Lokale Kultur

Über das Bombengeschäft des Krieges

Das Ensemble der Badischen Landesbühne beeindruckte mit Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“

Kirchheim. Dass erst das Fressen kommt und dann die Moral, hatte Bertolt Brecht schon in seiner 1928 in Berlin uraufgeführten „Dreigroschenoper“ postuliert. Mit seinem elf Jahre später im Exil in Schweden

Anzeige

geschriebenen Erfolgsstück über die über alle moralischen Bedenken erhabene Kriegsgewinnlerin Anna Fierling alias „Mutter Courage“ lehrte er dem Theaterpublikum das Fürchten.

Er ließ die Menschen vor der Guckkasten-Bühne in erschreckende menschliche Abgründe blicken. Zugleich schuf er aber auch mit der keine Skrupel kennenden „Hyäne der Schlachtfelder“ eine Paraderolle, die in ihrer Ambivalenz zwischen besorgter, fürsorglicher Übermutter einerseits und knallharter, mutig hinter den feindlichen Linien operierender Geschäftsfrau andererseits ihresgleichen sucht.

Beim jüngsten Gastspiel der Badischen Landesbühne Bruchsal (BLB) im Rahmen des Kulturring-Abonnements in der Kirchheimer Stadthalle brillierte Evelyn Nagel in der faszinierenden Rolle der nassforsch und äußerst couragierten und emanzipierten Marketenderin, die eigentlich nichts mehr fürchtet als plötzlich einkehrenden Frieden, weil der ihr die gut laufenden Geschäfte vermasseln und ihre geschäftliche Existenz schlagartig zunichte machen könnte. Dass sie durch ihre Habgier und ihren untrüglichen – zuweilen extrem menschenverachtenden – Sinn für gute Geschäfte nach und nach ihre ganze Familie opfert, ist der unmenschliche Preis, den sie letztlich doch bereit ist, dafür zu zahlen.

In der von Dietmar Teßmann sehr karg und kalt, aber ungemein wirkungsvoll eingerichteten Bühne, kämpft sie ohne sich und andere zu schonen ums nackte Überleben und hat zuletzt niemanden mehr, der ihr hilft, den schweren Karren noch einmal aus dem Dreck zu ziehen. Zweieinhalb Stunden dauert der unaufhaltsame Sturz ins Bodenlose, der zuletzt keine Hoffnung mehr kennt, sondern nur noch Opfer – und Tote.

Für Brecht war der Krieg immer die verabscheuungswürdigste Form menschlichen Verhaltens, und auf den bedrohlichen Ausbruch des Zweiten Weltkrieges reagierte er mit „Mutter Courage und ihre Kinder“ und seiner unter die Haut gehenden „Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg“.

Wie Siegfried Unseld in seiner „Brechtschen Chronik des Krieges“ im Programmheft schreibt, ist Brechts Ausgangspunkt „die betrübliche Erfahrung der Weltgeschichte, nämlich dass der Mensch aus den ihn treffenden Katastrophen nichts lernt“. Brechts Erkenntnis weckende Intention richtet sich dabei nicht auf die letztlich doch unverbesserlich bleibende Mutter Courage selbst, sondern auf das sie über lange Strecken mit kritischer Distanz verfolgende Publikum, das sich über ihr Verhalten Gedanken machen und daraus lernen soll.

Bertolt Brecht interessiert sich daher auch nicht so sehr für den geschilderten historische Vorgang selbst. Sein Augenmerk liegt vielmehr auf den Bewegungskräften menschlichen Verhaltens. Der Krieg ist für ihn und seine Protagonistin die Fortsetzung gutbürgerlicher Handelsgeschäfte mit anderen Mitteln. Die Tugenden, die den Menschen erst zum Menschen machen, können in Kriegszeiten leicht Ursache werden für das Scheitern und die Vernichtung des Einzelnen.

Carsten Ramms Inszenierung zeichnet ein tiefenscharfes kritisches Bild einer Mutter, die den Krieg verflucht und doch zugleich als „schönste Einnahmequelle“ gnadenlos für sich nutzt und allen moralischen Bedenken unterwirft. Durch ihr unnachgiebiges Feilschen, ihre manische Gewinnsucht und ihre rückhaltlose Entschlossenheit zum Risiko, macht sie sich mitschuldig am Tod ihrer eigenen geliebten Kinder.

Kathrin Berg überzeugte dabei, neben der alles dominierenden Mutter Courage Evelyn Nagel, als stumme Tochter Kattrin ganz besonders, die in hilfloser Verzweiflung die wahnwitzige Geschäftemacherei ihrer Mutter hilflos mit durchleiden muss, ihrem älteren Bruder Eilif (Philip Badi Blom) und dem jüngeren Schweizerkas (Marian Funk) letztlich aber nicht helfen kann, weil ihrer Mutter Geschäftsinteressen und Gewinnmaximierung näher stehen als das Wohl ihres eigen Fleisch und Blut.

Am Ende hat die unerschrockene Mutter Courage alles verloren und nur noch sich selbst, um sich einsam und alleine vor das Joch des viel zu schweren antriebslosen Karrens zu spannen. Während sie tragisch scheitert, zählen der Koch (Stefan Holm), die Lagerhure Yvette Pottier (Juliane Schwabe) und der Feldprediger (René Laier) zu den vom Geschehen schwer Gezeichneten, aber immerhin Überlebenden des grausamen kriegerischen Infernos.

Unter der musikalischen Leitung von Hannes Holz transportierte ein vorwiegend von unbarmherzigem Klopfen getragenes Percussion-Staccato die Trostlosigkeit des Geschehens und schlug unbarmherzig den Takt zu dem ohne jede Hoffnung auskommenden Bühnengeschehen. Allein die Lieder sorgten immer wieder für lyrische Ruhepunkte in einer zum Untergang verurteilten Welt. Die eindrucksvolle Leistung des gesamten Ensembles wurde abschließend dankbar gewürdigt. Das verzweifelte Trommeln Kattrins auf dem Marketenderinnenwagen klang aber noch lange über das tragische Ende hinaus nach.