Lokale Kultur

Unmöglich und doch ein Vergnügen

Das Concerto der Kirchheimer Stadtkapelle sorgte für uneingeschränkte Begeisterung

Kirchheim. Am einfachsten wäre zu sagen: Toll, einfach toll war es wieder einmal, bei der Kirchheimer Stadtkapelle zu sein. Harry D. Bath hat wieder einmal mehr bewiesen, dass er von Konzert zu Konzert immer dass er von Konzert zu Konzert im-

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ERNST LEUZE

mer noch mal zulegt. Ja, es fehlen einem fast die Worte, angemessen zu beschreiben, was im Rahmen der Veranstaltungsreihe Tastatour in der Kirchheimer Stadthalle zu erleben war.

Ein Konzert für Violine und Blasorchester: Unmöglich, nie und nimmer kann das funktionieren, so intensiv es auch beworben wurde. Fast unmöglich auch, anders zu denken bei der Szene: Ein Geiger, stellt sich, zum Äußersten entschlossen, dem Kampf zwischen seinem Geiglein und einer hoch gerüsteten Truppe von nicht zimperlichen Bläsern und Perkussionisten.

Der Komponist Stephen Melillo nordamerikanischer Provenienz, im Hörsaal so zu Hause wie im Jazzclub, lässt seine Bataillone antreten unter dem obskuren Titel „Tormentation“, was so viel bedeuten mag wie „Quälung, Peinigung“. Tatsächlich geht es auch gleich zu wie im Gruselfilm. Nie gehörte Klänge quellen aus den tiefsten Regionen. Der Geigenheld flüchtet sich in die allerhöchste Lage, hart am Ende des Griffbretts. Dort ist er unangreifbar. Mögen die Bläser noch so wüten und schäumen – der allerhöchste Geigenton schwebt völlig unangefochten über dem wilden Getümmel. Doch so hatten wir nicht gewettet. Wir wollen doch etwas Spannendes erleben.

Kaum gedacht, geht es schon los: Joachim Schall entfesselt sein Instrument, zeigt allen, wo der Hammer hängt, rast wie besessen über die Saiten, schrillt, schluchzt, heult, gurgelt und – o Wunder – setzt, während das Bläserheer die Wunden leckt, eine Tritonus-Episode in den Raum von solch überirdischer Reinheit, dass spätestens in diesem Moment klar wird: Hier spielt ein Liebling der Götter. So geht es weiter.

Wir hören überirdisch reine Septimen und Nonen, kleine und große, teuflische Dissonanzen werden zu purer Engelsmusik. Gegen diese erhabene Klarheit kann die Hölle der Lautstärke nichts mehr ausrichten. Im Gegenteil. Kaum hatten die tiefen Register gezeigt, dass sie im Eifer auch einmal weniger sauber spielen können, kommt der Violinstrahl – und wie durch Zauberkraft spielen alle so rein wie fast noch nie. Wunder der Musik? Ja, unbedingt. Allein schon das zu erleben machte dieses Concerto zum unvergesslichen Ereignis.

Was spielt es da noch für eine Rolle, dass die drei Sätze des Werkes mehr als Aneinanderreihung von musikalischen Episoden anmuten, als einen bezwingenden Bogen zu spannen? Diese Einzelteile sind so tollkühn und abartig virtuos in der intrikaten Verzahnung ihrer Motive, dass man sich in einem surrealen Irrgarten wähnte, in dem die Akteure nur unter der souveränen Hand des Stadtmusikdirektors und unter dem Beistand eines wahrhaftigen rocher de bronce mit seiner Zaubergeige wie durch ein Wunder den Ausgang fanden, der zurecht frenetisch bejubelt wurde. So unglaublich der Bericht klingt, die Musik und das Spiel waren noch viel unglaublicher.

Was sollte da nach der Pause überhaupt noch kommen können? Ein Klassiker, Gustav Holsts erste Suite für Blasorchester. Bei der eröffnenden Chaconne zauberte das tiefe Blech – ein Sonderlob den Tuben – einen derart geschmeidigen, sonoren Klang, dass des Rezensenten Organistenherz höchst erfreut war.

Auch die darauf folgenden Variationen standen in bester Orgeltradition, wie wenn die Bläser hätten sagen wollen: Hört her, auch das können wir. Das Intermezzo bot einen herrlichen Reigen schönster Melodien und auch der schmissige Marsch war ein Labsal für harmoniesüchtig gewordene Ohren.

Die geniale Verbindung von Melodienseligkeit und gepfefferten Klangfarbenexzessen brachte das Schlussstück „Terpsichore“ (Muse des Tanzes), so der gelehrte Originaltitel einer Tanzsammlung von Michael Praetorius aus dem 16./17. Jahrhundert.

Bob Margolis, Kenner offensichtlich der hochbedeutenden nordamerikanischen Alte-Musik-Szene, instrumentierte die leichtgeschürzten Sätze so überwältigend kongenial, dass keinerlei Verfremdung spürbar wurde, sondern die urige Farbigkeit des Renaissanceorchesters mit den modernen Instrumenten neu erstand. Da reihte sich eine Perle an die andere.

Ein Blockflötensolo wagemutig improvisiert von Sabine Märkle, die wenig später ihrem Piccolo die verrücktesten Klänge entlockte und sich alsbald wieder unauffällig in den Flötenchor einreihte, das Ensemblestück des „Posaunenchors“ unvergesslich prächtig, die ätherische Flötengruppe mit Bassflöte, Oboen- und Fagottgeschnatter, Trompetengeschmetter, auch fein gedämpft, Flügelhorn­eleganz, Klarinettengesäusel, und unzählige andere superbe Klangkombinationen; die extravaganteste: Xylofon und Fagotte – einfach umwerfend.

Für den eher analytisch lauschenden Besucher indes waren die rotzfrechen Zwischenspiele Quelle größter Lust. Extrakompliment an die superpräsenten Perkussionisten. Ja, und nicht nur die Organistenherzen haben sich gefreut, als unvermutet in der Stadthalle eine Orgel erklang. Nein, kein elektronischer Ersatz, sondern ein leibhaftiges Pfeifeninstrument, die Truhe des Fördervereins Kirchenmusik, aus dem Geist der Renaissance geboren, mittentönig gestimmt und gespielt von Ralf Sach, der, fantasievoll mit der Vorlage improvisierend, sich nicht nur vollendet in den Ablauf einfügte, sondern einen Hauch von Authentizität durch den Raum wehen ließ – das Sahnehäubchen kurz vor Schluss des Abends.

So spektakulär das Ende des „Concerto“, so elektrisierend sein Beginn. Rossinis populäre Ouvertüre zur Oper „Die Italienerin in Algier“. Innerhalb einer Millisekunde Spannungsanstieg bis zum Grenzwert. Wie werden die Bläser es schaffen, die feinziselierten Streicherfiguren „rüberzubringen“? Erste Erlösung: das Oboensolo von Clarissa Bath, endgültige Erlösung die höchstmusikalischen Schläge auf die Gran Cassa. Es war das erste von vielen musikalischen Bravourstücken, mit denen Vanessa Wünsch das Publikum in Erstaunen versetzte. Ihre traumwandlerische Musikalität strahlte aus auf das ganze Orchester, ob sie nun Triangel, Marimbafon oder Röhrenglocken traktierte. Ein unglaubliches und beglückendes Phänomen.

Kann es nach diesem Konzert überhaupt noch eine Steigerung geben? Ach was, so wachstumsversessen wollen wir gar nicht sein. Wäre es das nächste mal nur halb so gut, müssten wir immer noch sagen: Hervorragend. Zum Glück gibt es auch noch außermusikalische Faktoren, die für ein Konzert wichtig sind und noch weiterentwickelt werden könnten: Programm und Conférence.

Eines aber ist sicher: So lange Harry D. Bath in die Stadthalle bittet, gibt es nur eine Devise: Dick anstreichen im Terminkalender und auf keinen Fall versäumen.