Lokale Kultur

Traumatisierte Großväter

Im Tyroler war der Dokumentarfilm „Die letzten Zeugen“ zu sehen

Kirchheim. „Der Zweite Weltkrieg war für die Jugend wie ein Abenteuerspiel.“ So beschreibt ein Soldat, der sich einst freiwillig zum Wehrdienst meldete, seine Gedanken zu

Antje Dörr

Beginn des Krieges. „Da hat man sich fast ein bisschen gefreut“, ergänzt ein anderer. Solche überraschenden Einblicke in die Psyche ehemaliger Wehrmachtsoldaten gewährt der Dokumentarfilm „Die letzten Zeugen“, der in der vergangenen Woche im Kino Tyroler in Kirchheim zu sehen war. Er dokumentiert aber auch die vielen Momente, in dem die kindlich naive Anfangseuphorie dem Grauen weicht.

In dem Film berichten zwölf Männer, die bei der Machtergreifung Hitlers allesamt noch Schüler waren, wie sie die Zeit bis hin zum Ende der Kriegsgefangenschaft erlebt haben. Gemeinsam haben die zwölf Überlebenden, dass sie heute alle in Schwäbisch Gmünd leben. Zusammen mit dreizehn anderen Zeitzeugen haben sie ihre Geschichten für das dortige Stadtarchiv in einem Buch veröffentlicht. Diese Geschichten waren der Ausgangspunkt für den Dokumentarfilm.

Ein Ziel des Films ist es, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs greifbar zu machen. Das gelingt durch die persönlichen Erzählungen der Männer, die genauso gut die Väter oder Großväter der Zuschauer sein könnten. Die ehemaligen Wehrmachtsoldaten beschreiben ihre traumatischen Erlebnisse so detailliert, als seien sie erst vor fünf Minuten dem Bombenhagel entkommen. Einer wirft vor Wut sein abgeschossenes Bein ins Gebüsch, ein anderer ist beim Untergang der „Gustloff“ dabei, ein dritter, der als Sanitätsgefreiter eingesetzt war, steht hilflos da, weil ihm keiner gezeigt hat, wie man eine Halsverletzung abbindet. Obwohl keine Kriegsbilder gezeigt werden, entstehen nur durch die Erzählungen die Bilder im Kopf des Zuschauers.

Es ist ein leiser Film, den Regisseur Günter Moritz da gedreht hat, ohne Kommentatorenstimme à la Guido Knopp, die dem Zuschauer erklärt, was er zu glauben hat und was nicht. Auf Kommentare hat Günter Moritz bewusst verzichtet. „Ich finde, dass die Herren sich schon gegenseitig kommentieren“, sagt er. In der Tat zeigt der Film immer beide Seiten der Medaille. Während die einen ihren Einsatz bis heute rechtfertigen, können sich andere die Sinnlosigkeit eingestehen. Dass das Grauen des Krieges bis heute nachwirkt, wird deutlich, wenn einem ehemaligen Soldaten die Tränen kommen oder wenn der Mann, der damals Flakhelfer war, sagt: „Wenn ich etwas KZ-ähnliches sehe, dann steigt in mir wieder dieses würgende Gefühl auf.“

Wer Interesse hat, den Film noch einmal zu sehen, eventuell auch mit einer Schulklasse, der kann sich unter der Telefonnummer 0 70 21/48 86 23 an das Kino Frech wenden. Informationen zum Film gibt es online unter www.dieletztenzeugen.de.

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