Lokale Kultur

Über "die Kargheit einer Lebenslandschaft"

KIRCHHEIM Vor fast genau fünf Jahren stand Sigrid Damm damals allerdings in Abwesenheit schon einmal im Mittelpunkt der von der Buchhandlung Zimmermann gepflegten Reihe literarischer Begegnungen. Da an die Autorin des erfolgreichsten Goethe-Buchs des Goethe-Jahres damals einfach nicht

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heranzukommen war, wurde seinerzeit eine ideale Alternative angeboten. Die mit dem Untertitel "Eine Recherche" versehene Arbeit über "Christiane und Goethe" wurde damals statt von der Autorin selbst von Ulrike Götz und Rudolf Guckelsberger erwartungsgemäß profund und professionell präsentiert.

Jetzt meldete sich die gefragte und vom Insel-Verlag noch immer gut abgeschottete Autorin im Kirchheimer Buchhaus höchst persönlich zu Wort. Der wohl schon voller Hintergedanken gezielt aus der Hölderlinstadt verschickte und letztlich ja auch erfolgreiche Lockruf soll nun über den interessanten Abend in Kirchheim hinaus, möglichst auch noch nachhaltige Folgen haben wenn es nach dem Willen des Veranstalters gehen sollte . . .

In geliehenen Stiefeln und Socken musste sich die in Thüringen geborene promovierte Germanistin, die inzwischen in Berlin und Mecklenburg lebt, auf Geheiß des gastgebenden promovierten Buchhändlers schließlich vor ihrem Auftritt im Buchhaus zunächst noch auf abenteuerliche Spurensuche begeben. Nach einer hochgelobten "Recherche" über "Christiane und Goethe", die vor Jahren großen Gefallen fand, dankte das Publikum der Autorin mit viel Applaus für ihre einfühlsam präsentierten "Wanderungen", die den bekannten Geistesgiganten Friedrich Schiller im angenehmen Plauderton aus der Distanz des Denkmalssockels in ungemein persönliche Nähe bringen konnte.

Horst Zimmermann hofft nun offensichtlich, beim Besuch im Nürtinger Dunstkreis von Ulrichstein und "Winkel von Hardt" die passende Steilvorlage für eine sich möglicherweise nun nahtlos anschließende "Spurensuche" in Sachen Hölderlin gegeben zu haben. Noch ist aber der tatsächlich ungemein reizvoll erscheinende literarisch-biographische Hattrick nicht perfekt.

Halsbrecherischen Bewegungen in unwirtlicher Natur folgte dann am Abend in der anheimelnden Geborgenheit zwischen Buchregalen die erwartet elegante Kür auf literarischem Parkett. Sigrid Damm verstand es zweifellos, Appetit zu machen auf ein schwergewichtiges Buch, dessen Inhalt sie selbst zunächst kritisch auf seine Erfolgs-chancen hin geprüft hatte. Nachdem Goethe ihr immer näher gestanden hatte, tat sie sich wie sie in entwaffnender Offenheit eingestand zunächst in der Tat nicht leicht, sich genauso intensiv auch auf Friedrich Schiller einzulassen.

Im Gegensatz zum weltoffenen und weitgereisten Geheimrat Goethe sieht sie in Friedrich Schiller nun einmal einen Mann, der noch niemals "an einer Küste gestanden, noch nie das Meer gesehen hatte" und auch "die Schauplätze seiner Dramen, das Frankreich der ,Jungfrau von Orleans', das Schottland seiner ,Maria Stuart', nie Spanien, Russland, die Schweiz, nie den Rütli und den Vierwaldstätter See, die Schauplätze seines ,Wilhelm Tell', gesehen" hat.

Dass aber nicht nur ständiges Kränkeln, Wetterfühligkeit, die ihn oft drückende Last des Schreibens oder auch die von ihm selbst zuweilen schmerzlich empfundene "Kargheit seiner Lebenslandschaft" das Bild Schillers prägen müssen, machte Sigrid Damm liebevoll deutlich und demonstrierte damit zugleich ihren Arbeitsstil, dem in der Tat ein schon bei "Christiane und Goethe" immer wieder begeisternd durchblitzender "Zauber des Authentischen" nicht abzusprechen ist.

Die in gewissenhaft recherchierten "Kunstwerken aus Akten" nicht immer ganz vermeidbare Trockenheit umgeht sie gekonnt dadurch, dass sie sich mit Orten, Schauplätzen und Originalquellen befasst und sie auf sich wirken lässt. Die im Mittelpunkt wissenschaftlicher Arbeit stehende Person entwickelt dadurch eine ganz ungewöhnliche Präsentationstiefe und persönliche Nähe.

Mit einer erneut geschickt ausgewählten Passage zeichnete sie in der Kirchheimer Lesung gleich ein dezentes und doch dezidiertes Bild des sinnenfrohen Menschen Friedrich Schiller und belegte zugleich, wie souverän und sensibel sie sich ihrem Protagonisten auch in seinem gleich zwei Frauen gleichzeitig geltenden Überschwang der Gefühle nähert. Auch hier lässt Sigrid Damm alle Beteiligten der "Utopie eines Lebens zu dritt" zu Wort kommen und ermöglicht den Lesern einen direkten Einblick in Alltagssorgen aber auch-freuden eines Literaturgiganten.

Nicht dessen Werk, sondern seine Persönlichkeit steht im Blickpunkt ihres Interesses. Auch der langwierig und schwierig sich entwickelnden Beziehung zwischen Schiller und Goethe, die schließlich in einer engen Freundschaft und gegenseitigen Inspirationsphase mündete, widmete sie viel Zeit, wollte sich dann aber auch bald den Fragen des Publikums stellen. Eine immerhin fast 500 Seiten starke Biographie eines Geistesriesen kann man sich schließlich nicht in vergnüglichen Häppchen präsentieren lassen, sondern muss sie sich als Leser erarbeiten. Der angekündigte Wintereinbruch schafft dafür keine schlechten Voraussetzungen.