Lokale Kultur

Verboten, verbrannt, verfolgt

Lesung des Literaturbeirats der Stadt Kirchheim am Jahrestag der Bücherverbrennung

Kirchheim. Zum vierten Mal veranstaltete der Literaturbeirat der Stadt Kirchheim unter dem Motto „Bücher aus dem Feuer“ eine Lesung anlässlich des Jahrestages zur Bücherver-

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Ingrid Stojan

brennung durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933. Engagierte Bürgerinnen und Bürger lasen Texte von Autoren, deren Bücher damals verbrannt wurden.

Geplant und durchgeführt von der Deutschen Studentenschaft, wurden am 10. Mai 1933 in Berlin und vielen anderen deutschen Universitätsstädten Werke des „undeutschen Geistes“ den Flammen übergeben. Weit über 20 000 Bücher von jüdischen, kommunistischen, pazifistischen, sozialdemokratischen Autoren zerfielen allein in Berlin zu Asche. Darunter waren auch die Bücher von Erich Kästner. 1966 erinnert er sich: „Im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Staatsoper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster-feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners.“

Statt eines „umfangreichen Grußwortes“ zitierte Günter Riemer, der Erste Bürgermeister der Stadt Kirchheim, bei der Eröffnung der Veranstaltung die Erinnerungen Erich Kästners und stellte dem Szenarium von 1933 „Demokratie und Toleranz“ heute und in der Zukunft entgegen. Diese Werte wurden damals mit Füßen getreten: Schon im Dezember 1926 wurde das „Schmutz- und Schundgesetz“ erlassen, das angeblich Kinder und Jugendliche vor jugendgefährdenden Schriften schützen sollte.

Es veranlasste Hans Bötticher, besser bekannt unter dem Namen Joachim Ringelnatz, zu seinem Gedicht „Auskehr“, in dem es heißt: „Mumm gedachte dumm gedachte Menschen sollen . . . helfen gegen Schmutz und Schund. . . . Herrschen wollen sie und peinigen. . . . Sagen wir nur: Nein!“ 1935 wurde dieses Gesetz aufgehoben. Mit der Errichtung der Reichskulturkammer verfügten die nationalsozialistischen Machthaber über ein wirksameres und umfassenderes Instrument zur Kontrolle des in Deutschland veröffentlichten Schriftentums.

„Begräbniswetter“, so Erich Kästner, herrschte am 10. Mai 1933. Am Tag der Lesung war es mehr als ein bloßer Regen: Ein Unwetter vertrieb die Zuhörer und Zuhörerinnen – und die Vorlesenden – nach dem ersten Beitrag zunächst unter die Arkaden und dann in den Sitzungssaal des Rathauses. Ein spontanes Dazugesellen weiterer Interessierter, wie eigentlich gewünscht und erhofft, war damit nicht mehr möglich; der Kreis der fast dreißig Zuhörenden konnte sich im „sturmfreien“ Sitzungssaal nicht mehr erweitern.

10. Mai 1933 – Erich Mühsam, einer der Autoren, dessen Bücher im Scheiterhaufen loderten, ist da schon tot: Er, dessen Texte auch am Anfang der Lesung standen, gehört zu den ersten Opfern des NS-Regimes. Bereits in der Nacht des Reichstagsbrandes im Jahr 1933 wird der Mitstreiter der Münchner Räterepublik verhaftet. „Sich fügen heißt lügen“ schreibt er in einem seiner Gedichte und steht zu dieser Auffassung, zur „Selbstverantwortung“, die er in einem Prosatext beschwört, auch noch, als er am 10. Juli 1934 nach grausamen Folterungen im KZ Oranienburg erhängt wurde.

„Damals folterte man die wirklichen Schriftsteller, die man als Geisel besaß, Carl von Ossietzky und Erich Mühsam, noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Man folterte insgeheim und verbrannte öffentlich nur bedrucktes Papier.“ In seinem Gedicht „Ich lade euch zum Requiem“ prophezeite Erich Mühsam: „Wer Zukunft schuf, bleibt unvergessen. Erst die Geschichte hält Gericht“. Tatsächlich dauerte es lange, bis auch er, der „Mahner“ und „Revoluzzer“, so die Titel zweier seiner Gedichte, nach seinem Tod literarische und politische Anerkennung fand.

Anders sah es zunächst bei Irmgard Keun aus. Ihr erster Roman „Gilgi – eine von uns“ war 1931 der Sensationserfolg in Deutschland und machte sie über Nacht berühmt. Kurt Tucholski lobte die 21-jährige Autorin in der „Weltbühne“: „Eine schreibende Frau mit Humor, sieh mal an. Hurra. Hier ist ein Talent. . . . aus dieser Frau kann einmal was werden.“ Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war sie 23. Ihre Bücher wurden verboten, sie wurde festgenommen, verhört, gefoltert, doch sie hielt stand; „Heil Hitler – bei mir nicht.“ und sie überlebte.

Doch 1977 beklagte Jürgen Serke in seinem Buch „Die verbrannten Dichter“ noch, dass „eine ganze Generation von Schriftstellern“ – unter ihnen Erich Mühsam, Klabund und Irmgard Keun – „aus dem Bewusstsein des deutschen Volkes“ getilgt wurde. Umso erfreulicher ist es, dass man heute viele, wenn auch längst nicht alle von ihnen kennt und dass sie auch in den Schulen wieder vertreten sind.

So war Alfred Henschke, Klabund, dessen Gedichte, Chansons und Bänkellieder das „pralle Leben“ vom Berlin der zwanziger Jahre widerspiegeln, dieses Mal mit dem „Lied der Harfenjule“ vertreten. Er setzte damit der historischen Harfenjule, einer blinden Berliner Straßensängerin, ein literarisches Denkmal: „Und so dreht sich meine Spule, tief vom Innersten bewegt, bis die Alte Harfenjule einst im Himmel Harfe schlägt.“

Das Spektrum der Texte, die gelesen wurden, war sehr breit, wie Renate Treuherz, die Sprecherin des Literaturbeirats, anmerkte. Gedichte waren ebenso vertreten wie die unterschiedlichsten Prosatexte, und natürlich fehlten auch die bekannten Namen nicht: Sie reichten von Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Heinrich Heine, Thomas Mann und Karl Marx über Kurt Tucholsky bis hin zu Stefan Zweig.

Der Keuner-Geschichte „Wenn die Haifische Menschen wären“ und der „Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King“ folgte ein Auszug aus „Berlin Alexanderplatz“, nach dem „Rabbi von Bacharach“ wurden die „Buddenbrooks“ vorgestellt, kontrastiv dazu dann Auszüge aus dem Kommunistischen Manifest. „Ein deutsches Volkslied“ war ebenso vertreten wie die „Sternstunden der Menschheit“. Bei Oskar Maria Grafs „Ein handgreiflicher Beweis“ können die Zuhörenden schmunzeln, wenn sie erfahren, dass eine Narbe, auf der der Angeklagte sitzt, den Heiratsschwindler überführt. Bei Kurt Tucholskys Text „Jemand besucht etwas mit seinem Kind“ hingegen kommt Beklommenheit und tiefstes Mitgefühl auf, wenn sich der Vater an den tagelangen Todeskampf seines besten Freundes im Schützengraben erinnert, dem er hilflos zusehen musste.

Oskar Maria Grafs Erzählungen sind im Kontrast dazu oft von einem „derben Humor“ und einer „deftigen Erotik“ geprägt. Er ist, zumindest auf den ersten Blick, unpolitisch, volkstümlich und so ist es vielleicht zu erklären, dass er von den Nationalsozialisten zunächst nicht zu einem „verbotenen Autor“ erklärt wurde. Doch dies mochte der „leidenschaftliche Pazifist“ und „katholische Sozialist“ nicht hinnehmen: Er formulierte seinen Protest in der Wiener Abendzeitung unter dem Titel „Verbrennt mich.“

Das Feuer ist „das eindruckvoll­ste von allen Mitteln der Zerstörung“. Elias Canetti, Literaturnobelpreisträger und in Deutschland dennoch lange Zeit als „verzichtbar“ angesehen, macht dies in seinem Werk „Masse und Macht“ deutlich: Das Feuer „zerstört auf unwiderrufliche Weise. Nichts ist nach einem Feuer, wie es vorher war. Die Masse, die Feuer legt, hält sich für unwiderstehlich. Alles wird zu ihr stoßen, während es um sich greift. Alles Feindliche wird von ihr vernichtet werden.“

Doch Feuer erlöschen, und die meisten der Autoren, die damals verbrannt wurden, wurden nicht aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt. „Bücher verbrennen ist kulturelle Barbarei. Eine Lesung zur Bücherverbrennung aber . . . macht verbrannte Worte wieder lebendig.“ Fünfzehn Leser und Leserinnen aller Altersgruppen, Schülerinnen wie Pensionäre, taten dies auf Einladung des Literaturbeirats der Stadt dankenswerter Weise mit ihren Beiträgen. „Verbrannt, verfolgt, verbannt“ – doch nicht vergessen, so lautet das Fazit dieser Lesung.