Lokale Kultur

Unterhaltsame Begegnung mit "Caspar"

KIRCHHEIM Nein, einen schweizerischen Akzent hat Beate Rothmaier noch nicht angenommen, wenn die Wahlzüricherin und gebürtige Ostschwäbin aus "Caspar" liest. In diesem Roman geht es um eine

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PATRICK TRÖSTER

historisch verbürgte Person, den Caspar, der von seiner Mutter 1792 im "Schwanen" zu Exenheim zurückgelassen wird mit einem Zettel um den Hals mit der Aufschrift "Vom Bortzlanmacher Schwartz, Wellische Schweiz".

Drei Stellen trug sie aus dieser kraftvollen Erzählungen vor: Die Szene im Gasthaus, das Leitmotiv der Flucht und ein fehlgeschlagener Versuch, vom Hof des Bauern Melcher zu fliehen und die Feuersbrunst der Fayence-Fabrik. Caspar ist ein einfacher, ungebildeter, aber mit wachen Sinnen ausgestatteter Mensch, der von seiner Umwelt herumgestoßen und ausgebeutet wird. An dieser Figur entwickelt die Autorin für diesen historischen Heimatroman wenn man sich einer Etikette bedienen will die charakteristische etwas altertümliche und leidenschaftliche Sprache.

Mit barocken Sprachanklängen und sanften Einschüben an Mundartlichem umreißt Beate Rothmaier die Handlungsepoche schemenhaft, und mit dem Drang, farbige Adjektive und treffende Verben bis zur expressionistischen Verzerrung einzuflechten, beschreibt sie die Welt und das Erleben des Heimatlosen.

Parallel dazu baut die Autorin auf die Kraft ihres Prosarhythmus', mit dessen Hilfe sie wesentlich die Erzählgeschwindigkeit bestimmt. Kurze, einsilbige Sätze wirken stockend, manchmal auch hämmernd; lange, unterteilte und mit mehrsilbigen Worten gespickte wirken strömend, schnellend oder auch gehetzt. Mit diesen Stilmitteln baut sie eine realistische Kulisse, die beim Zuhörer starke, dreidimensionale, sinnliche Bilder hervorrufen. Und darin lag die Faszination dieser Lesung: die Leute lauschten gebannt und blickten verinnerlicht ihren Bildern nach.

Mit "Caspar" greift Beate Rothmaier eine literarische Tradition auf, die im Realismus wurzelt und im postmodernen Historismus ihre Brechung erfährt. Doch ebenso sehr greift ihre Erzählweise auf Erfahrungen des Films im 20. Jahrhundert zurück: wie ein Regisseur lenkt sie mit ihrem Objektiv und der Kameraführung im Hintergrund die Erzählung und bewertet Gegenstände, vergrößert und verkleinert sie, bestimmt die Verweildauer der Tableaus und fügt Bild um Bild zu einem Sinn- und Sinnesstreifen zusammen.

Ja, und dann erfuhren die Besucher des Literaturmuseums bei der die Lesung abschließenden Fragerunde, dass sie bereits an einem zweiten Roman arbeitet. Dank eines Stipendiums der Stadt Zürich und des Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg, mit denen sie für ihr Erstlingswerk ausgezeichnet wurde, kann die zweifache Mutter sich weiter aufs Schreiben konzentrieren.