Lokale Kultur

"Tintenblut", "Harry Potter" und "Monrepos oder: Die Kälte der Macht"

KIRCHHEIM Was lesen eigentlich Kommunalpolitiker, wenn sie nicht gerade bis über beide Ohren mit Sitzungsvorlagen zugedeckt sind, die bis zu den alles entscheidenden Beratungen der jeweils zuständigen Ausschüsse, des Ältestenrats oder des Gesamtgremiums gewissenhaft durchgeackert sein müssen. Stellvertretend für alle im Kirchheimer Ratsgremium vertretenen Mitglieder befragten wir im Rahmen einer kleinen Serie die vier Vorsitzenden der im Kirchheimer Ratsgremium vertretenen Gemeinderatsfraktionen und anschließend auch die beiden leitenden Repräsentanten der Stadt auf der Verwaltungsbank.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Mit einer zweifellos großen Bandbreite literarischer Interessen kann der Fraktionsvorsitzende der Grünen Alternative im Kirchheimer Ratsrund, Christoph Tangl, aufwarten. Angesichts der eindrucksvollen Vorgabe seiner "bücherfressenden" Brüder musste der bekennende "Spätleser" irgendwann Position beziehen. Bilderbücher waren ihm in zartem Alter schließlich immer weit wichtiger als die von seinen Brüdern schon voller Begeisterung verschlungenen Romane.

Die vom akademisch geprägten Elternhaus offensiv und intensiv geförderte "Lust auf Lesen", die bei seinen drei Brüdern durch entsprechend gesetzte Impulse auch erkennbare Erfolge zeitigten, entwickelte sich bei Christoph Tangl erst etwas zeitversetzt. Eigentlich erst während seiner Studienzeit bekamen für ihn Bücher die große Bedeutung, die sie freilich noch heute haben. Sein schon von Beginn an großes Interesse an Bilderbüchern ist aber uneingeschränkt erhalten geblieben und schlägt sich auch in einer dazu gekommenen Begeisterung für Karikaturen nieder.

"Tintenblut" von Cornelia Funke, die sich nicht zwingend an Erwachsende richtende Fortsetzung von "Tintenherz" ist Christoph Tangls derzeitige Lektüre und er fühlt sich persönlich von dieser erfolgreich auf den Weg gebrachten Reihe anspruchsvoller Kinderbücher noch stärker angezogen als von der von ihm im gnadenlosen Selbstversuch ebenfalls lückenlos goutierten Harry Potter Romane von Joanne K. Rowling.

Begeistern kann sich der Fraktionsvorsitzende der Grünen Alternative im Kircheimer Gemeinderat aber vor allem für historische Romane, wie etwa "Die Päpstin" von Donna W. Cross, Tanja Kinkels "Die Löwen von Aquitanien" oder ihr mit der Geschichte der Fugger sich beschäftigendes Buch "Puppenspieler". Ken Follets "Die Säulen der Erde" oder Noah Gordons "Medicus" markieren auch bei Christoph Tangl wichtige Wegstrecken seines bisherigen Lesensweges.

Sachbücher spielten bei der späten, dafür aber wohl umso bewusster und strukturierter stattgefundenen Entwicklung seiner Lesekultur eine große Rolle. Bücher wie "Global 2000", Erhard Epplers unter dem Titel "Ende oder Wende?" erschienene Überlegungen über den Fortbestand der Erde oder auch die Rolle, die eine weiter sich ausbreitende "Chemie in Lebensmitteln" künftig spielen wird, waren Themen, mit denen sich der Fraktionsvorsitzende der Grünen Alternative ebenfalls sehr intensiv auseinandersetzte. Kriminalromane von Henning Mankell, Donna Leon oder auch Charlotte Link sind Christoph Tangl nicht fremd, doch ist ihm seine nur sehr begrenzt für intensives "privates" Lesen zur Verfügung stehende Lektürezeit eigentlich zu schade, um sie ausgerechnet mit Mord und Totschlag zu verbringen. Für allzu gewinnbringend hält er es jedenfalls nicht, kostbare Zeit und Gedankenarbeit ausgerechnet mit der Suche nach irgendwelchen fiktiven Tätern "zu vergeuden".

Ganz begeistert ist der Fraktionsvorsitzende der Grünen Alternative dagegen von den immer vielfältiger sich offerierenden Möglichkeiten, unvermeidbare Fahrten im Auto durch Audio-Kassetten zu überbrücken. Selbst die kürzeste Strecke kann schließlich mit Literatur-Kassetten ideal verkürzt werden, die gegenüber CDs den klaren Vorteil haben, dass das Hörvergnügen an genau der Stelle weitergeht, an der man am Ende der letzten Fahrt die Stopptaste betätigt hatte.

Auch längere Wegstrecken können mit zuvor gewissenhaft ausgewählten Hörkassetten angenehm verkürzt werden, die bei der Nutzung des öffentlichen Personalverkehrs den großen Zusatzvorteil bieten würden, den Blick für angestrebte Ziele und möglicherweise vorbeifliegende blühende oder zumindest interessante Landschaften frei zu halten. Gleichzeitig hätten Hörkassetten den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass ein schon durch die Verfügbarkeit auf CD oder Kassette verlässlich gutes oder aber zumindest sehr "mehrheitsfähiges" Buch auch noch von sehr guten Schauspielern oder professionellen Sprechern vorgelesen wird. Beim gemeinsamen Blick zurück vor dem gut sortierten Buchregal erinnert sich Christoph Tangl gern auch an Peter Härtling und das bei der Beschreibung seines Ankommens in Nürtingen vermittelte Lokalkolorit. Als bekennender Kirchheimer kann sich Christoph Tangl natürlich auch der Arbeit von Erfolgsschriftstellerin Petra Durst-Benning nicht verschließen. Vor allem ihr Roman "Die Silberdistel" war für Christoph Tangl vor allem auch wegen der direkten Beziehung zu den jeweiligen Handlungsorten ganz besonders interessant.

Zeitgeschichtlich höchst interessant empfand Christoph Tangl auch die Lektüre von Manfred Zachs enorm erfolgreichem Enthüllungsroman "Monrepos oder Die Kälte der Macht". Der Schlüsselroman des früheren Regierungssprechers von Ministerpräsident Lothar Späth ermöglicht schließlich nicht nur intimste Einblicke in die Banalität und Schamlosigkeit der Politik, sondern erinnert auch an entscheidende Stationen baden-württembergischer Landespolitik unter der Federführung der Ministerpräsidenten Filbinger und Lothar Späth.

Ganz wichtig ist dem ehemaligen Bilderbuchfreund Christoph Tangl aber auch heute noch die intelligente Kombination von Text und Bild, wie er sie bei Wilhelm Busch erstmals kennen lernte oder auch in den für ihn schon in frühen Jahren im elterlichen Buchregal zugänglichen humoristischen Werken von Victor von Bülow alias "Loriot". Neben seiner Begeisterung für Karikaturisten wie Kurt Halbritter oder auch Horst Haitziger hat Christoph Tangl dank eines ganz besonders in Ehren gehaltenen alten Buches entsprechende Vorlieben für die Vorgänger der Karikaturisten der Moderne entwickelt. Olaf Gulbransson, von dem er ein Buch aus dem Jahr 1934 im Regal stehen hat, ist ein ganz besonderer Beleg für Christoph Tangls schon lange anhaltende Wertschätzung für "Comedians", deren Qualität im Unterschied zu den eher schnelllebigen Produkten ihrer Epigonen auch nach Jahrzehnten noch über jeden Zweifel erhaben ist.