren auslaufe. „Die Stadt muss bauen“, sagt er und liegt darin fraktionsübergreifend mit Marianne Gmelin auf einer Linie. Das in jüngster Zeit gerne angeführte Beispiel Wien mit 250 000 Wohnungen in städtischem Besitz zeige, dass es funktioniere, sagt Birkenmaier.

Dass Wohnraum in Kirchheim und Umgebung immer teurer wird und auch Familien mit zumindest einem gut verdienenden Elternteil Probleme haben, eine bezahlbare Wohnung oder ein Haus zu finden, ist Konsens in der Runde. Diskussionsleiter Reinhard Eberst, Dienststellenleiter der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim, hat ein Exemplar des „Teckboten“ mitgebracht, in der eine Familie ihr Leid klagt. Eberst zeigt aber auch Verständnis für die Bauherren. „Die Kosten beim Bau muss man auch ansprechen“, sagt er. Die Vorlage nimmt Hans-Peter Birkenmaier auf. „Ein Bauunternehmer ist in Kirchheim momentan nicht in der Lage, unter 4 000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche zu bauen“, sagt er. Sein Vater habe sein erstes Mehrfamilienhaus 1964 in Dettingen gebaut. „Was sie damals als Haustür eingebaut hatten, wäre heute nicht einmal ausreichend für eine Wohnungstür.“ Von der Dämmung ganz zu schweigen. Hinzu komme, so Birkenmaier, die immer teurer werdenden Handwerker und die Grundstückspreise. Die Runde stimmt überein, dass die öffentliche Hand aktiv werden muss. Wegen Knappheit an Boden und hoher Baukosten kann der Markt alleine den Wohnungsmangel nicht beheben.

Anschließend bringt Dorothee Ostertag-Sigler vom psychosozialen Dienst des Kreisdiakonieverbands ihr Thema zur Sprache: die Kinderbetreuung. Vor allem an den so genannten Randzeiten am Abend oder auch am Samstag gebe es derzeit eine Betreuungslücke.

Stadtrat Wilfried Veeser, im Hauptberuf Pfarrer, weist auf die Notwendigkeit der sozialen Gemeinschaft hin, sprich Nachbarschaftshilfe. „Sonst ist es nicht bezahlbar“, sagt er. Dass Kinderbetreuung ebenso wie die Schulbildung für jedermann kostenlos sein solle, meint ein Zuhörer aus dem Publikum. Da stößt er jedoch auf wenig Gegenliebe in der Runde. „Derjenige, der es sich leisten kann, sollte meiner Meinung nach für die Kinderbetreuung auch bezahlen“, sagt Grünen-Stadtrat Manfred Machoczek.

Das letzte Thema des Abends ist der öffentliche Nahverkehr. Während Hans-Peter Birkenmaier für das Fahrrad plädiert, statt einen subventionierten ÖPNV zu fordern, verweist Marianne Gmelin einmal mehr auf Wien, wo das Dauerticket 365 Euro kostet - im Jahr. Da gibt es im hiesigen Verkehrsverbund noch Luft nach oben. Vor allem für Leistungsbezieher sei es schwer, mit dem Satz von 34,66 Euro auszukommen, sagt Tanja Herbrik. Wilfried Veeser kann jedoch verkünden: „Das Thema wird jetzt im Stadtrat diskutiert. Wir suchen eine Lösung.“

Fazit: Ein interessanter Themen-Mix und eine souveräne Gesprächsführung von Reinhard Eberst. Eine Wiederholung des runden Tisches wäre in Kirchheim wohl willkommen.