Lokale Kultur

"Und wieder springt der Jüngling runter"

KIRCHHEIM Grausame Könige, wilde Abenteuer und Jünglinge, die jeder Gefahr trotzen das ist der Stoff, aus dem Schillers Balladen sind. Anhand von sieben ausgewählten Texten hat der Schauspieler

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ANDREAS VOLZ

und Rundfunksprecher Michael Speer auf Einladung von Volkshochschule und Literaturbeirat dem Publikum im Kirchheimer Spitalkeller vor Augen geführt, wie Schiller aus vielen verschiedenen Versatzstücken bleibende Kulturgüter für das Bildungsbürgertum geschaffen hat.

Ob da nun Ringe oder Becher ins Meer fliegen, die Erinnyen besänftigt oder aufgestachelt werden oder ob der Mensch die Götter versucht: Die Geschichten ziehen die Zuhörer unweigerlich in ihren Bann, obwohl sie dem Bildungsbürgerpublikum eigentlich geläufig sind. Wie geläufig "Der Taucher", "Der Handschuh" oder auch "Die Kraniche des Ibykus" sind, zeigte sich sowohl beim Vortrag dieser Werke als auch beim "Bildungsbürgertest", den Michael Speer und Patrick Bebelaar, sein Partner am Flügel, als interaktiven Pausenfüller anboten. Allerdings tauchten bei diesem Test auch Titel auf wie "Der Alpenjäger", "Ritter Toggenburg" und "Der Gang nach dem Eisenhammer", bei denen sich die Frage stellte: "Schiller oder nicht?"

Bei der "Schillerschen Universal-Ballade", die Alexander Moszkowski zum 100. Todestag des Dichters vor 100 Jahren veröffentlicht hat, wird diese Frage eindeutig mit "Jein" beantwortet. Darin sind Ideen und Sentenzen aus acht Schillerballaden verarbeitet, und doch fehlt es komplett am viel geschmähten Pathos des Weimarer Klassikers. Ganz respektlos endet die Ballade damit, dass der Held nach vielerlei Abenteuern zum Meergestade zurückläuft: "Da wirft der König immer noch / Die Becher in das Strudelloch. / Und wieder springt der Jüngling runter."

Moszkowskis Parodie war gewissermaßen das Herzstück des Abends, dessen Titel "Die sieben Wege, Schillerballaden zu sprechen" sich dadurch erklärt, dass Michael Speer mit sieben Regisseuren sieben Balladen für die Bühne erarbeitet hat. Herausgekommen ist ein kurzweiliges, unterhaltsames Programm, das durch das Zusammenspiel mit Patrick Bebelaar am Flügel in jeder Beziehung gewinnt: Die Wortgewalt der einzelnen Balladen wird durch die musikalischen Übergänge unterbrochen, und auch während des Vortrags bereichert der Pianist die Dramaturgie mitunter beträchtlich.

Sieben komplett unterschiedliche Ergebnisse hat die Zusammenarbeit mit sieben Regisseuren jedoch nicht gezeitigt. Da gibt es die eher "klassischen" Inszenierungen, die den Text im Wesentlichen durch die sprachliche und mimische Ausdruckskraft eines begnadeten Schauspielers wirken lassen. Dazu gehören beispielsweise "Das verschleierte Bild zu Sais" und "Der Taucher". Beachtlich, wie dabei das gefürchtete Pathos erfolgreich zu umgehen war. So wirkte es beinahe wie Schulunterricht, als sich kein Freiwilliger meldete, obwohl der becherwerfende König hartnäckig repetierte: "ich frage wieder".

Ebenfalls wenig pathetisch, sondern eher wie die Beichte am Ende eines Fernsehspiels klang es in der Szene, in der "Ägyptens König" seinem Gastgeber Polykrates erzählt, wie er seinen Erben sterben sah, und daraus schließt: "Dem Glück bezahlt' ich meine Schuld." Besonders wirkungsvoll unter den "konventionellen" Inszenierungen war indessen der "Ibykus", vor allem durch die "schauerliche" Musik, die ganz textgetreu daherkam "des Hörers Mark verzehrend".

Auf ganz andere Art und Weise mark- und vor allem zwerchfellerschütternd waren die beiden bekanntesten Balladen inszeniert: Den "Handschuh" rezitierte nämlich "Klaus Kinski" eine lebensgroße Zombipuppe, die wie ihr Vorbild an allem etwas auszusetzen hatte, hauptsächlich an Schillers fehlender Fantasie. "Kinskis" Fantasie dagegen ging öfters mit ihm durch, etwa wenn ihm beim Stichwort "Kunigund" einfiel: "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund." Und das war noch eine seiner besseren Zoten.

"Die Bürgschaft" schließlich war als interaktives Mitmachtheater konzipiert: Für den "verpfändeten" Pianisten mussten die Zuhörer das Brautlied aus Wagners "Lohengrin" singen. Regen, die einstürzende Brücke oder die erfrischende Quelle waren als Geräusche zu erzeugen. An Personal hatte das Publikum zudem Räuber, Wanderer und Philostratus zu stellen. Einen ganz eigenen Weg ging diese Inszenierung dann auch beim finalen Problem: Tyrann Dionys, der seine Schlussworte ganz im Duktus eines Diktators aus dem 20. Jahrhundert sprach, sank noch vor dem letzten Wort zu Boden den Dolch nicht nur im Gewande, sondern auch im Rücken.