Lokale Wirtschaft

Traditionshaus Kessler ist gerettet

Deutschlands älteste Sektkellerei bleibt erhalten und wird auch künftig am Standort Esslingen produzieren. Zum 17. Mai übernimmt eine private Investorengruppe das Traditionshaus Kessler, das dann als Kessler Sekt GmbH & Co. KG firmieren wird.

CHRISTIAN DÖRMANN

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ESSLINGEN "Esslingen bleibt Kessler-Stadt." Mit diesen Worten beendete Insolvenzverwalter Tibor Braun gestern die mehrmonatige Ungewissheit, ob das Traditionshaus seinen Stammplatz behaupten kann. Auf viel Sympathie und tatkräftige Unterstützung konnte sich das Unternehmen in schwerer Zeit stützen. Nun steht der Neuanfang bevor.

Als Deutschlands älteste Sektkellerei kurz vor Weihnachten das Insolvenzverfahren beantragte, machte sich in Esslingen und weit darüber hinaus Fassungslosigkeit breit. Welchen Stellenwert das Haus genießt, wurde danach schnell deutlich. "Die Bevölkerung strömte ins Haus, es gab keine Umsatzeinbrüche, wie sonst bei Insolvenzen gemeinhin üblich", sagte Tibor Braun während einer Pressekonferenz im historischen Kessler-Haus, dem ehemaligen Speyrer Pfleghof.

Laut Geschäftsführer Clemens Weiss (35) wird es sogar gelingen, den Umsatz im ersten Halbjahr 2005 gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um fünf Prozent zu steigern. Gute Voraussetzungen also für einen Neustart, der am 17. Mai mit einer Gruppe privater Investoren geschafft sein wird. Dass neben ihm ein weiterer geschäftsführender Gesellschafter die Geschicke des Hauses in die Hand nimmt, stellt für Weiss mit Blick auf die Person des Partners einen Glücksfall dar. Er und Christopher Baur (34) kennen sich schon seit Sandkasten-Zeiten. Ein echtes Esslinger Hochgewächs sei er, meinte Baur in Anspielung auf das, was in altehrwürdigen Kellergewölben produziert wird. Geboren und aufgewachsen in Esslingen, hat Baur Betriebs- und Volkswirtschaft in Freiburg, Kanada und in der Schweiz studiert. Er arbeitete in mehreren Handelshäusern und baute zuletzt in Plochingen einen Standort für Medion auf. Das Unternehmen deckt die gesamte Produktpalette moderner Konsumelektronik ab.

Während eines neunstündigen Vertragsmarathons ist das neue Konstrukt am Donnerstagabend unter Dach und Fach gebracht worden, wobei der Erwerb des historischen Kessler-Hauses den Einstieg in die neue Firma Kessler Sekt GmbH & Co. KG bildete. Im Vorfeld hatte Tibor Braun mit einer ganzen Reihe potenzieller Investoren verhandelt, teils aus der Branche, teils branchenfremd. Dabei lag die Priorität laut Braun bei branchenfremden Bewerbern, um der Gefahr zu begegnen, dass der Produktionsstandort Esslingen mittel- oder längerfristig aufgegeben wird.

Ausdrücklich lobten Insolvenzverwalter und Geschäftsführer die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung, welche in Fragen des Baurechts und des Denkmalschutzes zu schnellen Lösungen beigetragen habe. "Wir hatten großes Interesse daran, dass die Tradition des Hauses Kessler fortgesetzt wird", unterstrich Oberbürgermeister Jürgen Zieger. Alle Beteiligten hätten mit sehr viel Verantwortungsgefühl gehandelt. In der Strategie des neu gegründeten Unternehmens sieht der OB einiges an Potenzial, weshalb er optimistisch in die Zukunft blickt. Wichtigstes Ziel ist es natürlich, den Umsatz zu beleben. Rund 1,5 Millionen Flaschen setzte Kessler zuletzt in einem Jahr ab und dies ohne allzu große Anstrengungen im Marketing-Bereich. Neue und effizientere Vertriebsstrukturen sollen nun das regionale, überregionale und internationale Geschäft ankurbeln. Dabei steht der regionale Markt im Zusammenspiel mit Getränkeanbietern, Eigenvertrieb und Gastronomie zwar im Vordergrund, aber auch in Deutschland (zum Beispiel in der Region München) oder im Ausland (Benelux-Staaten und Großbritannien sind interessant) sehen Weiss und Baur steigende Absatzmöglichkeiten. Kessler will mit seiner Produktpalette, die weitgehend unverändert bleiben wird, ganz bewusst im Premium-Bereich bleiben. Baur: "Ein kleiner Markt, aber groß genug für uns." Der Marktanteil des Esslinger Unternehmens liegt bundesweit im Preissegment ab fünf Euro bei etwas mehr als sieben Prozent. Die Zukunft von Kessler sieht Baur nicht im Gesundschrumpfen durch weitere Kostensenkungen, sondern im nachhaltigen, kontinuierlichen Wachstum mit bestehenden und neuen Kunden. Entscheidend sei, konsequent an den bisherigen hohen Qualitätsmaßstäben festzuhalten sowie Kessler Sekt künftig über die Region hinaus bekannter zu machen und als Premium-Produkt mit exklusiver Markenidentität zu positionieren. Mit dem Produktionsstandort Esslingen wurden auch 30 Arbeitsplätze gerettet. Fünf Mitarbeitern musste im Rahmen des im März eröffneten Insolvenzverfahrens gekündigt werden, was aber nach den Worten von Insolvenzverwalter Tibor Braun sozialverträglich abgefedert worden sei.

Als wichtiges Marketing-Instrument sieht Clemens Weiss das historische Stammhaus. Es soll noch mehr als bisher schon für die Bevölkerung geöffnet werden. Weitere Führungen und Sektverkostungen sind geplant, nicht zuletzt auch um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden.