Lokale Wirtschaft

TSV Notzingen: Verein der Ingenieure

Göppinger Mechatronik-Professor im Mittelpunkt des gemeindlichen Netzwerks

Rainer Würslin ist mit Leidenschaft Ingenieur. Und linker Verteidiger beim TSV Notzingen. Hier wohnt der Dekan der ­Mechatronik-Fakultät Göppingen – und wirbt fleißig Nachwuchs für seine Hochschule.

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Göppingen/Notzingen. Sind es nun 70 000 oder 95 000 Ingenieure, die bundesweit fehlen, davon allein rund ein Viertel in Baden-Württemberg. Die Horrormeldungen von Berufs- und Branchenverbänden überschlagen sich. Doch ändern an der Misere tut sich nichts. Da lohnt ein Blick ins 3500-Einwohner-Dorf Notzingen, das erstaunlich viele Ingenieure hervorbringt. Sicher liegt das an der hohen Dichte von Maschinenbauern, Elektrotechnikern und Automatisierungsspezialisten, die – günstig an der B 10 gelegen – hier gebaut haben und im nahen Stuttgart bei Daimler, Bosch oder Siemens arbeiten.

Deren Kindern, die meist das Schloss- oder Ludwig-Uhland-Gymnasium in Kirchheim besuchen, sind technische Berufe, die Väter, Nachbarn, Verwandte oder Trainer ausüben, vertraut. Eine wichtige Rolle bei der Nachwuchsgewinnung kommt aber Professor Rainer Würslin zu, der 1985 von Stuttgart hierher gezogen war. Der TSV ist seine zweite Heimat, wo der zweifache Vater gerne seine Freizeit verbringt. Hier war er aktiver Fußballspieler und hat später die Jugend trainiert, in der sein Sohn kickte. Jetzt spielt Würslin bei den „Alten Herren“.

„Frag doch mal den Herrn Würslin“ oder „Red‘ doch mal mit dem Rainer“, sind häufige Formulierungen in Notzingen, die vor allem von Müttern kommen, deren Söhne und Töchter kurz vor der Studienwahl stehen. Markus Henzler kann dies bestätigen. Der 28-Jährige hat 2005 an der Göppinger Hochschule sein Mechatronik-Diplom in der Fachrichtung Automatisierung gemacht. Seither hat er einen guten Job bei Bosch in Abstatt in der ESP-Entwicklung und kommt viel in der Welt herum. USA, Schweden, Frankreich. Schon mehrfach wollten Headhunter den Notzinger abwerben.

Warum er Ingenieur geworden ist? Henzler, der mit einer Diplom-Note von 1,2 zu Würslins besten Absolventen zählt, lacht. Das könne er nicht mehr so genau sagen. Mit der Tochter seines späteren Professors, Tatjana Würslin, ist er schon in die Grundschule gegangen, beim TSV hat er auch gespielt und selbstverständlich stets zum Professor „den guten Draht gehabt“. Tatjana ist übrigens auch Ingenieurin und arbeitet seit einem Jahr in Auenwald bei einem Mittelständler in der Entwicklung. Die Dekanstochter studierte allerdings in Esslingen Elektrotechnik, um wenigstens etwas Abstand zum Vater zu wahren. Ihr Bruder studiert aktuell in Stuttgart - Elektrotechnik.

Der Vater kann eine ganze Vielzahl Notzinger Ingenieure und Studenten der Ingenieurwissenschaften vorweisen: Marc Streich und Michael Katz etwa. Die beiden Göppinger Studenten wohnen auch im Dorf in der selben Straße. Katz steht kurz vor dem Diplom in der Fahrtrichtung Mikrosystemtechnik. Das Netzwerk zu Hause nützt ihm, um zu erfahren, wo es interessante Jobs gibt, wie die Arbeitsbedingungen sind und wer wie viel bezahlt. Streich, im dritten Semester Elektrotechnik, der per Fahrgemeinschaft ab Wernau täglich zur Hochschule kommt, kann mit zig Gesprächspartnern sein Thema für eine Diplomarbeit entwickeln und auch die passende Firma dafür entdecken.

Auf dem Sportplatz oder in der Clique findet in Notzingen niederschwellig und ideologiefrei Imagewerbung für die Ingenieurberufe statt. Jüngere erfahren hier von der Studien- und Arbeitswelt der Älteren und diese können im Bedarfsfall nach Feierabend eben auch mal eine mathematische Formel oder die Fragestellung eines Projektthemas erklären. So wie Würslin die Abiturienten einlädt, ihn mal an der Hochschule zu besuchen, eine Vorlesung zu hören oder ein Labor zu betreten. Gerne kommt der Botschafter der Göppinger Hochschule in Kirchheim auch an die Gymnasien, um über den Charme technischer Berufe zu sprechen. Mit Erfolg. pm