Lokale Kultur

Unterschiedliche Ansätze, die sich doch magisch anzuziehen scheinen

WENDLINGEN Bis einschließlich Sonntag, 26. März, präsentiert der Galerieverein Wendlingen mit Stefanie Seiz-Kupfer und Clemens Schneider "zwei unterschiedliche Künstler mit unterschiedlichen Ansätzen in der Kunst". Mit diesen

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GABY KIEDAISCH

Worten begrüßte Ursula Vaas-Hochradl die Besucher der Vernissage in der Galerie der Stadt. Bevor Winfried Stürzl in die Ausstellung einführte, stellte das Vorstandsmitglied zunächst die beiden Künstler vor.

Beide sind keine Unbekannten in Wendlingen, bemerkte Ursula Vaas-Hochradl. Stefanie Seiz-Kupferer hat auf dem Otto-Areal ein Atelier, das derzeit jedoch leer steht, nachdem sie seit 2004 ein dreijähriges Atelierstipendium vom Kreis Esslingen erhalten hat. Im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Arbeit steht die Seidenspinnerraupe. Die Künstlerin beobachtet und untersucht dabei die unterschiedlichen Stadien der Raupe. In der Wendlinger Ausstellung sind ihre dreidimensionalen Kokons und Zeichnungen zu sehen.

Clemens Schneider, der in der Galerie mit zahlreichen großformatigen Bildern aus Öl auf Jute und ebenfalls Bleistiftzeichnungen vertreten ist, bestritt vor einigen Jahren die Einlage zu einer Ausstellung mit einer Klanginstallation. Beide Künstler waren bei der Vernissage anwesend, obwohl Clemens Schneider seinen neuen Lebensmittelpunkt in Dublin hat. Der Kunsthistoriker Winfried Stürzl kennt beide Künstler schon seit längerem persönlich. Stefanie Seiz-Kupferer ist in der Ausstellung mit drei Werkgruppen vertreten, im Ober-, Erd- und Untergeschoss. Im Erdgeschoss wird der Besucher mit cremefarbenen Gebilden aus versponnenen Baumwollfäden aus den Jahren 2001/2002 konfrontiert. Sie erinnern Winfried Stürzl in ihrer embryonalen Form an überdimensionale Kokons von Schmetterlingsraupen. Bei genauem Hinsehen finden die Beobachter die Lemniskatenform in der Netzstruktur vor, ähnlich wie die Raupen ihre Fäden in Achterbewegungen übereinander schichten.

Bei ihren Studien dieser Metamorphose macht sich Stefanie Seiz-Kupferer die Formprinzipien der Natur zu Eigen, konstatierte Winfried Stürzl. Neueren Arbeiten liegt Stefanie Seiz-Kupferers phänomenologisch-künstlerischer Ansatz zwar immer noch zu Grunde, doch nun hat sich die Form von der allzu strengen Anlehung an Naturformen gelöst. Gut nachvollziehen lässt sich das an der Installation "Turning inside out" im Untergeschoss. Im abgedunkelten Raum schwebt ein Netz aus organoiden konkaven und konvexen Formen, das selbst zu leuchten scheint und den Eindruck des Immateriellen steigert, erklärte Stürzl.

Seine Leuchtkraft erhält das über fünf Meter lange, über drei Meter breite und 1.50 Meter hohe Gebilde durch eine phosphorisierende Behandlung und durch Schwarzlichtbestrahlung. Extra für die Wendlinger Ausstellung hat die in Stuttgart geborene Künstlerin ihre jüngste Arbeit im Obergeschoss angefertigt: "White Cube". Statt sich wie bisher an organischen Formen zu orientieren, greift sie eckige, geometrische Formen auf. Vier weiße, zwei auf zwei Meter große Netzwerke, in vier Schichten hintereinander aufgehängt, ergeben einen Kubus.

Für Stefanie Seiz-Kupferer, die über ihre Arbeit selbst sagt, dass sie in der Natur in die Lehre gegangen ist, stehen formale Fragen im Vordergrund. Der Bezug zum Raum ist ihr dabei wichtig: Mit ihrer Kunst versucht sie, ein Spannungsfeld dazu zu schaffen. So gegensätzlich die beiden Ansätze in der Ausstellung filigraner Objekte von Stefanie Seiz-Kupferer und Malerei von Clemens Schneider zunächst erscheinen, werden bei genauer Betrachtung Berührungspunkte deutlich. Beide Künstler arbeiteten mit dem Mittel der Verunsicherung im Bereich der Wahrnehmung und konfrontierten die Betrachter mit ihren eigenen Erwartungen, erklärte Winfried Stürzl.

Bei Clemens Schneiders Arbeiten beeindrucken zunächst die Farben. Schneider bedient sich einer breiten Palette von Farben, von pastelligen über kräftige bis hin zu schreienden Farbtönen. Bei bisweilen schreienden Leuchtfarben können sich die Betrachter kaum des Eindrucks erwehren, dass sie sich einer zweidimensionalen Explosion gegenüber sehen. Aufgrund der Lasurtechnik entsteht auch der Eindruck, dass die Farben ineinander fließen, wie bei Aquarellen. Dieser Effekt werde von Clemens Schneider bewusst erzeugt, stellte der Kunsthistoriker fest, denn tatsächlich seien die Partien absolut präzise gearbeitet.

Unterstützend zu seiner Arbeit setzt der Künstler Musik ein. Während er den Pinsel schwingt, hört er neuere klassische Musik und Freejazz und setzt die Musikklänge intuitiv um. Die Faszination, die von Clemens Schneiders Ölbildern ausgehen, besteht darin, dass die Ausstellungsbesucher glauben, in der Abstraktion der Bilder das eine oder andere Gegenständliche erkennen zu können wie eine Landschaft oder ein Gesicht. Doch genau in dem Moment, in dem sie meinen, etwas visuell erfassen und gedanklich begreifen zu können, ist die Illusion auch schon dahin. Erwartungshaltungen schüre Clemens Schneider auch auf ästhetischer Ebene, erläutert Wilfried Stürzl. "Seine Arbeiten vermittelten auf den ersten Blick eine helle, freundliche Farbigkeit".

Die aquarellige Malweise unterstütze dies, da mit ihr häufig harmlose Landschaftsbilder in Verbindung gebracht würden. Keineswegs seien seine Bilder jedoch harmlos. In seiner Erwartungshaltung kippten die Bilder nicht selten ins Bedrohliche. Den Betrachtern eröffne sich eine surrealistische Scheinwelt, die sich nicht greifen lasse. Bewusst verzichtet Clemens Schneider auf thematische Bezüge. Die Betrachter sollen sich unvoreingenommen auf ein Bild einlassen können und nicht abgelenkt werden.

Mit gregorianischem Gesang auf Latein bereicherte die Knabenschola aus Neuhausen die Vernissage. Geleitet wird der elfköpfige Chor von Kirchenmusikdirektor Markus Grohmann. Ein Künstlergespräch mit Stefanie Seiz-Kupferer und Clemens Schneider wird am Sonntag, 12. März, um 15 Uhr in der Weberstraße 2 angeboten. Geöffnet ist die aktuelle Ausstellung mittwochs bis samstags von 15 bis 18 Uhr, sowie an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.