Lokale Kultur

Über das Pathetische: Den Dichter beim Wort genommen

LENNINGEN "Erfolg beflügelt Leistung aus Leidenschaft." Werden da nicht Schillers Lebensrezepturen medienwirksam vermarktet?

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ERIKA HILLEGART

Bei einem literarischen Abend im Oberlenninger Schlössle entwarf die Stuttgarter Bibliothekarin und Schauspielerin Helga Klaiber einen Lebensabriss des Regimentsarztes, Philosophen, Historikers und Dichters Friedrich Schiller. Bernhard Moosbauer begleitete mit seiner Geige Rezitation und Vortrag und ließ die Texte musikalisch nachklingen.

Lenninger Literaturfreunde ließen sich an diesem Sommerabend die hochkarätige Deutschstunde mit Helga Klaiber nicht entgehen. Seit Jahren kommt sie auf Einladung des Förderkreises Schlössle und der Gemeindebücherei ins Lenninger Tal. Sie weckte beispielsweise für Rilke, Hölderlin, Mörike, Droste-Hülshoff die poetischen Wellenlängen. Ihr gelang es auch dieses Mal, Hintergründe vom Leben und Werk des schwäbischen Dichterjubilars zu erhellen. Die waren von Leiden und Leidenschaft geprägt. Und die Vortragende skizzierte die entsprechende Zeitepoche mit wenigen Strichen.

An diesem Sommerabend schon jenseits des Zenits des Schillerjahres begrüßte Bernd Löffler mit Schillerzitaten die vielen Gäste: "Was wir als Schönheit hier empfinden, wird bald als Wahrheit uns entgegensehen." Ja, es war sicher bei manchem Zuhörer die Schönheit der Jugenderinnerungen, als einst die Gedanken und die Sprache des Dichterjubilars Flügel verlieh. War man nicht fasziniert von dem Feuerkopf und dessen starken Äußerungen von Freiheit und Willenskraft, von den edlen Charakteren im Widerstreit mit den ganz schlimmen? Weckten Schillers Dramen nicht die Theaterlust, ließ man sich nicht mitreißen vom Sprachrhythmus seiner Balladen? Helga Klaiber bohrte tiefer. Sie sprach vom Seelenarzt Schiller und seinen "Lebensrezepturen". Sieben schwere Krankheiten habe der junge Eleve in der Eliteschule des Herzogs Carl Eugen erlitten, jener Vollzugsanstalt mit dem absoluten Gehorsamsanspruch. "Der Widerstand gegen diese Umstände hat meine Poesie gestärkt. Ich entschloss zu werden, was ich soll." In jeder Lebensepoche war dieser Widerstand gegen widrige Umstände, Krankheiten, Krisen und Geldnöte eine Herausforderung, die Schillers Willenskräfte stärkten. Literarische Vorbilder etwa Klopstock, Shakespeare gaben künstlerische Impulse. Lebenslang konnte er sich auf Freunde verlassen.

So erhellte Helga Klaiber die Biografie vor allem mit Briefen an Andreas Streicher, Johann Huber und Theodor Körner und an seine Gönner Herzog Carl August und den dänischen Erbprinzen sowie an Goethe, mit dem er die Weimarer Klassik begründete. Helga Klaiber nahm Schiller beim Wort, sprach die Originaltexte frei, gestaltete mit variablen Stimmlagen und Tempi. Ihre sparsamen Gesten unterstrichen wirkungsvoll. Sie forderte damit genaues Zuhören der angesprochenen Konflikte und Probleme ein. Und sie lockerte mit humorvollen Episoden die Spannung des konzentrierten Zuhörens. Schließlich zeigte sie mit ausgewählten Briefen an die Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld den großherzigen Dichter, in dessen Brust mindestens "ach, zwei Seelen" wohnten.

Den treuen Ehemann, fürsorglichen Vater und realistischen Rechner würdigte die Vortragende mit Schillers Forderung an sich selbst. "Rein und edel" habe er seine Schuld abzutragen an die Menschheit. Und der früh Verstorbene schrieb dieser Menschheit ins Stammbuch: "Das größte Vermögen ist die Zeit. Wahre Güter des Lebens können wir erwerben mit diesem Kapital der Zeit." So skizzierte Helga Klaiber das markante Profil des überragenden Kopfes beides ist leibhaftig und geistig zutreffend und beschwor zwingend den Genius.

Zwischen den biografisch-literarischen Sequenzen machte Bernhard Moosbauer einen musikalischen Zeitsprung in eine frühere Epoche mit Kompositionen von Ignaz Pleyel, und er unterstrich mit eigenen Improvisationen manche Schicksalshärte im Leben von Friedrich Schiller.

Die Büchereileiterin Ev Dörsam dankte für die Schillersche Rezeptur und die klangreichen Atempausen. 2005 ein reiches Erinnerungsjahr. Vom 200. Todestag Schillers am 9. Mai und dem 60. Todestag von Dietrich Bonhoeffer am 9. April Verbindungslinien zu ziehen, wäre ein geschichtlicher Auftrag. Diese Linien hätten die Farben des Regenbogens. Und es gälte "Leistung aus Leidenschaft" zu entlarven um der Menschen und ihrer Ideale, ihrer Hoffnungen willen.