Lokale Kultur

Überirdische Virtuosität und Strahlkraft

Zweites Konzert mit Tanja Becker-Bender und Oliver Kern mit Beethovens Violinsonaten

Kirchheim. In Fortsetzung des im März begonnenen Beethoven-Konzertzyklus‘ standen diesmal drei weitere Werke auf dem Programm des international gefeierten und mit

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ERNST KEMMNER

künstlerischen Meriten überhäuften Duos Tanja Becker-Bender und Oliver Kern. Dabei sollte sich der bereits bei ihrem ersten Auftritt gewonnene hervorragende Eindruck bestätigen.

Mit der Sonate A-Dur op. 12, Nr. 2 stellten sie ein Werk aus der Schaffens­periode von 1797/98 vor, dessen gefälliger, heiter vergnügter und verspielter Duktus eine ideale Einstimmung für das Publikum war. Im einleitenden tänzerisch-spielerischen Allegro vivace im Sechsachtel-Takt wartet Beethoven mit manch überraschendem kompositorischen Einfall, unerwarteter Generalpause, heikler Rhythmik und unvermitteltem Schluss auf, was ein hellwaches Reagieren der beiden Spieler voraussetzte. Der bezaubernde Mittelsatz – kein typisch „langsamer“ Satz, sondern eher im Allegretto-Tempo – wurde fließend mit dem gebotenen lyrischen Kolorit präsentiert, bei der Ausgestaltung des thematischen Materials mit feinen dynamischen Abschattungen in beiden Instrumenten. Beeindruckend dabei die fein abgestufte Dosierung des Geigenvibratos und die Phrasenschlüsse mit agogischer Dehnung in leisestem Pianissimo beider Instrumente. Ein „gefälliges“ Allegro (piacevole) mit unbeschwert losgelöstem Charakter in spannungsvollem, sensiblem Vortrag durch die beiden Protagonisten bildete den Abschluss dieser Sonate.

Der Konzertabend fand seine Fortsetzung mit der Sonate G-Dur op. 30, Nr. 3, die eine weitere Steigerung des virtuosen Anspruchs an beide Spieler mit sich brachte. Der Eingangssatz Allegro assai mit vielen Tonleiterausschnitten und gebrochenen Akkorden wurde mit großem Elan und in sehr schnellem Tempo genommen, wobei beide Spieler in den Laufketten mit spielerisch unangestrengter Leichtigkeit agierten. Im klangschönen und graziösen Mittelsatz, einer Art langsamem Menuett, erklingt ein Thema voll betörender Schönheit und Strahlkraft, das abwechselnd und immer wieder abgewandelt von beiden Instrumenten vorgetragen wird. Dabei werden die Begleitfiguren vielfältig variiert – für die Zuhörer eine Gelegenheit zum Träumen und ein weiterer schlagender Beweis für die hoch entwickelte Spielkultur und Gestaltungstiefe des Duos, die in der ausgeprägten Coda mit einer Art Zwiesprache beider Instrumente einen glänzenden Abschluss fand. Das munter perlende Allegro vivace mit außer durch eine Fermate fast ununterbrochenem Sechzehntel-Laufwerk bildete den virtuosen Abschluss dieses Werks.

Den unbestrittenen Höhepunkt bildete nach der Pause die ausladende, mehr als halbstündige Sonate A-Dur op. 47 („Kreutzer“), deren Eingangssatz Adagio sostenuto – Presto bereits erahnen lässt, warum der Widmungsträger und Stargeiger Rodolphe Kreutzer dieses Werk für unspielbar erklärt hatte. Nach langsamem kadenzierendem Beginn durch die Violine entwickelte sich die Dramatik und Rasanz des Satzes aus scharf angezogenem Tempo im Presto-Teil, der die brillante und atemberaubende Virtuosität von Becker-Bender und Kern so richtig zur Geltung kommen ließ. Edle Tongebung der Violine, fabelhafte Bogen- und Grifftechnik und ausdifferenzierte Anschlagskultur im Klavier erfreuten hier den Hörer. Mit dem Andante con variazioni sorgte das Duo vielleicht für den eigentlichen Höhepunkt des an Superlativen reichen Konzerts. Dem nachdenklichen, in schlichter Schönheit erklingenden Thema folgten vier Variationen, von denen jede einen ganz und gar eigentümlichen Charakter aufweist, der von Klavier und Violine eindrucksvoll herausgearbeitet wurde. Besonders einprägsam dabei die zweite Variation mit filigranen, ohrwurmartigen Sechzehntelläufen der Violine, in perfekter Feinabstimmung der beiden Instrumente mit wirksamen accelerandi und ritardandi gespielt. In der vierten Variation beeindruckte Oliver Kern mit Läufen im Höchsttempo von geradezu kristalliner Transparenz, bevor in einer langen Coda das motivische Material des Satzes noch einmal zusammengefasst wird. Den glänzenden Schlusspunkt mit überbordendem Elan und loderndem Feuer setzten die beiden Spieler dann mit dem Presto-Abschlusssatz. Met­rische Punktierungen unterstreichen den formidablen Galopp in abfallenden und aufsteigenden Tonleiterfolgen, und trotz des hohen Tempos gelangen dem Duo fein ziselierte Phrasenabschlüsse.

Danach brandeten, gespickt mit vereinzelten Bravorufen, regelrechte Beifallswogen eines restlos begeisterten Publikums im Konzertsaal auf, die erst durch zwei Zugaben, der Romanze A-Dur von Robert Schumann und dem Allegro-Satz aus Mozarts Sonate A-Dur, KV 305 wieder geglättet wurden.