Lokale Kultur

"Unser einziger Weg ist der gewaltsame Widerstand"

KIRCHHEIM "Ich hätte nicht gedacht, dass es in Kirchheim so einen großen Aufstand gab, dass da so viel passiert ist", sagt Jascha über die Ereignisse des Bauernkriegs am Fuße

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ANDREAS VOLZ

der Teck, deren mittelalterliche Gebäudesubstanz eben seit dem Bauernkrieg 1525 zerstört ist. Der Grund, warum sich Jascha so intensiv mit der Rebellion im Südwesten beschäftigt hat, klingt zunächst nicht sonderlich spannend: Das Thema steht auf dem Geschichtslehrplan für die 8. Klasse. Was ihm und seinen Klassenkameraden von der 8c des Ludwig-Uhland-Gymnasiums den Bauernkrieg sehr viel näher gebracht hat als ein bloßer Blick ins Geschichtsbuch, war eine Art Zeitreise. Sie hatten die Aufgabe, sich mehr als 480 Jahre zurückzuversetzen und eine fiktive Teckboten-Ausgabe aus dem Jahr 1525 zu erstellen.

Was dabei herausgekommen ist, sind Stellungnahmen "Betroffener" oder auch ein "Exklusiv-Interview" mit Martin Luther. In heutigem Deutsch begründet der Reformator darin, warum die Aufständischen, die sich fälschlicherweise auf seine Freiheitslehre berufen hatten, den Tod verdient haben: "Weil sie Unruhestifter sind, sich an fremdem Eigentum vergreifen und Gotteshäuser ausrauben. Sie sind Straßenräuber und können mit ihrem Aufruhr das ganze Land untergehen lassen."

"Luther", der hier besonders für Recht und Ordnung eintritt, argumentiert ganz im Sinne des Adels, der sich darauf beruft, dass die Ständeordnung schließlich gottgewollt sei: "Wir wollen den Bauern keine Zugeständnisse machen", heißt es in einer der vielen verschiedenen fiktiven Zeitungsausgaben, die da am Ludwig-Uhland-Gymnasium entstanden sind. Und das klingt ziemlich aktuell, wenn man sich statt eines Bauernaufstands eine tarifliche Auseinandersetzung vorstellt. Weiter steht in der adligen Stellungnahme: "Die Bauern haben keinen Grund sich zu beklagen, sie brauchen nicht einmal Kriegsdienst zu leisten. Wir beschützen sie vor angreifenden Feinden und bieten ihnen unsere Hilfe an. Dass alle diese Wohltaten nicht umsonst zu haben sind, sollte allen klar sein."

Wie es sich für eine ausgewogene Berichterstattung gehört, kommt in den Zeitungen der Klasse 8c natürlich auch die Gegenseite zu Wort. "Wir Bauern fühlen uns durch das System der Grundherrschaft unterdrückt, sie spricht uns die Menschenwürde ab", schreiben die Wortführer der Aufständischen und greifen dabei politisches Gedankengut auf, das erst Jahrhunderte später vollends entwickelt war. Mit drastischen Beispielen schildern sie anschließend ihre Not: "Die Adeligen beuten uns arme Bauern aus. Sie füllen sich ihre eigenen Taschen. Sie werden immer reicher und wir immer ärmer. Wir können leider gegen die Grundherren nicht juristisch vorgehen, weil diese selbst Richter sind. Unser einziger Weg in die Freiheit ist der gewaltsame Widerstand."

Diese und ähnliche Texte haben die Schüler selbst verfasst, angeregt durch Lehrmaterial, das ihnen ihr Geschichtslehrer, der Referendar Alexander Reichert, an die Hand gegeben hatte. Er selbst hält es zwar nicht für gänzlich unproblematisch, "mit Anachronismen zu arbeiten", sieht aber den großen Vorteil, dass seine Schüler dadurch eigenständig arbeiten konnten. Der Lernerfolg gibt ihm durchaus recht: "Die Bauern haben Luther falsch verstanden", sagt Cornelia ohne lange zu überlegen und das, obwohl die Unterrichtseinheit schon einige Zeit zurückliegt.

Dabei haben sich die Schüler aber nicht nur die Inhalte der Geschichtsstunden vergegenwärtigt. Vielmehr haben sie auch selbstständig weitergedacht und sich ihre eigene Meinung gebildet. "Ich finde, er übertreibt es ziemlich", meint Jascha im Hinblick auf Luthers reaktionäre Haltung und verteidigt die aufständischen Bauern aus seiner heutigen Sicht: "Ich finde es okay, dass sie sich wehren." Luisa stimmt damit prinzipiell überein, relativiert ihre Aussage jedoch, um Ausgleich bemüht: "Die Mittel sind vielleicht nicht die allerbesten, aber sie hatten keine andere Chance, sich zu wehren."

Flucht nach vorn, lautet also die Devise, an die sich die Schülerinnen und Schüler nun in den Sommerferien auch selbst halten können, nachdem sie schon so gut ins Thema eingearbeitet sind: Schließlich sind sechseinhalb Wochen eine lange Zeit, um sich in ebenso dicke wie interessante Bücher über den Bauernkrieg zu vertiefen. Hauptsache, die Bücher sind nicht allzu fiktiv.