Lokale Kultur

Ungewöhnliches Krippenspiel: "Die Rache von Bethlehem"

KIRCHHEIM Ein Krippenspiel der besonderen Art durften die Besucher der Brückenhaus-Geburtstagsparty schon gut zwei Wochen vor

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IRENE STRIFLER

Weihnachten erleben: Die Projektgruppe New Limes aus Schwäbisch Gmünd stellte die beschaulich-besinnliche Weihnachtswelt ebenso auf den Kopf wie sie die Kleinstadtenge karikierte. "Die Mutter eine Nutte, der Vater ein Dieb, doch hat man mal Geld, dann ist man beliebt", rappten sechs verruchte Gestalten zum Auftakt durch die Aula der Alleenschule und ließen keinen Zweifel an ihrem bedrohlichen Vorhaben: "Die Herdmanns sind hier, wegen Hartz IV übernehmen wir das ganze Revier."

Konflikte waren da vor allem programmiert beim Zusammenprall mit einer Gruppe braver Bürgerkinder, die ihrerseits andere Ideale hatten: "Schiller, Goethe, Heine die Herdmanns, das sind Schweine." Klar natürlich, dass die jungen Biedermänner in Anwesenheit der unkonventionellen Sechs schnell die Klappe hielten und sich auch gern an einen Ort zurückzogen, der garantiert Herdmann-frei war: die Kirche.

Doch auch das änderte sich, als die Herdmanns dem Gerücht aufsaßen, der Pfarrer verteile Süßigkeiten en gros. Flugs machten sich alle sechs in die Kirche auf und trafen gerade rechtzeitig zur ersten Probe des Krippenspiels ein. Fast schon absehbar war, dass Joseph schließlich nicht, wie sonst üblich, vom örtlichen Pfarrerssohn gespielt wurde. Vielmehr ertrotzte sich dessen Rolle der tätowierte Ralf, seines Zeichens Boss der Bande. Maria wurde von niemand anderem gespielt als der marihuanakiffenden Eugenia mit knallbunter Punkerfrisur. Sämtliche Vorurteile spiegelten sich in den Bemerkungen der Kleinstadtbewohner, die die Herdmanns eher in der Jugendstrafanstalt als im Krippenspiel gewusst hätten.

Allein die Organisatorin des Krippenspiels glaubte letztlich an ihre ungewöhnliche Truppe, mit deren Hilfe sie nicht ganz uneigennützig das tollste Krippenspiel auf die Beine zu stellen hoffte, das diese Kleinstadt je gesehen hatte. So wurde den bislang von christlicher Tradition unbeleckten Herdmanns die Weihnachtsgeschichte nähergebracht. Die wiederum reagierten ehrlich empört auf manches, das der Kenner der Szenerie einfach hinnimmt. Warum sie denn nicht mitreden dürfe bei der Namensgebung ihres Kindes, empörte sich beispielsweise Maria und machte keinen Hehl aus ihrer Ansicht: "Ich hätt' ihn Mohammed genannt."

Der Engel des Herrn eilte als Batman der Rächer über die Bühne, und die Wut der ganzen Gruppe galt dem ungerechten Herodes. Auch um einen neuen, etwas reißerischen Titel, waren die Herdmanns nicht verlegen: "Die Rache von Bethlehem" titelte Hedwig. Als dann noch Zigarrenrauch aus dem Damenklo wahrgenommen wird, muss die Feuerwehr ausrücken, findet jedoch nur einen verkohlten Apfelkuchen in der Kirchenküche. Spätestens von da an galt die Sympathie des Publikums der schrillen Truppe, die letztlich das Krippenspiel spontaner denn je gestaltete und so einen vollen Erfolg erzielte.

Die schrille Weihnachtskommödie entlockte den Gästen so manchen spontanen Lacher, hielt aber auch jedem den Spiegel vor. Die Besucherinnen und Besucher der Kirchheimer Aufführung amüsierten sich vortrefflich und ließen sich schließlich zu einem gemeinsamen, fast versöhnlichen, auf jeden Fall aber weihnachtlichen "Stille Nacht" hinreißen.

Erfolgreich mit dem Stück "Herdmann2" ist seit einem Jahr die Projektgrupe New Limes, die im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft zur Beschäftigungsförderung im Ostalbkreis agiert. Ziel ist, die Teilnehmer in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren beziehungsweise vorhandene Fähigkeiten zu vertiefen und neue zu vermitteln. New Limes hatte bereits am Vormittag eine Aufführung für die Schüler gegeben.

Im Anschluss ans Theater präsentierten "Raphi & Jörg" ein Konzert. Fast schon familiäre Bande bestehen zwischen dem in Kirchheim allseits bekannten Coverduo und dem Brückenhaus, ist doch Jörg Weigele Expraktikant der Einrichtung. Mit musikalischen Schwerpunkten auf Oldies aus den 60ern und 70ern, passte sich das junge Duo bestens der Zielgruppe der Veranstaltung an, sodass die Stimmung von Anfang an garantiert war und das Tanzbein bis spät in die Nacht überaus eifrig geschwungen wurde.