Lokale Kultur

"Uns ist in alten maeren wunders vil geseit . . ."

KIRCHHEIM Das Nibelungenlied lebt wieder auf. Im letzten Jahr wurde im Badischen Landesmuseum die "Welt der Nibelungen" beschworen, ein spektakulärer Nibelungenfilm jagt den Leuten Schauder über den Rücken, jüngst hat sogar der Spiegel aus den Nibelungen eine etwas wirre Titelgeschichte gemacht. Was ist uns, darf man da fragen, "in den alten maeren" eigentlich überliefert?

Anzeige

Die Buchhandlung Zimmermann bietet dazu das Nibelungenlied in Fortsetzungen an. Dr. Zimmermann wird den Text in einer Übersetzung anbieten, die mittelhochdeutsche Eigenart der Dichtung erklären und das Heldenepos als Kunstwerk in seiner Zeit würdigen. Der erste Abend hat dazu ein Grundverständnis hergestellt, denn es herrscht eine groteske Begriffsverwirrung. Man weiß zwar von Siegfried und Kriemhild, vielleicht auch von Brünhild und ihrer peinlichen Hochzeit mit König Gunther, am ehesten noch vom Mord an Siegfried. Hagen sei ein feiger Meuchelmörder. Stimmt das? Die Geschichte endet in einem grauenhaften Gemetzel. Warum?

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde gar ein merkwürdig missverstandenes Nibelungenlied zum deutschen Nationalepos erhoben, ein schönes Nationalepos, das auf Betrug, Verrat, Mord und Ausrottung einer ganzen Völkerschaft gründet! Zum Grundverständnis gehört, dass das Nibelungenlied in seiner elementaren Substanz nicht in der höfischen Maienseligkeit der Artusromane angesiedelt ist wie etwa Wolframs "Parzival", sondern in der herben Landschaft der Heldendichtung.

Heldensage, Heldenlied und Heldenepos bilden die Gattung. Heldensage bewahrt uraltes geschichtliches Bewusstsein, das bis in die Völkerwanderungszeit zurückreicht. Im Heldenlied gewinnt die Heldensage dann dichterische Gestalt. Das setzt sich fort im Heldenepos, das an Fülle zunimmt und zum Buch wird. Das Menschenbild der Gattung ist heroisch; die Grundstimmung tragisch. Wie könnte man anderes erwarten? Die Überlieferung erfolgt zunächst mündlich. Daher rührt die Formelhaftigkeit, die den Sängern beim Vortrag Halt gab.

Dem aristokratischen Charakter der Heldendichtung entspricht es, dass die Völkergeschicke der Zeit zurücktreten müssen hinter der Persönlichkeit und dem Erlebnis Einzelner. Die Helden erleben diese Konflikte aber nicht privat, sondern in ihrer geschichtlichen Rolle für die Gemeinschaft. Das Individuum ist noch unentdeckt. Noch wird kein moralischer Maßstab angelegt. Es herrscht strenge Objektivität, die sich aber im Nibelungenlied aufzulösen beginnt.

Heldenepos und höfisches Epos sind zunächst grundverschieden. Der gewollten Kunstmäßigkeit des höfischen Epos steht das keineswegs festgefügte Heldenepos gegenüber, dem selbstbewussten Dichter der anonyme Autor und Bearbeiter. Deshalb ist das Heldenepos ständig in Bewegung. Es nimmt auf und stößt ab, es wird erweitert, umgeschmolzen, umgearbeitet.

Zwei große Sagenkreise, der von Siegfried und der vom Untergang der Burgunden, sind im Nibelungenlied vereinigt worden. Aber nicht alle Fugen und Widersprüche sind geglättet. Das Nibelungenlied vereinigt noch die klassischen Züge der Heldendichtung. Als überreife Spätform wächst es aber schon darüber hinaus. Noch sind seine Gestalten Helden, die durch Tatendrang, Dämonie und Schicksal zu übermenschlichen Leistungen vorherbestimmt scheinen.

Noch sind sie nicht beispielhaft als Vorbilder im Sinne des Allgemein-Menschlichen, sondern bewundernswert an sich. Aber der Dichter zeichnet schon differenzierte Charaktere. In Hagen gelingt ihm die Darstellung der großen dämonischen Persönlichkeit. Die Riesengestalt der Brünhild scheint ihm unheimlich zu sein. Seine Idealgestalt der Weiblichkeit ist die junge Kriemhild.

Wie aus dem zarten "vil edel magedin" die blutbesudelte Mörderin wurde, ist die größte charakterologische Leistung im weiten Umkreis der Heldendichtung. Mit einem Blick auf die Handschriften, mit einer Begründung, weshalb die ehrwürdige, gereimte Übersetzung Karl Simrocks bei allen ihren Mängeln der ursprünglichen Darbietungsform am nächsten kommt und mit einem "Probelauf" durch die ersten beiden Aventiuren schloss der Abend.

Das Grundverständnis ist damit hergestellt. Die Voraussetzungen sind geschaffen, dass die Lektüre im Frühherbst mit Riesenschritten vorankommt.

pm