Kirchheim

Türkische Frauen erkunden die StadtAuf den Spuren der Stadtgeschichte

Stadtführung Migrantinnen lernen im Rahmen ihres Deutschkurses bei einem Rundgang mit Willi Kamphausen die Geschichte und Geschichten von Kirchheim kennen. Von Cornelia Wahlx​x​x​x​x​x​x​x​x​x​

Sie leben seit 15 oder 20 Jahren in Kirchheim und Umgebung. In einem Deutschkurs, der jeden Montag im Mehrgenerationenhaus Linde stattfindet, kam den türkischen Frauen die Idee, auf den Spuren der Kirchheimer Geschichte zu wandeln.

Einen besseren Tag im November hätten sich die Damen nicht aussuchen können. Es ist Gallusmarkt, und so herrscht buntes Treiben in der Fußgängerzone der Markt- und Fachwerkstadt. Stadtführer Willi Kamphausen, selbst ein reingeschmeckter Kirchheimer, führt die Damen gleich zu Beginn über die Dächer von Kirchheim. Der Aufstieg über enge Holztreppen auf den Turm des Rathauses soll mit einer beeindruckenden Aussicht belohnt werden. Doch zuvor macht er noch einen kurzen Halt an der Mondphasenuhr – „ein weibliches Symbol“ wie er zwischen den alten Balken erzählt. Und er schlägt den Bogen zum islamischen Kalender. Dieser ist ein reiner Mondkalender mit zwölf Mondmonaten. Die türkischen Frauen erfahren dabei, dass die halb schwarze und halb goldfarbene Kugel in eine Raute eingebettet ist, ein weiteres Symbol. Es kommt im Wappen der Herzöge von Teck vor, deren Geschichte und verwandtschaftliche Bindungen zum britischen Königshaus – Königin Elisabeth II. von England ist eine Ur-Ur-Urenkelin von Herzogin Henriette – später am Schloss noch Erwähnung finden.

Nach dem Abstieg vom Rathausturm geht es über den Hinterausgang des Rathauses vorbei an der Dialogbushaltestelle zur Martinskirche. Deren Chor gehört neben dem Max-Eyth-Haus, dem Schloss und dem Kornhaus zu den wenigen Gebäuden, die beim großen Stadtbrand am 3. August 1690 weitgehend vom Feuer verschont blieben. Der Brand ging übrigens von einer damals angesiedelten Metzgerei aus, die in der heutigen Brandstraße angesiedelt war.

Neben Geschichtlichem zur Martinskirche stimmt der Stadtführer den Kanon „Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden“ an. Und er erzählt an dem heiligen Ort von der Entstehung des bekannten Geburtstagsliedes „Viel Glück und viel Segen“ von Werner Gneist, der in Kirchheim bis zu seinem Tod 1980 lebte. Interessiert lauschen die Frauen den Erläuterungen des Stadtführers im Chor der Kirche. Dort, wo in einer Gruft unter dem Chor Franziska von Hohenheim ihre letzte Ruhestätte hat.

Beim anschließenden Gang in Richtung Schloss erzählt Willi Kamphausen von der Wandlung des Martinskirchplatzes vom Friedhof zum Kirchplatz bis zu dem Ort, wo seit vielen Jahren das Sommernachtskino stattfindet. Er erzählt, dass das Spital nichts mit einem Krankenhaus zu tun hat. Vielmehr sei es eine mittelalterliche Einrichtung unter anderem für Arme gewesen.

Angekommen am Schloss deutet er an, dass dies einst Witwensitz sechs adliger Damen war. Besonders hebt der Stadtführer dabei Herzogin Henriette von Württemberg hervor. Sie gilt als die „Mutter Kirchheims“ und ist verantwortlich für die Entstehung vieler sozialer Einrichtungen, welche noch heute prägend für die Stadt Kirchheim sind. Unten am Schloss vorbei über den Schlossgraben nimmt die Führung ihren weiteren Verlauf in Richtung Oberes Stadttor. „Früher wurden die Stadttore zur Nacht geschlossen. Wer in die Stadt wollte, konnte bis zum nächsten Morgen in einer der Herbergen an den vier Stadttoren übernachten“, weiß Willi Kamphausen. Als eine solche Herberge diente einst auch das „Alte Haus“, das am Anfang der Dettinger Straße gegenüber dem Oberen Tor originalgetreu erhalten ist.

Nach fast zwei Stunden endet die Stadtführung dort, wo sie begann – am Rathaus.

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