Lokale Kultur

Über Kur und Pfalz, Wein und Seligkeit und vor allem Sinn und Losigkeit

KIRCHHEIM Wem verschworene Fans von der Pfalz bis ins ferne "Feindesland" Schwaben hinterherreisen, der muss gut sein. Letzte Zweifel zerstreute Christian "Chako" Habekost bei seinem überzeugenden

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WOLF-DIETER TRUPPAT

"Auswärtsspiel" im Evangelischen Gemeindehaus in Ötlingen mit der vor Selbstbewusstsein strotzenden Erkenntnis, dass der sprachlich sehr eloquente und vor allem dem Saarländer haushoch überlegene Kurpfälzer einfach "superer ist als wie die andere Leit".

Auf Einladung des Kulturkreises Ötlingen hatte sich der bekennende "Lokalpatri(di)ot", Heimat-Dichter, Comedy-Guerillero und Vollblut-Entertainer ins Kandel kehrende Ausland gewagt. Dass er nicht allein unter Schwaben war, verdankte er einer ehepaarstarken Splittergruppe aus Oberotterbach, die aber nie schützend eingreifen musste.

Im Integrieren, das zeigte der erfreulich friedlich verlaufene Abend überdeutlich, ist der Schwabe fast so gut wie der Kurpfälzer, der es nach dem vierten Schoppen selbst mit einer türkischen Großfamilie aufnimmt, um nach einem ersten steifen Grußwort Stunden später torkelnd und formulierungsgeschwächt den geordneten Rückzug anzutreten.

Frankophil wie der Kurpfälzer ist, gibt er seinen Kindern vorwiegend französische Namen, die bei kraftvoll dialektal gefärbten pfälzerischer Aussprache nicht nur viel von ihrem Charme verlieren, sondern kaum wiedererkennbar sind. Dem französischen "a la prochaine" steht im pfälzischen Alltag das Allerweltswort "Alla" gegenüber, das rasch auch eine Brücke zu Allah-gläubigen Mitmenschen baut. Sie können sich hier geborgen fühlen auch wenn der Wein- und Fleischkonsum nicht eben korankompatibel ist.

Aus einer Staatsmänner und andere prominente Gäste dank Kohl mit Saumagen mästenden kulinarisch-linguistischen Topregion kommend, "in der wo" die Wurst blutet, während in Stuttgart nur gekehrt wird, war sich "Chako" bei seinem Auftritt in Ötlingen sicher, dass beide an diesem Abend friedlich koexistierenden Ethnien eigentlich keinen Grund für kleinliches Klagen haben. Wenn einer jammern könnte, dann vermutlich der auf einer kleinen bewaldeten Insel lebende und ringsum von Feindesland umgebene Saarländer. Dem geht es aber wiederum besser als dem Sachsen, der drei Mal die Währung wechseln, aber zur Kenntnis nehmen musste, dass der Dialekt geblieben war, als wäre er von "Drei-Wetter-Taft" geschützt.

"Früher war alles anders", lautete eine fast schon philosophische Dimensionen in sich tragende Erkenntnis, aus der Habermas sicherlich andere weiterführende Gedanken abgeleitet hätte als Habekost. Die Gnade der frühen Geburt ließ bei ihm nur geringes Mitleid aufkommen mit einer Generation, für die fundierte Markenkenntnisse fast schon fortpflanzungsrelevant sind, während Jugendliche von einst nur die Wahl hatten zwischen "Levis" oder "Wrangler" sowie "Geha" oder "Pelikan". Da ihm völlig egal ist, ob auf seiner Brille "Boss" oder "Hilfsarbeiter" steht und ihn auch nicht interessiert, ob seine Kamera viele Pixel oder glatte Haut hat, beschäftigte er sich lieber mit religionswissenschaftlicher Akribie damit, die feinen Unterschiede zwischen dem Islam und dem Christentum herauszuarbeiten.

Der gerne und oft aufgesuchten gemütlichen Moschee mit auf weichen Gebetsteppichen eng zusammengekuschelten Menschen, stellte er den typisch christlichen Kirchgänger gegenüber, der einmal im Jahr in einem inzwischen viel zu engen Anzug auf viel zu harten Kirchenbänken hockt. Christen brauchen auch keine Fundamentalisten, weil sie ja Kardinäle haben. Die Frage, ob die Socken des Vordermannes frisch sind, ist für Christen nicht relevant, da sie ja schlimmstenfalls neben einer Rentnerin in Polyesterbluse sitzen. Ob nun vom Minarett lautsprecherverstärkte Gebete des Muezzin dröhnen oder in neue Glockenform gegossenes Alteisen aus den napoleonischen Befreiungskriegen die Menschen aus dem Schlaf reißt, macht für ihn keinen großen Unterschied. Die Idee mit dem Kopftuch findet er dagegen gar nicht so abwegig, wenn er daran denkt, wie seine Frau zuweilen aussieht, wenn sie vom Friseur kommt.

Im Unterschied zu vielen Kabarettisten-Kollegen gibt "Chako" unumwunden zu, dass Frauen evolutionsmäßig die Männer weit hinter sich gelassen haben, auch wenn er nie begreifen wird, dass sie sich schon nach einer "Flasche Cappuccino" die seltsamsten Kosenamen geben und die strammsten Kerle immer nur "goldig" finden. Wehrt sich einer dagegen, finden sie ihn "richtig süß". Wenn Ilona, Ramona und Simone über ein "Moschusbomberle" urteilen, so fällt das immer umfassend, solide und fundiert aus. "Der isch an feiner Kerl, kee Depp un nix."

Wenn man Männer aber orientierungslos mit ihren Wägelchen durch Supermärkte irren sieht, können schon Zweifel aufkommen, ob sie die falsch verstandene Dröhnung schon gefunden haben und frisch aus der Marihuana-Abteilung kommen oder immer noch die rötliche Tönung suchen. Meist enden die Irrfahrten vor den Zeitschriftenregalen, wo Auto- und Heimwerkerzeitschriften sie wieder aufrichten. Vor bis zum Horizont sich erstreckenden Hochregalen mit Hunderttausenden von Tönungen zu stehen, steht kein Mann auf Dauer durch, der knapp dem Tönungsdschungel und Farbenlabyrinth entkommen sich plötzlich zwischen Stapeln von Slipeinlagen mit und ohne Flügeln wiederfindet.

Auch auf diese Produkte trifft zu, was Christian "Chako" Habekost mit hochgezogener Hüfthose plötzlich zum angejahrten weinfestbesuchenden Besserwisser mutiert in "kurpfälzerotekischer" Erkenntnisrhetorik auf den Punkt bringt: "Früher hot's des ned gewwe." Dass früher nicht alles besser war, lässt er dabei nicht draußen vor. Die größte chemische Fabrik der Welt, die einst regelmäßig ihren Wasserfarbkasten in den unschuldigen und häufig sehr bunten Rhein spülte, konnte zweifellos zur Artenvielfalt beitragen. In keinem anderen Biotop gab es schließklich so viele Fische, die auf dem Rücken schwimmen, sich aber leider nie wieder umdrehen können. Die Buchstaben BASF haben dadurch einen ganz neuen Klang bekommen, stehen sie doch jetzt für Bestandserhaltung Aller Seltenen Fischarten.

Dass es Latte praktisch nur noch als "Coffee to go" gibt und nicht mehr im Baumarkt, verwirrt den promovierten Sprachwissenschaftler ungemein. Außerdem fragt es sich immer wieder, seit wann denn der Kaffee aus Togo und nicht mehr von Tchibo kommt. Auch die Elektrogeräteabhängigkeit bereitet ihm Sorge. Immer kleiner werdende Handys lassen ihn denken, sie wären für Bewohner der Augsburger Puppenkiste oder "für änen vun de siwwe Hannebamb'l, die uff's Scheewittchen scharf sin". Ein Fehlgriff mit dem "Wurstgriffel" und man ist mit Australien verbunden. Selbst vor der Wahl stehend, Arbeitsloser oder Exhibitionist zu werden, hat der Anglist und Germanist Dr. Habekost zweifellos die richtige Entscheidung getroffen, als er beide Möglichkeiten verband und Kabarettist wurde.